Auf dem Weg zu neuen Krebstherapien
Jede fünfte Krebserkrankung entsteht durch eine chronische Entzündung. Wie Entzündungsprozesse das Tumorwachstum fördern, untersucht der Kieler Exzellenzcluster Entzündungsforschung.

Die mikroskopische Aufnahme zeigt Lebergewebe, in das Tumorzellen eingewandert sind und eine Metastase gebildet haben. Foto: Dr. Frank Bergmann, Universität Heidelberg
Die Kieler Biologin leitet die Arbeitsgruppe »Inflammatorische Karzinogenese« am Institut für experimentelle Medizin und untersucht vor allem den Zusammenhang zwischen Entzündung und Krebs der Bauchspeicheldrüse (Pankreas). »Das Pankreaskarzinom gehört aufgrund seiner späten Diagnose und ausgeprägten Chemoresistenz zu den bösartigsten Tumorerkrankungen«, so Sebens. Chemoresistenz heißt, dass der Krebs mit der herkömmlichen Chemotherapie nicht kleinzukriegen ist. Neue Therapien sind daher dringend nötig. Ansätze dafür könnte die Entzündungsforschung liefern. »Alles, was man mit einer malignen (bösartigen) Zelle verbindet, dass sie nicht abstirbt, dass sie sich vermehrt teilt, dass sie wandert und dadurch Metastasen bildet, kann durch entzündliche Zellen oder Botenstoffen, die von diesen ausgehen, verursacht werden.«
Einer dieser Botenstoffe ist der Wachstumsfaktor TGFbeta1. Auch in Blut und Pankreasgewebe von Menschen mit Entzündungen der Bauchspeicheldrüse oder im Darmgewebe von Menschen mit chronischen Darmerkrankungen ist er massiv vorhanden. »Für diesen Faktor ist bewiesen, dass er zur malignen Transformationen beiträgt, also zur Umwandlung von Zellen in Tumorzellen«, berichtet Sebens. Über welchen Mechanismus der Botenstoff die Entartung der Zellen fördert, hat die Biologin in Zellkulturstudien und am Tiermodell analysiert. »Der Wachstumsfaktor TGFbeta1 ist ganz wesentlich daran beteiligt, dass Zellen auf ihrer Oberfläche vermehrt ein bestimmtes Molekül präsentieren. Das nennt sich L1CAM.« Zellen, die dieses Merkmal tragen, sind beweglicher und unempfindlicher gegenüber einer Chemotherapie.
Dass L1CAM ein neuer Angriffspunkt für Krebstherapien sein könnte, folgert Sebens aus Untersuchungen am Tiermodell. Die Wissenschaftlerin behandelte an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte Mäuse entweder nur mit einem Chemotherapeutikum oder zusätzlich mit einem spezifischen Antikörper, der das Molekül L1CAM blockiert. Sebens: »Wenn wir Antikörper und Chemotherapie kombinieren, können wir das Tumorwachstum deutlich mehr unterdrücken.«
Zusammen mit der Klinik für Innere Medizin I am UKSH, Campus Kiel, und dem Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg hält Sebens’ Arbeitsgruppe ein Patent auf diese Therapie. Eine klinische Studie für Personen mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom ist in Planung. Zuvor muss jedoch der Antikörper in größerem Maßstab herstellt werden, was in Kooperation mit dem Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung erfolgt.
Kerstin Nees
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