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unizeit Nr. 69 vom 10.12.2011, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Die Gehäuse der Macht

Mal romantisierend, mal moralisierend wurde und wird vielfach die vormoderne höfische Gesellschaft betrachtet. Weit differenzierter blickt die Wissenschaft heute darauf.


Festmahlszene aus dem späten 15. Jahrhundert von Jehan de Wavrin: Alles hatte seine Ordnung. Foto: ullstein bild

»Residenzen-Kommission der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen« lautet der Titel des aus verschiedenen historischen Teildisziplinen gebildeten Leitungsgremiums, das in Kiel seit 1990 das Forschungsprojekt »Hof und Residenz im spätmittelalterlichen Deutschen Reich von 1200 bis 1600« verfolgt. Unter dem ehemaligen Inhaber des Kieler Lehrstuhls für Mittlere und Neuere Geschichte und langjährigen Direktors des Deutschen Historischen Instituts in Paris, Professor Werner Paravicini, bearbeitet das Team ein zeitlich wie inhaltlich scheinbar weit entferntes Thema. Bei Lichte betrachtet reicht es doch mitten hinein in die Gegenwart.

Schon 1982, als die Residenzen-Kommission noch in ihren Anfängen steckte, stellte sie sich die Frage, wie es dazu kam, dass sich in Ländern wie England oder Frankreich große National-Hauptstädte herausbilden konnten, während es in Deutschland bei einer Vielzahl regionaler Zentren blieb. Das liege an der kleinteiligen Struktur des Reiches mit etwa 40 reichsfürstlichen Familien und 90 geistlichen Fürstentümern und »führt unmittelbar zu der Thematik, wie damals Herrschaft organisiert war und welche Rolle die Höfe dabei spielten«, erläutert Dr. Jan Hirschbiegel vom Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte (Leitung: Professor Gerhard Fouquet). Hirschbiegel betrachtet den mittelalterlichen Dezentralismus als Wiege des heutigen deutschen Föderalismus. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Jörg Wettlaufer widmet er sich den mittelalterlichen Höfen und Residenzen unter sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Aspekten. Mit Genugtuung stellen die Kieler nach den Worten von Hirschbiegel fest, dass es durch ihre Arbeit gelungen sei, »die Hofforschung aus ihrer verstaubten Ecke herauszuholen und auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen.«

Einen prägenden Begriff dazu lieferte Paravicini. Er bezeichnet die Residenzen als »Gehäuse der Macht«, die heute »leeren Schneckenhäusern« gleichen, deren einstiger Inhalt und Zweck von der Hof- und Residenzenforschung erforscht wird.

Und das haben die Wissenschaftler auf eindrucksvolle Weise getan. Mehrere hundert Publikationen sowie ein umfangreiches Handbuch der Höfe und Residenzen, dessen vierter und letzter Teil in wenigen Wochen erscheinen wird, haben den »Schneckenhäusern« die Bedeutung wiedergegeben. Unter anderem widmen sich die Veröffentlichungen – darunter eine ganze Reihe von Doktorarbeiten – der Rolle des Günstlings und des Frauenzimmers sowie dem komplexen Verhältnis von Hof und Stadt.

Entstanden ist dabei ein Bild, das mehr zeigt als den vordergründigen Glanz der höfischen Tänze und üppigen Festmahle. Von den Tanzformationen bis zur Sitzordnung bei Tisch entsprach laut Hirschbiegel bei Hof alles einer gewachsenen Ordnung, die nicht der Tradition an sich diente, sondern der Ausgestaltung und Aufrechterhaltung von Herrschaft. Auch die prunkvolle Architektur der Residenzen betrachten die Historiker nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt des von den durchlauchtigen Eigentümern beileibe nicht immer geliebten Zwangs zur Repräsentation.

Differenzierend blickt die Forschung auf die wirtschaftliche Dimension höfischer Herrschaft. Die Residenzen und Höfe als Vorläufer der heutigen Staatskanzleien und Ministerien brauchten Steuereinnahmen und hatten schon aus diesem Grund Interesse am Gedeihen ihrer manchmal recht kleinen Territorien. Das widerspricht nach Einschätzung von Dr. Hirschbiegel ebenso der These von rücksichtsloser Ausbeutung wie dem Glauben, es habe bei Hofe bedenkenlose Verschwendung geherrscht. So ist überliefert, dass selbst in den bedeutendsten Fürstenhäusern in aller Sparsamkeit die Reste des Essens vom Vortag verzehrt wurden, während – der gesellschaftlichen und politischen Zwänge wegen – zu hohen Anlässen aufs Üppigste aufgetischt wurde. Dass freilich auch übertrieben wurde und so manche hochherrschaftliche Repräsentation letztlich zum Ruin der Regentschaft führte, ist ein nur allzu nachvollziehbares Phänomen.

Ende Dezember läuft das ergebnisreiche Projekt aus. Ein neues Vorhaben ab Januar 2012 konnte sich dank des bundes- und europaweiten Ansehens der Kieler Residenzenforschung gegen beträchtliche Konkurrenz durchsetzen und wurde Anfang November mit einer Laufzeit von 14 Jahren bewilligt. Erneut unter dem Dach der Göttinger Akademie der Wissenschaften geht es dann um die Verschränkung und Verschmelzung von städtischer und höfischer Gesellschaft im Zeitraum zwischen 1300 und 1800 in den Residenzstädten des Alten Reiches.

Martin Geist

Werner Paravicini (Hrsg.); Jan Hirschbiegel, Anna Paulina Orlowska und Jörg Wettlaufer (Bearb.): Höfe und Residenzen im Spätmittelalterlichen Reich: Grafen und Herren. Ostfildern 2012. Der vierte Band des Handbuchs erscheint voraussichtlich im Januar 2012.
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