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Nr. 68, 22.10.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Alte Knochen

Die Archäozoologin Cheryl Makarewicz erforscht die Ursprünge der Landwirt­schaft. Längst gestorbene Tiere helfen ihr dabei.


Professorin Cheryl Makarewicz in el- Hemmeh, Jordanien.
Foto: Joshua Wright

Was macht eigentlich eine Archäozoologin? In den Tierpark geht sie höchstens aus privatem Interesse, denn die Gegen­stände ihrer Forschung sind eher etwas fürs Museum. Cheryl Makarewicz befasst sich mit Überresten von Tieren, die vor etwa 11.000 Jahren im Gebiet des heutigen Jordaniens gelebt haben.

Die US-Amerikanerin ist seit einem Jahr Profes­sorin für Archäozoologie und Isotopenforschung am Institut für Ur- und Frühgeschichte. Außerdem engagiert sich Makarewicz in der Doktoranden­ausbildung der Gradu­iertenschule »Human Development in Land­scapes«.

»Die gute Zusammenarbeit über Fächergrenzen hinweg ist einer der wichtigsten Gründe, wegen derer ich mich für Kiel entschieden habe«, erklärt sie ihren Wechsel von der Stanford University in Kalifornien, USA, an die Kieler Uni. »Hier kann ich mich eng mit den Leuten aus der Archäologie abstimmen, aber auch mit Forscherinnen und Forschern aus anderen Disziplinen beraten. Beispielsweise habe ich mit Professorin Almut Nebel aus dem Institut für Klinische Molekularbiologie anregende Gespräche darüber geführt, wie wir mit Untersuchungen alter DNA (aDNA) komplexen Forschungsfragen auf den Grund gehen können«, berichtet Makarewicz, die für ihre Forschung häufig in der Welt unterwegs ist.

»Mein derzeit wichtigstes Feldprojekt dreht sich um die jungsteinzeitliche Siedlung el- Hemmeh in Jordanien.« Mit einem internationalen Team erforscht sie dort den Übergang von Jäger- und Sammlerkulturen zu sesshaften Bauern. Dieser Prozess fand dort wesentlich früher statt als in unserer Gegend. »Mich interessieren die Umstände, unter denen die Menschen dort vor etwa 11.000 Jahren begannen, Getreide anzubauen und Vieh zu züchten«, sagt Makarewicz. Und schiebt gleich eine – nicht ganz ernst gemeinte – Theorie zur Motivation für den Gersteanbau nach: »Einige behaupten, dass es dabei vor allem um Bier gegangen sei«, sagt sie augen­zwinkernd.

Statt solch unausgegorenen Ideen anzuhängen, beleuchtet die junge Professorin lieber greifbare Überreste. Bei den archäologischen Ausgrabungen in el-Hemmeh werden zahlreiche uralte Tierknochen und -zähne zu Tage gefördert. Dank neuester wissenschaftlicher Untersuchungs­methoden, beispielsweise Isotopenanalysen, bieten sie Erkenntnisse über die Ernährung oder Wanderungsbewegungen der Tiere. Letzteres ist deshalb interessant, weil sich daraus erkennen lässt, wann die Bevölkerung von el-Hemmeh wirklich sesshaft wurde. »In einer Übergangsphase haben sie ihre Tiere vermutlich nur zeitweise an einem festen Ort gehalten und sind ansonsten mit ihnen zu verschiedenen Weidegründen gezogen«, erklärt Makarewicz. An gut erhaltenen Überbleibseln kann anhand von Form und Größe auch Tierart, Geschlecht und Alter bestimmt werden. »Wenn wir beispielsweise viele Überreste sehr junger Schafe finden, können wir daraus schlussfolgern, dass die Halter vor allem auf die Milch der Muttertiere aus waren. Um die zu bekommen, musste der Nachwuchs getötet werden.«

Jirka Niklas Menke
Die ersten Bauern
Als unsere Urahnen begannen, Getreide anzubauen und Vieh zu züchten, war das nicht nur eine grundlegende Umstellung der Wirtschaftsweise. Gegenüber dem nomadischen Leben von Jägern und Sammlern wurden die ersten Bauern durch gesteigerte Nahrungsmittel­produktion und das Anlegen von Vorräten unabhängiger von der Natur. Damit war der Grundstein für ein stetiges Wachstum der Bevölkerung gelegt. Von Region zu Region gab es große zeitliche Unterschiede, wann die Menschen sesshaft wurden und damit in die Jungsteinzeit eintraten. Während im Nahen Osten über 11.500 Jahre alte Spuren von Ackerbau und Viehzucht gefunden wurden, tauchten die ersten Bauern im nördlichen Mitteleuropa erst vor rund 6.000 Jahren auf. (jnm)
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