CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 68Seite 8
Nr. 68, 22.10.2011  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Auge in Auge mit Kriegsverbrechern

Der chinesische Volksrechtler Professor Bing Bing Jia war als Humboldt-Preisträger ein Jahr lang zu Gast am Kieler Walther-Schücking-Institut für Internationales Recht.


Professor Bing Bing Jia. Foto: pur.pur

Der 44-jährige Jia hat in Peking und Oxford studiert. Prägend für seine Laufbahn waren die Jahre von 1996 bis 2004, in denen er bei den Kriegsverbrechertribunalen für das ehemalige Jugoslawien und Ruanda in Den Haag arbeitete. »Das ist eine Erfahrung, die man nur einmal im Leben macht«, sagt Jia. »Völkerstrafrecht war seit den Nürnberger Prozessen nicht mehr angewendet worden. Alle Fälle enthielten neue, ungeahnte Probleme, für die wir Lösungen finden mussten – ohne die Hilfe von Handbüchern.«

Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus vielen Nationen habe er so mithelfen können, die internationale Rechtsprechung zu entwickeln. »Dabei erfährt man auch, wie die Vereinten Nationen funktionieren und wie sie mit den Regierungen zusammenarbeiten«, erzählt der Jurist. Er unterrichtete Richter und Anwälte aus dem ehemaligen Jugoslawien und lernte, wie dort das Recht angewendet wird. Zu seinen Aufgaben gehörte außerdem, den Inhaftierten ihre Rechte zu verlesen. »Da habe ich einige interessante Charaktere getroffen – allerdings durfte ich keine Gespräche mit ihnen beginnen.«

In Den Haag erhielt Jia den Ruf an die Tsinghua Universität in Peking. Als Professor für Internationales Recht kann er die Studierenden an seinen Erfahrungen teilhaben lassen. Nach 15 Jahren in Europa habe er sich in China allerdings erst wieder einleben müssen, erzählt Bing Bing Jia.

»China hatte sich in dieser Zeit enorm verändert. Der Lebensstandard ist höher, die Städte sind von westlichen Gebäuden geprägt, man bekommt alle Waren, die man braucht.« Das macht sich auch im Studium bemerkbar: Er selbst musste als Student das führende Werk von Ian Brownlie, »Principles of Public International Law«, in einer alten Ausgabe lesen, die jemand aus den USA mitgebracht hatte. Seine Studierenden bestellen die neueste Auflage einfach im Internet.

Eigentlich wollte Bing Bing Jia ein Sabbatjahr einlegen, doch dann empfahl ihn Professor Alexander Proelß erfolgreich für einen Friedrich Wilhelm Bessel-Forschungspreis der Humboldt-Stiftung, weshalb er für einen einjährigen Forschungsaufenthalt an das Walther-Schücking-Institut der Christian-Albrechts-Universität kommen konnte. »Meiner Frau und mir hat es hier sehr gut gefallen – vom Gästehaus hat man einen tollen Blick auf die Förde, die Kieler Woche war aufregend, und wir haben noch nie soviel Schnee gesehen«, sagt er. »Die Leute sind sehr warmherzig und hilfsbereit und sagen offen, was sie denken.«

Zu den Aufgaben eines Humboldt-Preisträgers gehört das Publizieren. Bing Bing Jia verfasste unter anderem einen Beitrag über Chinas Auffassung von internationalem Recht für das »German Yearbook of International Law«, das am Schücking-Institut herausgegeben wird. Er verfolgt darin die Anwendung und Weiterentwicklung internationalen Rechts in China seit den 1970er Jahren, als sich das Land zu öffnen begann.

Für seine Forschungen nutzte Bing Bing Jia ausgiebig die Bibliothek des Instituts. »Das ist eine der Top-Bibliotheken in Deutschland, ich werde sicher noch öfter für Recherchen hierher kommen.« Er hofft, dass es künftig auch einen Studierendenaustausch zwischen Kiel und Peking geben wird. »Dafür habe ich erste Kontakte hergestellt.«

Zunächst freut sich Bing Bing Jia jedoch auf die Rückkehr nach Peking, zu seiner Familie und seinen Studierenden. Und auf das chinesische Essen. »Wo ich auch hinkomme, probiere ich chinesische Restaurants aus – aber das Essen schmeckt nirgends so wie in China.«

Eva-Maria Karpf
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de