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Nr. 67, 16.07.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Fortgeschrittener Blümchenführerschein

Wo andere nur Gräser und Klee sehen, entdeckt Hartmut Roweck unzählige Pflanzenarten. Bei seinen Exkursionen lernen Studierende die Vielfalt der Vegetation kennen.


Arne Kobarg hockt in der Wiese und beugt sich weit nach vorn. Vorsichtig zieht der Geographiestudent eine krautige Pflanze mit gelben Blüten aus dem Boden und schaut sie ganz genau an. Wurzel, Stängel, Blatt, Blattansatz, Blüte und Frucht – jedes Detail ist wichtig, um die Art der Pflanze bestimmen zu können. Auffallend ist die goldgelbe Blüte mit fünf kreisförmig angeordneten Blütenblättern. Arne Kobarg tippt auf ein Hahnenfußgewächs. Aber welches? Zusammen mit Wolfgang Pappa, der Biologie und Informatik auf Lehramt studiert, geht er die entsprechenden Seiten im Bestim­mungsbuch durch. So richtig passt das Exemplar in der Hand nicht zu den Abbildungen und Beschreibungen im Buch. Das liegt auch daran, dass in der freien Natur die Pflanzen nicht immer lehrbuchmäßig wachsen, zum Beispiel weil Wasser und Nährstoffangebot nicht optimal sind.

Wie man Pflanzen dennoch treffsicher bestimmen kann und was typisch für die einzelne Art ist, erfahren Arne, Wolfgang und 28 andere Kieler Studierende der Fächer Geographie, Agrarwissenschaft, Ökotro­phologie und Biologie bei einer vegetationskundlichen Exkursion. Eingeweihte nennen diesen einwöchigen Ausflug ins Grüne auch »fortgeschrittenen Blümchenführerschein«.

Exkursionsleiter ist Hartmut Roweck. Der Professor für Landschaftsökologie am Institut für Natur- und Ressourcenschutz weiß auf alle Fragen der Blümchenbestimmer eine Antwort und gibt häufig auch noch eine kleine Geschichte zum Besten. Zum Beispiel erzählt er, dass die Heilpflanze Beinwell (Symphytum officinale) ihren Namen selbst verrät. Denn die stark ausgeprägten Blattadern, die auf der Blattunterseite hervortreten, erinnern an die verzweigten Blutgefäße menschlicher Beine. Der Name leitet sich aber auch von der nachgesagten Heilwirkung bei Verletzungen und Knochenbrüchen ab. Einprägsam sind diese Geschichten. Und das ist auch der Grund, warum Roweck sich nicht darauf beschränkt, die üblichen Bestimmungsmerkmale von Blatt, Blüte, Stängel, Fruchtstand und dergleichen zu erläutern. »Mir geht es weniger um die Namen, als darum, Interesse zu wecken für die biologischen Phänomene, die einem auf jeder Wiese begegnen. Es ist mir ein Anliegen, Beziehungen zu Organismen und Lebensräumen zu schaffen und einen Initialfunken zu setzen, sich mit den Dingen auseinander­zusetzen.«

Professor Hartmut Roweck weiht Geographie­studentin Lea Kundoch in die Geheimnisse der Pflanzenbestimmung ein. Foto: Kerstin Nees

Nicht immer stößt er damit auf Begeisterung. »Ich studiere Geographie und interessiere mich für die Landschaft, nicht für die einzelnen Pflanzenarten«, so der Kommentar eines Exkursionsteilnehmers. An der Gruppenarbeit im Freien beteiligt er sich dennoch. Aufgabe ist, eine Artenliste zu erstellen, also aufzuschreiben, welche Pflanzenarten im Gelände wachsen. Abgesehen von dem Staunen darüber, wie vielfältig die Vegetation ist, hat diese Aufgabe auch einen ganz praktischen Nutzen. Denn die Pflanzenarten, die an einem Standort wachsen, sagen etwas über den Nährstoff und Wasserhaushalt des Bodens aus. Interessant für die teilnehmenden Studierenden der Agrarwissenschaft ist zum Beispiel der Futterwert, der sich zwischen verschiedenen Gräser und Kräuterarten deutlich unterschei­det. Durch die Art der Bewirtschaftung kann man einzelne Arten fördern oder zurückdrängen.

Diese Zusammenhänge zwischen Standortfaktoren und Vegetation deutlich zu machen, ist ein Ziel der Exkursion. Das Untersuchungsgelände – die Elbtalauen im niedersächsischen Wendland – sind hierfür ein ideales Revier. Roweck: »Das ist eine Landschaft mit viel natürlicher Dynamik. An diese besonderen Verhältnisse angepasst findet man alle möglichen Strategien. Da stehen Wasserpflanzen neben Trockenrasenpflanzen, zwei Schritte auseinander. Die haben teilweise sehr interessante und unterschiedliche Strategien, wie sie sich mit der Trockenheit auseinander setzen.«

Als Fachmann in Sachen Fauna begleitet der Kieler Zoologieprofessor Sievert Lorenzen die Exkursion. Sein Blick geht häufig in die Höhe. Der Mäusebussard zieht am Himmel seine Kreise. Auch Rot- und Schwarzmilan hat der pensionierte Professor mit seinem Fernglas im Blick. Für Exkursionsleiter Roweck ist es wichtig, auch der Frage nachzugehen: »Was lebt denn eigentlich da? Es gibt viele Pflanze-Tier-Interaktionen, die man zum Beispiel an Fraßspuren auf Blättern erläutern kann.« Ergänzend zu den Bestimmungsübungen bietet er Interessierten auch Vogelstimmenwanderungen am Morgen an.

Aber muss man das wirklich alles wissen? Gerade in der Biologie konzentriert sich die Forschung vor allem auf molekularbiologische Fragestellungen. Wozu braucht man da noch Artenkenntnisse? Roweck: »Wenn man Naturverantwortung übernehmen möchte, sollte man grundlegende Kenntnisse haben. Das ist die Basis. Ich kann nur schützen, was ich kenne und schätze. Das ist die rationale Begründung. Ich mache das aber vor allem auch wegen der leuchtenden Augen, die die Naturerfahrung mit sich bringt. Dieses genaue Hinschauen war für mich auch immer verbunden mit dem Erlebnis, dass es auch Ehrfurcht vor der Schöpfung weckt.«

Kerstin Nees
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