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Nr. 68, 22.10.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Hand in Hand

Die Therapie von Parkinson und anderen Bewegungsstörungen hat große Fortschritte gemacht. Für medizinische und forschende Fachkräfte bedeutet das die Pflicht Neues zu lernen, betont Professor Günther Deuschl im unizeit-Interview.


Professor Günther Deuschl Foto: Focus

unizeit: Herr Professor Deuschl, Sie sind kürzlich zum Präsidenten der »International Movement Disorders Society« gewählt worden. Was bedeutet dieses Amt über die Ehre hinaus?

Günther Deuschl: Es ist unter anderem eine Anerkennung der Parkinson-Forschung in Deutschland durch diese weltweite Organisation. Allein in Deutschland leiden etwa 250.000 Menschen unter der Parkinson-Krankheit. Es ist erst 30 Jahre her, da waren die Betroffenen nach zehn Jahren auf den Rollstuhl angewiesen. Heute können sie in vielen Fällen ein fast normales Leben führen und werden annähernd genauso alt wie der Durchschnitt der Bevölkerung. Diese Entwicklung zeigt, wie viel sich getan hat und was durch patientenorientierte Forschung erreicht wurde. Wer wie ich als Arzt und Wissenschaftler damit zu tun hat, muss bereit sein, jeden Tag etwas Neues dazuzulernen. Genau um den Austausch und die Weiterentwicklung der Behandlungsmöglichkeiten kümmert sich auf weltweiter Ebene die »International Movement Disorder Society« (Internationale Gesellschaft für Bewegungsstörungen). Womit haben wir es bei der Parkinson-Krankheit eigentlich zu tun?

Mit einer neurologischen Erkrankung, die in einem bestimmten Teil des Gehirns zum Absterben von Nervenzellen mit dem Botenstoff Dopamin führt. Betroffen sind Frauen und Männer gleichermaßen, besonders ab dem 60. Lebensjahr. Bewegungsverzögerungen, Verspannung der Muskulatur und auffälliges Zittern gehören zu den markantesten Symptomen von Parkinson. Früher konnte das zu Lungenentzündungen aufgrund der Unbeweglichkeit des Brustkorbs oder zu ernsthaften Herzproblemen und damit zum frühzeitigen Tod führen. Aber mit solchen Szenarien haben wir es heute glücklicherweise nur noch selten zu tun.

Wie erklären sich die Fortschritte in der Therapie?

In der Parkinson-Forschung arbeiten die Medizin und die Grundlagenforschung Hand in Hand, und die größten Erfolge sind aus dieser Kooperation entstanden. Konkret begann alles mit der Kenntnis der Ursache von Parkinson, dem Mangel an Dopamin. Es war natürlich ein Glücksfall, dass man eine Ursache so eindeutig zuordnen konnte und deshalb in der Lage war, daraus ein Therapieprinzip, nämlich den Ersatz dieses Überträgerstoffes, abzuleiten.

Auf welche Weise werden Patientinnen und Patienten heute behandelt?

Sehr oft liegt die Lösung darin, den Dopaminmangel mit verschiedenen Medikamenten auszu­gleichen. Was genau eingesetzt wird, hängt vom Einzelfall ab, denn gerade Parkinson äußert sich sehr individuell. Neben der Bewegungsverlangsamung kommen Blasenstörungen, Depres­sionen, Kreislaufprobleme, chronischer Schlafmangel oder Schmerzen ganz unterschiedlicher Art vor. Gerade weil das so ist, hat internationaler Austausch eine große Bedeutung. Es ist enorm wichtig zu wissen, wer mit welchem Medikament oder welcher Methode welche Erfahrungen gemacht hat und welche neuesten Studienergebnisse tatsächlich Behandlungsschemata ändern.

Stehen Ihnen bei Parkinson und anderen Bewegungsstörungen alternative Therapien zur Verfügung?

Für den Parkinson war die Entwicklung einer Methode entscheidend, die wir tiefe Hirnstimulation nennen. Dabei wird das Problem, wenn man so will, direkt am Entstehungsort gepackt, indem die betroffene Hirnregion mit Elektroden stimuliert wird.

Ein anderes Beispiel für entscheidende Fortschritte bei den Bewegungsstörungen: Bei den sogenannten Dystonien sind die Muskeln dauernd aktiv und führen zu Verkrampfungen. Diese Verkrampfungen führen zu unwillkürlichen Bewegungen, und die Betroffenen halten zum Beispiel Kopf, Arm oder Rumpf in einer dauernden abnormen Position. Beispiele sind der Schiefhals oder der Lidkrampf. Das Muskelgift Botulinumtoxin hilft hier nachhaltig, wenn es therapeutisch angewandt wird. Das Militär entdeckte Botulinumtoxin als Kampfgift, bevor es zur Behandlung dieser Leiden genutzt wurde. Erst viel später hat man es dann unter dem Namen Botox als Lifestyle-Mittel zum Faltenglätten benutzt.

Ist es eigentlich Zufall, dass Sie beruflich in einem Bereich gelandet sind, in dem es so viele Erfolgserlebnisse gibt?

Natürlich hatte ich Glück, dass ich gerade in eine Zeit hineinwuchs, in der es zu solch bahnbrechenden Fortschritten kam, an denen ich mitwirken durfte. Als junger Arzt war ich von den neuen Möglichkeiten der Neurologie fasziniert. Mich hat begeistert, dass bis dato unbehandelbare Krankheiten therapierbar wurden. Wenn die Medizin plötzlich ganz ent scheidend zur Verbesserung der Lebensqualität von kranken Menschen beitragen kann, dann ist das die Erfüllung des Berufes. Das ist in meinem Fachgebiet in den letzten Jahrzehnten vielfach geschehen.

Das Interview führte Martin Geist
Professor Günther Deuschl (61) ist Direktor der Kieler Klinik für Neurologie am Uniklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, und für zwei Jahre zum Präsidenten der »International Movement Disorders Society « gewählt worden. Die Organisation hat weltweit 3500 Mitglieder und widmet sich neben Morbus Parkinson anderen Störungen der Bewegungssteuerung, etwa dem Essenziellen Tremor (starkes Zittern) oder dem Blepharospasmus (Lidkrampf), von dem zumeist ältere Patienten betroffen sind, die ihre Augen auf Grund der Erkrankung nicht mehr öffnen können. Auch bei solchen Krankheiten gibt es heutzutage wirksame Hilfe.
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