Zahnschmerzen, die keine sind
Bei der Diagnose von chronischen Entzündungskrankheiten des Körpers kann der Blick in die Mundhöhle helfen.

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Rheuma gilt gemeinhin als entzündliche Gelenkerkrankung. Tatsächlich werden unter dem Begriff aber eine Vielzahl unterschiedlicher Erkrankungen geführt, die Knochen, Muskeln, Gefäße, Organe und Bindegewebe betreffen. Der Lupus erythematodes ist zum Beispiel eine systemische Autoimmunerkrankung, die Gelenke und alle Organe befallen kann. Auffälligstes Symptom ist häufig eine schmetterlingsförmige Rötung im Gesicht. Anzeichen für diese Erkrankungen sind aber auch Geschwüre in oder an der Mundschleimhaut.
Ein anderes Beispiel für eine entzündliche Allgemeinerkrankung mit Symptomen im Mund ist der Morbus Behçet, eine Gefäßentzündung in zahlreichen Organen. Die Erkrankung ist vor allem in den Ländern entlang der ehemaligen Seidenstraße (vom Mittelmeer über die Türkei bis nach Japan) verbreitet. »Typisch sind hier Zungenrandgeschwüre«, so Schröder. Diese häufig wiederkehrenden, schmerzhaften offenen Stellen im Mund können auch die Erstmanifestation der Erkrankung sein. Als weiteres Beispiel führt er das Sjörgen-Syndrom an, bei dem Immunzellen die Speichel- und Tränendrüsen angreifen. »Die Erkrankung macht einen trockenen Mund, weil die Speicheldrüsen nicht mehr ausreichend Spucke produzieren können«, erklärt der Rheumatologe.
Diese und andere Veränderungen können bei der Zahnbehandlung auffallen und sollten angesprochen werden. Wichtig zu wissen sei aber auch, dass Symptome einer Allgemeinerkrankung als Zahnschmerzen fehlgedeutet werden können. Zum Beispiel bei der Riesenzellarteriitis. Diese Entzündung größerer Blutgefäße tritt vornehmlich bei älteren Menschen auf. »Die Betroffenen haben häufig Schmerzen beim Kauen, weil kein Blut mehr im Kaumuskel ankommt. Das wird fast immer als Zahnschmerz gedeutet, dahinter verbirgt sich aber eine entzündliche Systemerkrankung.« Auch eine Entzündung von Ober- oder Unterkiefer könne Symptom einer Rheumaerkrankung sein. Eine antibiotische Behandlung wäre hier zwecklos, da die Entzündung nicht durch Bakterien verursacht wird. »Das ist kein zahnärztliches Problem.«
Umgekehrt könne sich aber auch mangelnde Mundhygiene auf den Allgemeinzustand auswirken. So steht das Zahnbakterium (Porphyromonas gingivalis) im Verdacht, zur Entwicklung von entzündlichem Gelenkrheuma beizutragen. Das Bakterium produziert einen Stoff (Citrullin), gegen den das Immunsystem von Rheumakranken Antikörper entwickelt und so Entzündungen verursacht. Schröder: »Die Bakterien sind besonders fleißig, wenn der Zahnstatus schlecht ist, und wenn die Person raucht.« Das alles sei zwar noch nicht abschließend bewiesen. »Aber es hält die Leute zu Recht an, eine ordentliche Mundhygiene zu betreiben, damit sie kein Rheuma kriegen.«
Kerstin Nees
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