Wenn die Flut kommt
In den kommenden Jahrzehnten werden Küstenregionen häufiger von Überschwemmungen heimgesucht als bisher. Wie sich Betroffene an den Klimawandel anpassen, wird im Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft« erforscht.

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Zukunftsszenarien wie diese sind die Arbeitsgrundlage für die Geographin Jana Koerth. Sie will mittels Umfragen herausfinden, wie sich Küstenbewohnerinnen und -bewohner auf die Auswirkungen des Klimawandels vorbereiten und welche Selbstschutzmaßnahmen sie ergreifen. Das Projekt der Doktorandin ist in der Juniorforschungsgruppe »Coastal Risks and Sea-Level Rise« (Küstenrisiken und Meeresspiegelanstieg) des Exzellenzclusters »Ozean der Zukunft« angesiedelt. Hier werden Effekte von klimatischen und sozioökonomischen Veränderungen im nationalen und globalen Maßstab berechnet. Die lokale Ebene spielte in der Forschung über den Klimawandel und die Anpassung daran bisher keine große Rolle: »Das wurde vernachlässigt «, sagt Koerth. In der Wissenschaft wie auch in der Praxis habe man sich auf Strategien wie den Deichbau konzentriert.
Um das zu ändern, hat sie einen Fragebogen entwickelt, der Antworten liefert – darüber, welche Vorkehrungen Menschen jetzt und in Zukunft gegen mögliche Hochwasserkatastrophen treffen. »Irgendwann werden Deiche allein nicht mehr reichen, um die Küste zu sichern, und die Kosten für die Länder werden enorm steigen«, erläutert Koerth. »Ein zukünftiges Risikomanagement für die Küstenregionen muss die Menschen bewegen, selbst Maßnahmen zu ergreifen, um ihr Hab und Gut zu wahren.«
Den Großteil der 754 ausgefüllten Fragebögen hat die Nachwuchswissenschaftlerin ausgewertet. Die Antworten kamen von Inselbewohnern, Städtern und Personen aus ländlichen Gegenden in Argentinien, Griechenland, Dänemark und Deutschland – alles Orte, die in der Vergangenheit bereits überflutet wurden. In Deutschland sind dies Sylt, Hamburg Wilhelmsburg und die Haseldorfer Marsch, nordwestlich von Hamburg. Fast alle Befragten informierten sich in den Medien und mit Broschüren über Sturmflutrisiken, berichtet die Geographin. Über zwei Drittel gaben an, im Notfall einen Plan zu haben. Die wenigsten allerdings setzten Maßnahmen um, die mit höherem Aufwand und Kosten verbunden sind. Zum Beispiel sind selten Absperrvorrichtungen für Keller vorhanden. Koerth: »Nur ein Prozent lagert Sandsäcke ein – das hat mich überrascht.«
Darüber hinaus möchte Koerth wissen, aus welchen Gründen sich Küstenbewohnerinnen und -bewohner anpassen. Dafür arbeitet sie mit einem Modell aus der Gesundheitspsychologie, der so genannten Schutzmotivationstheorie: Persönliche Risiko- und Bewältigungswahrnehmungen ergeben Beweggründe, sich selbst zu schützen. »Weder persönliche Erfahrung mit Sturmfluten noch die bloße Wahrnehmung des Risikos scheint die Menschen zu veranlassen, Maßnahmen zu ergreifen«, berichtet Koerth. Ausschlaggebend sei vielmehr, dass sie sich fähig fühlen zu handeln und Vorkehrungen für kosteneffektiv halten. Aktuelle Informationsbroschüren über Sturmfluten berücksichtigten dies nicht, sondern beschränkten sich darauf, die Bevölkerung über Eintrittswahrscheinlichkeiten und Ausmaße aufzuklären und Handlungsempfehlungen zu geben. Die Studie liefere Anhaltspunkte, wie Risikokommunikationsinstrumente verbessert werden könnten.
Der Kieler Professor Athanasios Vafeidis, Leiter der Forschungsgruppe, möchte Koerths Arbeiten zukünftig in seine Berechungen zum Klimawandel integrieren. Zusammen mit Kolleginnen und Kollegen des Europäischen Klimaforums, des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung und der Universität Southhampton entwickelt er das globale DIVA-Modell (Dynamisch Interaktive Verwundbarkeitserhebung). Das Programm schätzt sowohl die Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs auf alle Küstennationen als auch Kosten und Nutzen möglicher Anpassungsmaßnahmen ab. Basis dafür sind bisher Messdaten von Satelliten über Temperaturen und Oberflächenhöhen, Landkarten sowie Entwicklungsszenarien, wie sie der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen (IPCC) entwirft. Mit diesem Modell lässt sich bereits jetzt erkennen, dass europäische Küstennationen durch staatliche Vorsorge in der Zukunft Milliardensummen einsparen können. »Würden die Daten auf Haushaltslevel integriert, ergäbe sich ein realistischeres Bild für Beurteilungsmodelle«, sagt Vafeidis. »So würden deren Ergebnisse noch genauer.«
Denis Schimmelpfennig
Küstenschutz in Schleswig-Holstein
Rund 1200 Kilometer lang ist die schleswig-holsteinische Küste an Nord- und Ostsee. Der Generalplan Küstenschutz des Landes, der alle zehn Jahre aktualisiert wird, legt fest, welche Abschnitte durch Schutzdeiche gegen Überschwemmungen gesichert werden. Grundsätzlich gelten Niederungen und Flächen bis zehn Meter über Normalnull (Höhe über dem Meeresspiegel) als überflutungsgefährdet und deshalb schützenswert. Das schließt fast die gesamte Nordseeküste ein, die somit über eine fast lückenlose Bedeichung auf Landeskosten verfügt. Aber: »Obwohl der Schutz von Menschen und Sachwerten im Generalplan oberste Priorität genießt, weist der Hochwasserschutz an der Ostseeküste große Lücken auf«, sagt Professor Horst Sterr vom Geographischen Institut der CAU. Gerade hier befänden sich mit Flensburg, Kiel und Lübeck die größten Städte mit den höchsten Sachwerten. Das Landwirtschaftsministerium sehe aber auch im neuen Generalplan keine Hochwassersicherung für niedrig gelegene städtische Areale vor.
Besonders in den Buchten und Förden könne sich das Wasser durch Ostwinde und Zurückschwappen aufstauen. »Bereits um 1,50 Meter erhöhte Pegelstände richten beträchtliche Schäden an«, so Sterr. (ds)
Besonders in den Buchten und Förden könne sich das Wasser durch Ostwinde und Zurückschwappen aufstauen. »Bereits um 1,50 Meter erhöhte Pegelstände richten beträchtliche Schäden an«, so Sterr. (ds)
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