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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 69 vom 10.12.2011, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Moderspraak Platt

Plattdeutsch ist ein Kulturgut, doch immer weniger sprechen es. Was sagen Kieler Studierende und die Sprachwissenschaft dazu?


Dennis: »Es wäre schade, wenn Platt untergehen würde. Für mich ist es ein Stück Heimat.«

Die Rendsburgerin Hannah und Philipp aus Kiel haben Plattdeutsch von ihren Eltern und Großeltern gelernt. Wirtschaftsstudent Philipp würde es gern mehr beherrschen und Hannah, angehende Slawistin, würde dafür sogar einen Kurs belegen. Denn auch für Norddeutsche ist es keinesfalls eine Selbstverständlichkeit, Platt zu sprechen. Der angehende Handelslehrer Samuel zum Beispiel kennt nur ein paar Wörter wie »Tiet« (Zeit), »Schnack« (Plausch) und »Dröhnbüdel« (langsamer Mensch). Er kommt vom Land, aber dort wurde überwiegend Hochdeutsch gesprochen. Heimatliche Gefühle löse es dennoch bei ihm aus, wenn er jemanden Platt­deutsch reden hört. Dennis ist auf einem Bauernhof aufgewachsen: »Bei mir im Ort wurde es viel benutzt, aber in der Familie haben wir immer Hochdeutsch miteinander geredet.«

Diese kleine Umfrage auf dem Campus zeigt, dass die Erfahrungen mit Platt sehr indi­viduell sind. Doch sie geben die übergeordnete, wissenschaftliche Bedeutung des Niederdeutschen, umgangs­sprachlich Platt genannt, wieder: Es ist eine Sprache in Nord­deutsch­land, die ihre Sprecher vor allem in informellen Kontakten gebrauchen. Beim Landbäcker in Dithmarschen, beim Fleischer im Ort oder an der Kaffeetafel von Oma spricht man in Schleswig-Holstein oft Platt. »Es gehört zum freundschaftlichen Umgang«, sagt Dr. Alastair Walker, Experte für europäische Minderheiten­sprachen aus der Abteilung Frisistik. Wer es nicht beherrscht, sei von dieser Art der Kommunikation ausgeschlossen. Je mehr Hoch­deutsch im Alltag in einer Gemeinschaft benutzt werde, desto weniger Niederdeutsch sprächen deren Mitglieder allgemein. Noch ein anderer Aspekt ist wichtig in der Sprachwissenschaft: »Plattdeutsch ist der Zugang zu einer ganz anderen Kultur«, fasst Professor Michael Elmentaler vom Germanistischen Seminar zusammen. Heute werde es sogar oft benutzt, um sich bewusst von den Hochdeutsch Sprechenden zu unterscheiden.

Philipp: »Ich spreche Plattdeutsch, würde es aber gern noch besser können.«

Fast jeder Norddeutsche kennt den Satz: »Ich kann Plattdeutsch verstehen, spreche es aber leider nicht.« Von Plattdeutsch Sprech­enden wird die Aussage meist belächelt, aber Professor Elmentaler sieht darin auch eine positive Entwicklung: »Vor 40 Jahren hätte es diesen Satz kaum so gegeben.« Denn bis in die 1970er Jahre war Platt- oder Niederdeutsch als Bauerndialekt verschrien. Doch das war nicht immer so. Bis zum 16. Jahrhundert war es noch eine voll funktionsfähige Schriftsprache. Das Lübecker Niederdeutsch war die Handelssprache der Hanse. Ab 1500 ging man im Norden jedoch zunehmend zum Gebrauch des Hochdeutschen über und hundert Jahre später wurde das Niederdeutsche als Schriftsprache kaum noch gebraucht.

Erst Anfang der 1990er Jahre er­kannte die Politik, dass die Sprache ein Teil der norddeutschen Kultur und Identität und deswegen schützenswert ist. »Das heißt, dass Kinder, deren Eltern unter 40 sind, Plattdeutsch meist nur von ihren Großeltern kennen«, so Elmentaler. Plattdeutsch als Muttersprache sei dadurch sehr selten geworden. Nur noch etwa zehn Prozent, das sind rund 75.000 Personen, im Alter zwischen 15 und 35 sprechen nach eigenen Angaben gut bis sehr gut Niederdeutsch. Über alle Altersgruppen verteilt sind es immerhin wohl knapp 700.000 der etwa 2,6 Millionen Einwohner Schleswig-Holsteins. Das ergab 2007 eine repräsentative Umfrage des Institutes für Niederdeutsche Sprache in Bremen. Im Vergleich mit der letzten gleichartigen Umfrage von 1984 haben sich die Sprecherzahlen halbiert.

1999 wurde Niederdeutsch Teil der Europäischen Sprachencharta. Damit verpflichtete sich Deutschland, Niederdeutsch als Kulturgut zu schützen und den Sprach­erwerb zu fördern. Das Land Schleswig-Holstein unterstützt zahlreiche niederdeutsche Vereine und Verbände. In Schulen gibt es plattdeutsche Lesewettbewerbe und Arbeitsgemeinschaften. Den Spracherwerb in der Schule zu fördern, hat für Sprachwissenschaftlerinnen und Sprach­wissenschaftler neben der Zweisprachigkeit der Kinder noch einen anderen Nutzen. »Wir hoffen, dass sich Plattdeutsch wieder in die Familien zurückträgt und die Sprache dadurch erhalten bleibt«, sagt Walker.

Text und Fotos: Christin Pries
Das Germanistische Seminar der Uni Kiel bietet Plattdeutsch-Kurse für Studierende aller Fachrichtungen und für Gasthörer an.
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