Elementare Kenntnisse
Selbst mit simplen Aufgaben tun sich Erstsemester in mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern zuweilen schwer. Helfen Einstiegstests? Professor Lutz Kipp gibt sich im Gespräch mit der unizeit skeptisch.

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Kipp: Wir reden über die so genannten MINT-Fächer, also diejenigen, die mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik zu tun haben. Das reicht in Disziplinen wie Medizin, Biologie oder Geowissenschaften hinein, von denen sich Erstsemester gern falsche Vorstellungen machen. Die Bedeutung besonders von Mathematik, aber auch Physik und Chemie ist in diesen Bereichen enorm. Aber nicht immer ist der Kenntnisstand entsprechend. Ein Teil der Studierenden ist sehr gut davor, ein zweiter Teil verfügt im Prinzip über die nötigen Fähigkeiten, kann sie aber – aus welchen Gründen auch immer – nicht im geforderten Umfang abrufen, und beim dritten Teil tun sich leider erhebliche Lücken auf.
Wie äußern sich diese Lücken?

Lutz Kipp (48) ist spezialisiert auf Oberflächenphysik. Foto: privat
Kann die Universität solchen Wackelkandidaten auf die Sprünge helfen?
Nur bedingt, das muss man ehrlich sagen. Große Potenziale sehe ich in der zweiten Gruppe, also bei denen, die noch nicht die nötigen Kenntnisse haben, sie aber problemlos erwerben könnten. Diese Leute zu fördern und zu ermutigen, damit sie nicht gleich die Flinte ins Korn werfen, lohnt große Mühen. Wo es allerdings an den elementaren Fähigkeiten fehlt, sehe ich wenig Hoffnung. Eine Hochschule kann beim besten Willen nicht alle mitnehmen, ohne dabei das Niveau so abzusenken, dass letzten Endes niemand etwas davon hat.
Was unternimmt die Uni Kiel, um die zu unterstützen, die das entsprechende Potenzial haben?
Schon seit etlichen Jahren bietet die Physik Vorbereitungskurse an, um Anfängerinnen und Anfänger noch vor dem Beginn des ersten Semesters im Schnelldurchgang auf den nötigen Stand zu bringen. Diese Kurse werden stark nachgefragt, was zwar gut ist, aber nicht ausreicht. Auch die Mathematik hat inzwischen solche Kurse aufgelegt, und wir haben die Absicht, die begleitende Unterstützung auszubauen. Schön wäre es, wenn ältere Studierende über Tutorien den Jüngeren auch über das erste Semester hinaus unter die Arme greifen könnten.
Was wäre aus Ihrer Sicht der Königsweg?
Das Problem bei unseren Bemühungen sind die beschränkten Kapazitäten. Schon die Vorbereitungskurse stellen seitens der Lehrenden im Prinzip reines Ehrenamt dar. Denn so etwas wird in keiner Weise auf die übrigen Verpflichtungen angerechnet. Nicht so einfach ist es auch mit den Tutorien. Es ist schwierig, ältere Studierende, die einen vollen Wochenplan haben, dafür zu gewinnen. Ideal wäre für mich ein nulltes Semester. Also etwa drei bis vier Monate zwischen Abitur und Semesterbeginn, in denen die angehenden Erstsemester gefördert werden, um Lücken systematisch zu stopfen. Aber wer bezahlt?
Ist es überhaupt nötig? Liegt die Verantwortung nicht vielmehr bei den Schulen, die offenkundig zumindest teilweise nicht das vermitteln, was sie vermitteln sollen?
Ich glaube nicht, dass in erster Linie die Schulen oder die Lehrkräfte schuld sind. Wir haben es mit einem gesellschaftlichen Problem zu tun. Die Einstellung, dass Mathe überflüssig sei, begegnet uns allenthalben. Immer wieder kokettieren sogar Angehörige unserer Eliten damit, dass sie nicht rechnen können. Wer in der Schule ein Mathe-Ass ist, wird dagegen eher schief angeguckt als bewundert. Nötig ist eine viel positivere Herangehensweise. Mathematik ist keine Quälerei mit Zahlen, sondern ein Gerüst zum Lösen von Problemen. Da steckt viel Sportliches drin und viel Spannendes und ganz bestimmt unheimlich viel Nützliches. Deutschland ist ein Hochtechnologie-Standort. Und wenn wir diesen Stand nicht halten, dann laufen uns die anderen Länder den Rang ab. Deshalb sollte eigentlich auch genug Geld für das von mir angeregte nullte Semester da sein.
Hätte die Uni nicht mehr Kapazitäten, wenn durch Einstiegstests die erkennbar Ungeeigneten gleich aussortiert würden?
Das ist gefährlich, weil wir damit auch viele aus der mittleren Gruppe ausschließen und Potenziale verschenken würden, die unsere Gesellschaft dringend benötigt.
Sehen Sie trotz allem Hoffnungszeichen?
Selbstverständlich. Die »Stadt der jungen Forscher« diesen Sommer in Kiel und die gerade wieder anlaufende, auf Schülerinnen und Schüler zugeschnittene Vorlesungsreihe »Saturday Morning Physics« sind ganz tolle Veranstaltungen. Die Kinderuni ist es ebenso wie der Wettbewerb »Jugend forscht«. Auch unsere Professorinnen und Professoren, beispielsweise aus der Chemie, fahren immer wieder in die Schulen und präsentieren ihre Fächer in geradezu heiterer Weise. All das macht Appetit auf die MINT-Fächer. Aber es erreicht eben längst nicht alle Schulen.
Wie waren eigentlich Ihre Anfänge als Student?
Ich studierte von vornherein Physik und bin dann – nach über einem Jahr Abstand von der Schule – gleich in der ersten Übungsstunde kläglich gescheitert. Und das, obwohl ich mit einer Eins in Mathe zur Uni gekommen war. Nach diesem ernüchternden Erlebnis habe ich mich eine Zeitlang hingesetzt und nachgearbeitet. Das hat geholfen.
Das Interview führte Martin Geist
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