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Nr. 68, 22.10.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Ursachenforschung

Proben und Daten, die in der Biobank »popgen« lagern, dienen der Erforschung von Krankheitsursachen. Dafür braucht es immer wieder Frei­willige, die Zeit aufwenden und Blut spenden.


In den Röhrchen befinden sich die Blutproben, aus denen in mehreren Arbeits­schritten die DNA isoliert wird. Foto: popgen

»Sie haben uns vor einiger Zeit mit einer Blutspende unter­stützt und damit zum Aufbau der norddeutschen Biobank popgen wesentlich beigetragen. (...) Wir würden uns freuen, wenn wir weiterhin auf Ihre Mithilfe zählen könnten.« So beginnt der Brief, den etwa 1200 Norddeutsche vom Universitätsklinikum Schles­wig-Holstein im Sommer bekommen haben. Die Adressaten sind Personen, die in die Kontrollgruppe der Biobank popgen aufge­nommen wurden. Zwischen 2005 und 2007 kamen sie erstmals ins Studienzentrum der Biobank, wo sie untersucht wurden, Blut abgenommen bekamen und einen Fragebogen ausfüllten. Sie wurden damals mithilfe der Einwohnermeldeämter nach dem Zufalls­prinzip ausgewählt.

Die Proben dieser gesunden Kontrollpersonen dienten ursprünglich dem Vergleich mit Proben von erkrankten Personen. Die Suche nach genetischen Risikofaktoren für die großen Volkskrankheiten war das vorrangige Ziel der 2003 gegründeten Biobank. Mit der Berufung von Ute Nöthlings an die Kieler Universität vor fast drei Jahren hat sich das Forschungsfeld von popgen erweitert. »Wir interessieren uns zunehmend auch für den Einfluss von Umwelt- und Lebensstilvariablen wie Ernährung und körperliche Aktivität«, erklärt die Professorin für Epidemiologie und wissenschaftliche Leiterin der Biobank. Umweltfaktoren wirken jedoch langfristig. Um Effekte beobachten und Krankheitsursachen erforschen zu können, reicht eine einmalige Erhebung nicht aus. Nachuntersuchungen erfassen, welche Veränderungen es gab, ob vielleicht Blutfette oder Blutzucker angestiegen sind, wie sich das Gewicht verändert hat und ob zwischenzeitlich Krankheiten aufgetreten sind.

Daher wurden die Kontrollpersonen von der Basiserhebung jetzt gebeten, erneut ins Studienzentrum zu kommen, um Fragen zu beantworten, Blut abzugeben und sich untersuchen zu lassen. Verschiedene Werte werden dabei erstmals erhoben. Zum Beispiel sollen die Ernährungsgewohnheiten mit einem ausführlichen Fragebogen erfasst, der Bauchraum mittels Ultraschall untersucht und zusätzlich mittels Magnetresonanztomographie (MRT) die Körperzusammensetzung gemessen werden. »Außerdem fragen wir noch detaillierter nach dem Rauchverhalten und körperlicher Aktivität«, ergänzt Nöthlings. Die erhobenen Daten ermöglichen zusammen mit den Blutproben eine Reihe von Studien. Aktuelle Projekte von Nöthlings’ Arbeitsgruppe beschäftigen sich zum Beispiel mit Entzündungsmarkern, Ernährung und körperlicher Aktivität im Zusammenhang mit Ablagerungen von Fett im Bauchraum und dem Zusammenspiel von genetischen Faktoren und Umweltfaktoren bei Darmkrebs. »Solche Studien leben von der Anzahl der Teilnehmenden. Wir sind angewiesen auf die Bereitschaft der Bevölkerung hierfür ihre Daten und Proben zur Verfügung zu stellen«, betont die Wissenschaftlerin.

Der Aufwand ist überschaubar: »Die Untersuchungen dauern pro Person zwischen ein und zwei Stunden«, sagt Dr. Gunnar Jacobs, bei dem die Fäden im popgen-Team zusammenlaufen. zusammenlaufen. Hinzu kommt der Termin für die etwa viertelstündige MRT-Untersuchung. Die Blut- und Stuhlproben werden hinterher bei minus 80 Grad in speziellen Tiefkühlschränken aufbewahrt. Aus dem Blut wird DNA isoliert und bei minus 20 Grad gelagert. »Im Moment haben wir 15 bis 20 solcher Minus-80-Grad- Schränke in Gebrauch«, berichtet Jacobs. Die Mehrzahl der Proben wird im nächsten Jahr vom Klinikgelände in die Leibnizstraße umziehen. Nach Fertigstellung des Zentrums für Molekulare Biowissenschaften (ZMB) wird dort das automatische Probenlager seinen Betrieb aufnehmen.

Und die Lagerkapazitäten müssen weiter steigen. Denn die Biobank beteiligt sich unter Federführung von Ute Nöthlings auch an dem Aufbau einer großen nationalen Kohorte. Ab 2013 sollen deutschlandweit 200.000 Personen rekrutiert, untersucht und über viele Jahre nachbeobachtet werden. Aus Schleswig- Holstein soll popgen 10.000 Personen in die Studie einschleusen. Für erste Vorarbeiten werden schon jetzt Freiwillige eingeladen, die zuvor nach dem Zufallsprinzip vom Einwohnermeldeamt gezogen wurden. Nöthlings: »Hier geht es darum, Abläufe und Messmethoden zu testen, bevor man sie später als Instrument in der großen Kohorte einsetzt.«

Kerstin Nees
Biobank popgen
Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UK S-H) betreibt am Campus Kiel die deutschlandweit einmalige Biobank popgen – eine intensiv von in- und ausländischen Fachleuten genutzte Ressource zur genetischen Erforschung von Volkskrankheiten wie Herzinfarkt, Krebs oder chronischen Entzündungen. Die Biobank wurde 2003 gegründet, in erster Linie, um Risikogene für die jeweilige Krankheit zu identifizieren. Neben genetischen Einflussfaktoren werden seit einiger Zeit auch Umwelteinflüsse beziehungsweise die individuellen Lebensgewohnheiten der Patientinnen und Patienten bei der Bewertung der Krankheitsrisiken berücksichtigt. Aktuell enthält popgen Daten und Bioproben von rund 75.000 Personen aus der Region, aus Deutschland und dem Ausland.
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