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Nr. 68, 22.10.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Höhenflug mit Handicap

Im Behindertensport kommt der Erfolg oft zufällig daher. Systematischer könnte es durch das Zutun der Uni Kiel werden.


Heiko Kröger, Olympiasieger und mehrfacher Weltmeister im Segeln, ist ein Vorzeigeathlet im deutschen Behindertensport. Foto: picture alliance

Äußerst erfolgreich schnitt der Deutsche Behinder­tensportverband zwar bei den jüngsten Winterspielen der Paralympics ab, langsam, aber stetig abwärts ging es hingegen im Sommer. 2008 fanden sich die Deutschen im Medaillenspiegel erstmals nicht mehr unter den besten zehn Nationen wieder. Und weil die Spitzenleute bereits relativ alt sind, spricht zudem nichts für eine schnelle Trendwende.

Für den Kieler Sportpsychologen Professor Manfred Wegner sowie seine Mitarbeiter Dr. Jan-Peter Brück­ner und Dr. Florian Pochstein war das Anlass, in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Behinderten­sportverband und dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft Anspruch und Realität der Spitzen­förderung zu untersuchen.

Schriftliche Befragungen von etwa 100 Fachleuten und strukturierte Interviews mit 30 Topleuten aus allen maßgeblichen Disziplinen bilden das Rückgrat der Analyse, die teils ebenso bemerkenswerte wie ernüchternde Erkenntnisse bringt. »Es war kein Einziger dabei, der über ein systematisches Sichtungsprogramm zum Sport gekommen ist«, berichtet Professor Wegner. Maßgeblich für die Prägung von Siegertypen scheinen vielmehr (spitzen-)sportliche Erfahrungen zu Zeiten ohne Behinderung, Impulse aus der Rehabilitationsphase nach einem Unfall oder der Einfluss von Trainerinnen oder Trainern vor Ort zu sein. Unterstützung aus dem familiären Umfeld, konkrete Trainingsbedingungen sowie die Vereinbarkeit des Sports mit Schule oder Beruf gehören zu jenen Faktoren, die sich von den allgemeinen Voraussetzungen für Spitzenleistungen auf internationalem Niveau im Kern nicht unterscheiden.

»Vieles ist vergleichbar«, bestätigt Jan-Peter Brückner. Der Haken liegt nach seiner Einschätzung jedoch darin, dass es im konkreten Fall für diejenigen, die behindert sind und nach ganz oben streben, deutlich komplizierter wird. Das beginnt bei geeigneten Sportstätten und Leistungszentren, die sich oft weit entfernt vom Wohnort befinden. Und es endet bei Trainerinnen und Trainern, die zwar guten Willens sein mögen, aber aus Unerfahrenheit und Angst vor Überforderung ihrer Schützlinge nach spitzensportlichen Maßstäben nicht leistungsbezogen genug vorgehen.

Vergleichsweise einfach ist es noch, Frauen und Männer, die aufgrund eines Unfalls behindert sind, für den Spitzensport zu gewinnen. Kinder, die von Geburt an ein Handicap haben, besuchen dagegen oft Regelschulen und werden unter den für den Behindertensport relevanten Bedingungen nicht gefördert. Allein die Anforderungen des Datenschutzes erschweren es laut Brückner enorm, überhaupt an den förderungswürdigen Nachwuchs heranzukommen.

Aussichtslos ist das Streben nach Erfolg aber nicht. Die Kieler Forscher schauten sich auf Landesebene an, wo es mit Medaillen und Titeln funktioniert, und fanden heraus, dass das nicht allein mit Geld zu tun hat. Die Verbände in Nordrhein-Westfalen, Bayern oder Baden-Württemberg definieren sehr klare Positionen zum Spitzensport und fahren die entsprechenden Erfolge ein, ohne den Reha- und Breitensport zu vernachlässigen. Weniger leistungsorientiert zeigen sich die keineswegs von Armut geschlagenen Hessen, bei denen deutlich seltener die Medaillen funkeln.

»Erfolg beginnt in den Köpfen«, schlussfolgert Professor Wegner, der zudem Faktoren wie einer weitergehenden Aus- und Fortbildung qualifizierter Trainerinnen und Trainer eine große Bedeutung beimisst.

Wettbewerbe wie "Jugend trainiert für Paralympics" weisen nach der Kieler Analyse beim Nachwuchs in die richtige Richtung. Dringend müssten aus Sicht der Wissenschaftler jedoch die Sportlehrerinnen und Sportlehrer an den Regelschulen systematischer an das Thema herange­führt werden. Und das in der Konsequenz am besten über entsprechende Pflichtveranstaltungen innerhalb des Studiums, die es aufgrund des fehlenden Verständnisses der Ministerien aber nicht gibt. Angemessene Förderung in allen Lebensbereichen sei für Menschen mit wie ohne Behinderung ein ganz wesentliches soziales Anliegen, betont Manfred Wegner.

Martin Geist
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