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Nr. 68, 22.10.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback   Druckfassung

Reiche Algenernte

Die Rotalge Delesseria sanguinea enthält eine Substanz mit wertvollen Eigenschaften. Im Pharmazeutischen Institut wurde ein Verfahren entwickelt, diese mit möglichst wenig Aufwand zu extrahieren.


Der blutrote Seeampfer, wie diese Rotalge auch genannt wird, ist schön anzusehen, bietet Fischen Nahrung sowie Unterschlupf und liefert wertvolle Substanzen. Foto: Uwe Friedrich / www.style-kueste.de

»Die Alge Delesseria sanguinea gilt als die schönste und teuerste Alge«, sagt die Kieler Pharmazeutin Susanne Alban. Vor allem in Frankreich sei die Nachfrage hoch. »Die Franzosen stellen viele Produkte aus Algen her. Die haben eine richtige Algenindustrie «, erklärt die Professorin für Pharmazeutische Biologie. Der Marktwert für ein Kilogramm Feuchtware liege im Bereich von zehn Euro. Summen, bei denen es sich lohnen könnte, Algen gewerbsmäßig zu ernten oder künstlich zu züchten.

Das dachte sich auch die Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei Mecklen­burg-Vorpommerns, die vor der mecklenburgischen Ostseeküste ein künstliches Riff (siehe Kasten) aufgebaut hat. Delesseria sanguinea, auch blutroter Seeampfer genannt, gedeiht dort sehr gut und könnte zu einer zusätzlichen Erwerbsquelle neben der herkömmlichen Fischerei werden. Denn sie beinhaltet einen Wirkstoff, der zum Beispiel für medizinische Kosmetikprodukte geeignet sein könnte. Inwieweit der Rotalgenbewuchs wirtschaftlich nutzbar ist, wird derzeit untersucht. Beteiligt an den Forschungen ist neben der Universität Rostock auch die Pharmazeutische Biologie der Kieler Universität.

Alge im Mixer: Um die wertvollen Wirkstoffe zu gewinnen muss ein Extrakt aus der Alge gebildet werden. Foto: Uwe Friedrich

Der Wirkstoff ist ein negativ geladenes sulfatiertes Poly­saccharid. »Das sind sehr komplexe Moleküle, die aus langkettigen Zuckermolekülen und Sulfatgruppen bestehen«, erklärt Alban, die schon lange mit derartigen Stoffen arbeitet, zu denen unter anderem auch der Arzneistoff Heparin zählt. »Wir haben den Inhaltsstoff aus den Algen extrahiert, analysiert und pharmakologisch geprüft und ein sehr interessantes Profil gefunden.« Der Algenextrakt zeigt Effekte, die für eine Hemmung von Entzündungen, Tumorwachstum und Metastasenbildung sprechen. Ebenfalls hemmend wirke er auf Enzyme, die an Prozessen der Zell- und Hautalterung beteiligt sind. Außerdem sei er toxikologisch unbedenklich. »Wir haben ganz neue Ergebnisse von unserem medizinischen Kooperationspartner in Freiburg bekommen, die bestätigt haben, dass keine toxischen Eigenschaften zu erwarten sind«, freut sich die Wissenschaftlerin, die sich den Extrakt gut für medizinische Kosmetikprodukte vorstellen könnte und auch schon erste Kontakte zu interessierten Firmen geknüpft hat.

Die Vorarbeit für die industrielle Verarbeitung ist weit vorangeschritten. Dazu zählt vor allem die Herstellung eines Algenextraktes, der mit möglichst wenig Aufwand den gewünschten Wirkstoff in möglichst reiner Form enthält. Ein solches Extraktionsverfahren wurde im Zuge einer Promotion entwickelt. Dieses Verfahren hat ein Industriepartner auch schon im großen Maßstab getestet. »Dort wurden 100 Kilogramm Alge verarbeitet und mit unserer Methode extrahiert. Das hat auf Anhieb geklappt«, sagt Alban.

Kerstin Nees
Projekt Riff Nienhagen
In der Nähe des Ostseebades Nienhagen, rund acht Kilometer westlich von Warnemünde, wurde zu Forschungszwecken ein künstliches Riff in elf bis zwölf Meter Wassertiefe angelegt. Es bedeckt eine Fläche von zirka 50.000 Quadratmetern, schafft 18.000 Quadratmeter zusätzliche Bewuchsfläche und damit zahlreiche Unterschlupfmöglichkeiten für Fische, Seesterne und sonstige Meerestiere. Das Riff wurde angelegt, damit sich die Fischbestände in dem Gebiet erholen können. Das hat auch funktioniert: Am Riff Nienhagen ist das Jungfischaufkommen (Dorsch) fast doppelt so hoch wie in einem rund vier Kilometer entfernt liegenden und gleichzeitig beprobten Referenzgebiet. Auf der neu geschaffenen Oberfläche wird im Jahresmittel eine Biomasse von knapp 100 Tonnen produziert. Sie dient als wichtige Nahrungsgrundlage für die im Riff lebenden Jung- und Kleinfische.

Das Forschungsprojekt wird durch den Europäischen Fischereifonds der Europäischen Union und das Ministerium für Landwirtschaft, Umwelt und Verbraucherschutz des Landes Mecklenburg-Vorpommern gefördert. Koordiniert wird es von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft und Fischerei MV – Institut für Fischerei. (ne)
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