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Nr. 68, 22.10.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Die Neugier bleibt

Geowissenschaftlerin Priska Schäfer gehört, wenn man so will, zu den Ur­gesteinen in ihrer Zunft. Im unizeit-Interview spricht sie über ihren Weg in der Wissenschaft.


unizeit: Die Geowissenschaften gelten als sehr komplexe und sehr anspruchsvolle Disziplin. Was hat Sie gerade in diese Richtung geführt?

Priska Schäfer: Ich hatte schon als Kind den Wunsch, einmal Naturforscherin zu werden. Objekte in der Landschaft, Steine, Fossilien, Archäologie, Geschichte – das war das, was mich früh interessiert hat. Dazu kommt, dass meine Eltern Biologen waren und mein Ziel nicht als Spinnerei abgetan haben, sondern mich unterstützten.

Sie haben dieses Ziel dann auch geradewegs in Angriff genommen...

Ja, nach dem Abitur studierte ich 1969 in Gießen Geologie. Das waren aus heutiger Sicht kuriose Zeiten. Wir waren fünf Anfänger, und alle äußerten sich ganz begeistert, wie viele Neue es zu begrüßen gab. Heute haben wir in Kiel zum Vergleich 260 Bewerberinnen und Bewerber und können kaum die Hälfte aufnehmen.

Wie viele Frauen traten damals mit Ihnen an?

Auch das hat sich inzwischen drastisch verändert. Heutzutage beträgt der Frauenanteil unter den Studierenden der Geologie in Kiel 40 Prozent, ich war in Gießen die einzige. Fühlten Sie sich dabei als Randfigur? Nein. Natürlich gab es mal den einen oder anderen Spruch seitens der Männer, aber ich fühlte mich menschlich und fachlich akzeptiert. Für die Emanzipationsdebatte hatte ich mich auch nie groß interessiert. Und genauso war es nie mein Ziel, Karriere zu machen. Ich tat, was ich tat, einfach weil ich Spaß daran hatte.

Was macht für Sie den Spaß an den Geowissenschaften aus?

Forschung in der Natur, weite Reisen zu unternehmen und dabei wirklich Neues zu entdecken und die Wissenschaft ein Stück voranzubringen, dieses Ziel hat sich für mich erfüllt. Natürlich gehört viel Arbeit am Schreibtisch dazu, und natürlich ist das Fach vor allem in physikalisch-chemischer Hinsicht methodisch differenzierter geworden. Aber das entspricht dem heutigen wissenschaftlichen Standard.

Sie sind seit Herbst 1989 Professorin in Kiel. Hat es Sie nie gereizt, einmal zu wechseln?

Als ich nach Kiel kam, fühlte ich mich sofort ganz richtig am Platz. Hier konnte ich mein starkes Interesse an der Biologie und ihrer Verknüpfung mit der Geologie wunderbar ausleben. Meine Doktorarbeit an der Universität Erlangen drehte sich um ein Thema aus der Paläontologie, also der Stein gewordenen Geschichte der Organismen. Thema waren die alpenländischen Korallen­riffe aus der Trias- Zeit, entstanden vor 200 Millionen Jahren. Später dehnten sich diese Forschungen bis in den Mittelmeerraum aus, immer verbunden mit entsprechenden Forschungs­reisen. Diese Reisen waren sehr anregend für mich, entscheidend war aber immer ihr Zweck. Herauszufinden, was uralte versteinerte Objekte über frühere Verhältnisse und die Entwicklung des Klimas und der Lebensbedingungen auf der Erde aussagen, das ist mein Kernthema. Und diesem Thema konnte und kann ich mich in Kiel mit seinem maritim-wissenschaftlichen Umfeld hervorragend widmen.

Bekannt geworden sind Sie mit Ihren Forschungen zu Bryozoen.

Das begann in meiner Marburger Zeit, als ich dazu meine Habilitationsschrift verfasste. Bryozoen sind wunderbare Wesen. Sie bilden wie Korallen große Kolonien und haben genauso ein Skelett aus Kalk, das aber viel komplexer gebaut ist. Aus ihren Skeletten und dem Vorkommen der Tiere in den Meeresablagerungen können wir erkennen, welche Lebens- und Klimabedingungen einmal an dem betreffenden Ort gegeben waren.

Worüber freuen Sie sich als Wissenschaftlerin am meisten?

Mit meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern habe ich hier in Kiel ein sehr anregendes fachliches Umfeld mit exzellenten Bedingungen für die Realisierung unserer Projekte. Schon etwas stolz sind wir in Kiel unter anderem auf unsere Forschungen über Kaltwasserkarbonate. Lange Zeit galt in der Wissenschaft als gesetzt, dass solche Kalkgebilde nur in tropischen Gewässern vor­kommen. Wir wiesen sie dann auf dem Schelf vor Spitzbergen und in weiteren Regionen mit ganz anderem Klima nach. Die Karbonatsedimentologie konnten wir damit entscheidend revolutionieren.

Ist nach so vielen Jahren und so vielen Reisen noch etwas übrig vom Forschungsdrang der kleinen Priska?

Ja, natürlich. Ich kann sagen, dass sich mein Kindheitstraum von der Naturforscherin sogar übererfüllt hat. Aber die Neugier ist nach wie vor da. Zurzeit befassen wir uns zum Beispiel mit Rotalgen aus Panama und ihren Karbonatbildungen. Dabei zeigen sich verblüffende Analogien mit Rotalgen, die wir vor Spitzbergen gefunden haben. Das hängt mit dem Auftrieb ozeanischen, nährstoffreichen Tiefenwassers in diesem Teil des Pazifiks zusammen. Diese Region mit ihrer besonderen marinen Umwelt bietet so viele Forschungsthemen, dass ich sie in meinem beruflichen Leben bestimmt nicht mehr abgearbeitet bekomme.

Das Interview führte Martin Geist
Professorin Priska Schäfer (61) forscht und lehrt seit 1989 in Kiel. Von 1992 bis 1998 stand sie als erste Frau an der Spitze eines Sonderforschungsbereichs, des SFB 313 »Veränderungen der Umwelt: Der nördliche Nordatlantik«. Die in Wilhelmshaven geborene und in Frankfurt/Main aufgewachsene Geowissenschaftlerin gilt als eine der führenden Expertinnen auf dem Gebiet der Karbonatsedimentologie.
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