Neue und alte Medien
Der McLuhan-Experte und Medienwissenschaftler Richard Cavell war im Sommersemester als kanadischer Gastprofessor am Englischen Seminar.

Richard Cavell war beeindruckt von der Diskussionsfreude der Kieler Studierenden. Foto: pur.pur
»Ich habe McLuhan 1978 kennen gelernt, als ein Dozent uns gemeinsam zum Essen einlud«, erzählt Cavell. »Dieses Treffen hat mein akademisches Leben verändert.« Obwohl McLuhan starb, bevor E-Mail und Internet die Medienwelt nachhaltig veränderten, hält Cavell dessen Thesen für bis heute gültig. »Die Informationskanäle haben sich geändert, aber die grundlegenden Prinzipien sind gleich geblieben«, sagt der 62-Jährige. »Das Prinzip des Internets ist Beteiligung – und darüber hat McLuhan schon vor 40 Jahren geschrieben.«
Das Internet ist auch aus Cavells wissenschaftlicher Arbeit nicht mehr wegzudenken. »Es ist so einfach geworden, mit seiner Hilfe eine internationale Konferenz zu organisieren«, sagt der Medienwissenschaftler. Zwar hat Cavell seinen Gastaufenthalt genutzt, um mit den Leuten vor Ort zu sprechen – aber nötig sei es nicht gewesen, sagt er. »Auch meine Einladung nach Kiel kam ja ganz einfach per E-Mail.«
Von den Kieler Studierenden zeigt sich der Kanadier beeindruckt. »Die Seminare verlaufen hier anders als bei uns«, sagt er. »Bei einem Graduiertenseminar an der University of British Columbia sitzen nur wenige Studierende mit dem Professor um einen Tisch und diskutieren.« Hier sei die Zahl der Studierenden größer, und sie erwarteten einen richtigen Lehrvortrag. »Aber sie diskutieren auch viel – je abstrakter das Thema wird, desto engagierter sind sie.« Cavell mag Gastprofessuren, weil er selbst auch viel dabei lernt. »Man muss mit einer fremden Kultur, mit anderen Erwartungen umgehen – das regt zum Nachdenken an.«
Dass er ein Seminar zum Thema Erinnerungskultur anbot, liegt ganz wesentlich an seinem Gastland. »Die deutsche Erinnerungskultur ist vorbildlich«, sagt Cavell. »Als Folge des Zweiten Weltkriegs hat man sich hier sehr intensiv mit der Vergangenheit auseinandergesetzt. Davon können wir viel lernen.« In Kanada gehe man nicht so offen mit der Vergangenheit um. So sei zum Beispiel der Umgang mit den Ureinwohnern noch längst nicht aufgearbeitet. Mit der kanadischen Erinnerungskultur will sich Cavell in Zukunft noch intensiver beschäftigen.
Außerdem plant er ein Buch über englische Landsitze – ein Thema, das für einen Medienwissenschaftler zunächst ungewöhnlich erscheint. »Architektur ist auch ein Medium«, behauptet Cavell jedoch. »Wir merken es nur nicht, weil sie uns überall umgibt.« Auch Architektur habe eine Zielgruppe, nämlich die Menschen, die darin wohnen oder arbeiten. An den englischen Landsitzen interessiert Richard Cavell ihre politische und biologische Funktion. »Der Aufstieg der Landsitze hängt mit dem Schließen der Klöster und dem Verteilen ihres Grundbesitzes zusammen«, erklärt er. »Ihr Zweck besteht darin, die genealogische Linie fortzusetzen.« Vor diesem Hintergrund lasse sich Architekturgeschichte ganz neu betrachten. Und natürlich gilt auch hier McLuhans Kennsatz: Das Medium ist die Botschaft.
Eva-Maria Karpf
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