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Nr. 67, 16.07.2011  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Wiki-Wissenschaft

Wikipedia und Wissenschaft: Kann das zusammenpassen? Unter Umständen ja, meinen zwei Historiker der CAU.


Foto: iStock

Fürs Wintersemester 2010/11 schrieben der Regionalhistoriker am Historischen Seminar, Professor Oliver Auge, und der Fachreferent für Geschichte und Kulturgeschichte an der Universitätsbibliothek, Dr. Johannes Mikuteit, erstmals ein Wikipedia-Seminar aus. Vorbild war eine ähnliche Lehrveranstaltung, auf die Johannes Mikuteit während eines Bibliothekspraktikums in den USA aufmerksam geworden war. »Das weckte mein Interesse«, sagt er.

Mikuteit sprach Professor Auge an, und der war sofort Feuer und Flamme für das Thema. Aus sehr pragmatischen Gründen: Gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften spielt die Online-Enzyklopädie Wikipedia nach seiner Überzeugung eine nicht mehr zu leugnende Rolle. Insofern müsse man sich auch seitens der Lehrenden »einfach den Gegebenheiten stellen«. Die besonders von älteren Kolleginnen und Kollegen gehegten Vorbehalte gegen Wikipedia kann der 39-Jährige gleichwohl nachvollziehen. Dass Wikipedia-Autoren anonym und vielfach nicht frei von Fehlern publizieren, ist für Oliver Auge unbestreitbar kritikwürdig. Andererseits bietet die im Internet vereinte »Weisheit der Vielen« den Vorteil, in kürzester Zeit und mit denkbar geringem Aufwand Informationen zu erhalten. »Wenn das in der Wissenschaft als Plattform betrachtet wird, von der aus man weiterarbeiten kann, ist dagegen wenig einzuwenden«, meint Auge.

Das Wikipedia-Seminar sollte die Studierenden den kritischen Umgang mit der Enzyklopädie lehren. Von der Recherche bekannter Fakten über die Suche nach neuen Quellen bis zur kritischen Auseinandersetzung und publizistischen Verwertung inklusive der strengen Anforderungen an Belegpflicht und Urheberrecht sollten die neun männlichen und zwei weiblichen Seminarteilnehmer Gelegenheit bekommen, das gesamte Spektrum selbstständig zu erproben.

Ihre Aufgabe war, biografische Artikel über Kieler Geschichtsprofessoren des 18. bis 20. Jahrhunderts zu verfassen. Auf diese Weise konnten die Studierenden hautnah erleben, wie Wikipedia funktioniert. So muss jeder Beitrag Relevanzkriterien erfüllen, damit sich nicht Hinz und Kunz digitale Denkmäler der Eitelkeit setzen können. Professoren sind nach den Maßstäben von Wikipedia zwar wichtig genug, um Artikel über sie zu veröffentlichen, ob es aber mit dem über sie Geschriebenen seine Richtigkeit hat, wird stets von ehrenamtlichen Kontrolleuren aus der WikipediaCommunity geprüft. Und selbst wenn beide Hürden genommen sind, stehen die Inhalte keineswegs für die Ewigkeit. Jeder registrierte Nutzer kann jederzeit eventuelle Fehler korrigieren. In der Tat sind trotz intensiver Vorbesprechungen in der Gruppe einzelne Passagen der bisher ins Netz gestellten Texte bereits verbessert worden.

Aufschlussreich war das Seminar in vielerlei Hinsicht. Die Studierenden mussten lernen, mit dem neuen Medium und seinen besonderen Anforderungen sowie dem Druck öffentlicher Kontrolle umzugehen. Sie erfuhren dabei, dass nicht zuletzt vor diesem Hintergrund die Erstellung eines Wikipedia-Artikels mindestens so aufwendig ist wie das Verfassen einer gewöhnlichen Hausarbeit. Ebenfalls erlebten sie, wie ausgeklügelt das Kontrollsystem von Wikipedia ist und konnten nachvollziehen, dass die Online-Enzyklopädie nicht ohne Grund renommierten gedruckten Nachschlagewerken in den meisten Fällen ebenbürtig ist.

Martin Geist

Über folgende Kieler Geschichtsprofessoren wurden von den Seminarteilnehmern bisher Artikel in Wikipedia eingestellt: Christiani, Wilhelm Ernst (1731–1793); Jürgensen, Kurt (1929–1999); Koppe, Wilhelm (1896 1975); Labib, Subhi (1924–1987); Liepe, Wolfgang (1888 1962); Sieg, Emil (1866–1951).
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