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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 67 vom 16.07.2011, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Auf dem Weg zu neuen Krebstherapien

Jede fünfte Krebserkrankung entsteht durch eine chronische Entzündung. Wie Entzündungsprozesse das Tumorwachstum fördern, untersucht der Kieler Exzel­lenz­cluster Entzündungsforschung.


Die mikroskopische Aufnahme zeigt Lebergewebe, in das Tumorzellen eingewandert sind und eine Metastase gebildet haben. Foto: Dr. Frank Bergmann, Universität Heidelberg

Entzündung als Krebsursache ist für verschiedene Erkrankungen bekannt. So weiß man, dass Infektionen mit dem Magenkeim Helicobacter pylori nicht nur Magengeschwüre hervorrufen können, sondern auch Magenkrebs begünstigen. Gefürchtete Folge einer chronischen Hepatitis ist Leberkrebs, und Menschen mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen haben ein erhöhtes Darmkrebs­risiko. Auch Tumore der Bauchspeicheldrüse gehen häufig von chronischen Entzündungen aus. »Je länger eine Entzündung in dem Organ vorliegt, desto größer ist das Risiko, dass daraus eine Krebserkrankung entsteht«, sagt Professorin Susanne Sebens vom Exzellenzcluster Entzündungsforschung.

Die Kieler Biologin leitet die Arbeitsgruppe »Inflammatorische Karzi­nogenese« am Institut für experimentelle Medizin und untersucht vor allem den Zusammenhang zwischen Entzündung und Krebs der Bauchspeicheldrüse (Pankreas). »Das Pankreaskarzinom gehört aufgrund seiner späten Diagnose und ausgeprägten Chemo­resistenz zu den bösartigsten Tumorerkrankungen«, so Sebens. Chemoresistenz heißt, dass der Krebs mit der herkömmlichen Chemotherapie nicht kleinzukriegen ist. Neue Therapien sind daher dringend nötig. Ansätze dafür könnte die Entzündungsforschung liefern. »Alles, was man mit einer malignen (bösartigen) Zelle verbindet, dass sie nicht abstirbt, dass sie sich vermehrt teilt, dass sie wandert und dadurch Metastasen bildet, kann durch entzündliche Zellen oder Botenstoffen, die von diesen ausgehen, verursacht werden.«

Einer dieser Botenstoffe ist der Wachstumsfaktor TGFbeta1. Auch in Blut und Pankreasgewebe von Menschen mit Entzündungen der Bauchspeicheldrüse oder im Darmgewebe von Menschen mit chronischen Darmerkrankungen ist er massiv vorhanden. »Für diesen Faktor ist bewiesen, dass er zur malignen Transformationen beiträgt, also zur Umwandlung von Zellen in Tumorzellen«, berichtet Sebens. Über welchen Mechanismus der Botenstoff die Entartung der Zellen fördert, hat die Biologin in Zellkulturstudien und am Tiermodell analysiert. »Der Wachstumsfaktor TGFbeta1 ist ganz wesentlich daran beteiligt, dass Zellen auf ihrer Oberfläche vermehrt ein bestimmtes Molekül präsentieren. Das nennt sich L1CAM.« Zellen, die dieses Merkmal tragen, sind beweglicher und unempfindlicher gegenüber einer Chemotherapie.

Dass L1CAM ein neuer Angriffspunkt für Krebstherapien sein könnte, folgert Sebens aus Unter­suchungen am Tiermodell. Die Wissenschaftlerin behandelte an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankte Mäuse entweder nur mit einem Chemotherapeutikum oder zusätzlich mit einem spezifischen Antikörper, der das Molekül L1CAM blockiert. Sebens: »Wenn wir Antikörper und Chemotherapie kombinieren, können wir das Tumorwachstum deutlich mehr unterdrücken.«

Zusammen mit der Klinik für Innere Medizin I am UKSH, Campus Kiel, und dem Deutschen Krebs­forschungszentrum in Heidelberg hält Sebens’ Arbeitsgruppe ein Patent auf diese Therapie. Eine klinische Studie für Personen mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom ist in Planung. Zuvor muss jedoch der Antikörper in größerem Maßstab herstellt werden, was in Kooperation mit dem Deutschen Konsortium für Translationale Krebsforschung erfolgt.

Kerstin Nees
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