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unizeit Nr. 70 vom 11.02.2012, Seite 1  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Den ersten Städten auf der Spur

Mit einem bunten Methodenmix erforscht ein Kieler Doktorand jahrtausende­alte Siedlungen im Nahen Osten. Dabei helfen ihm auch Überbleibsel des Kalten Krieges.


Dieser jahrtausendealte Siedlungshügel nahe der syrisch-türkischen Grenze ist durch den Bau eines Stausees am Euphrat zu einer Insel geworden. Foto: Andrea Ricci

Andrea Ricci hat das, was man eine internationale Biografie nennt. Nach seinem Archäologie-Studium in Rom und Durham, England, ist der Italiener seit 2008 Doktorand an der Kieler Graduiertenschule »Human Development in Landscapes«. Das Gebiet, über das er forscht, und das er im Laufe seiner Dissertation mehrmals bereist hat, ist das mittlere Euphrattal im Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei. »Der eine oder andere Kilometer kommt dabei schon zusammen«, sagt der 31-Jährige schmunzelnd. »Aber für meine Untersuchungen ist es sehr wichtig, dass ich vor Ort in der Landschaft, in Museen und in Archiven arbeiten kann. Dank der Unterstützung durch die Graduiertenschule ist mir das möglich.«

Ricci möchte die Siedlungsgeschichte des mittleren Euphrattals vom fünften bis dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung rekonstruieren. »Die fruchtbaren Flussufer Mesopotamiens waren eine der ersten Gegenden der Welt, in denen die Menschen sesshaft wurden und Städte errichteten«, erklärt er. Während im nördlichen Mitteleuropa noch fellbeschürzte Jäger und Sammler durch die Landschaft zogen, hatten die Menschen im so genannten »fruchtbaren Halbmond« im Norden der arabischen Halbinsel längst ihre Felder bestellt und begonnen Tiere zu halten, anstatt ihnen hinterherzulaufen.

»Mich interessiert, warum Siedlungen an bestimmten Orten entstanden, welche Funktionen sie hatten und wie sie untereinander in Verbindung standen«, sagt Andrea Ricci. Er nutzt dabei verschiedene Methoden, um an Informationen über die Besiedlung zu kommen. »Von Kiel aus habe ich besonders in der Anfangsphase meiner Doktorarbeit Literatur recherchiert und ausgewertet. Anschließend war ich mehrmals in Syrien und der Türkei.« Dort arbeitete Ricci zum einen in den Museen und Bibliotheken von Aleppo und Istanbul, wo viele bedeutende Fundgegenstände und Dokumente aufbewahrt werden.

Zum anderen reiste er ins Euphrattal. »In Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung habe ich viele Hinweise auf alte Siedlungen und Verbindungen zwischen diesen erhalten, die in keiner schriftlichen Quelle verzeichnet sind«, erzählt der Italiener zufrieden. »Dank dieser Tipps habe ich mit geringem Aufwand so manchen jahrtausendealten Fund gemacht.« Dazu gehören etwa freiliegende Scherben, deren Alter dank moderner Untersuchungsmethoden bis auf wenige Jahrzehnte genau bestimmt werden kann. Sie geben Ricci Auskunft über die zeitliche Abfolge der Ansiedlung alter Kulturen und lassen Schlüsse über die Verbindung zwischen verschiedenen Dörfern und kleinen Städten zu. Dank der Scherben kann der Archäologe beispielsweise feststellen, ob nahe beieinander liegende Orte gleichzeitig oder nacheinander bewohnt wurden. War Ersteres der Fall, ist es sehr wahrscheinlich, dass die Bewohnerinnen und Bewohner miteinander in Kontakt standen – ein wichtiger Hinweis auf uralte Kommunikationswege.

»Leider kann ich wegen der problematischen politischen Lage derzeit nicht nach Syrien reisen«, bedauert Andrea Ricci. Gerne würde er dort vor Abschluss seiner Dissertation noch einmal »ins Feld gehen«. Der Jungforscher weiß aber auch von politischen Spannungen zu berichten, die ihm bei seinen Untersuchungen hilfreich gewesen sind: die zwischen den USA und der Sowjetunion zu Zeiten des Kalten Kriegs. Viele uralte Siedlungsstrukturen sind in den letzten Jahrzehnten in neu angelegten Stauseen verschwunden oder durch die zunehmende landwirtschaftliche Nutzung regelrecht untergepflügt worden. Auf den Bildern amerikanischer Spionagesatelliten aus den 1960er und 1970er Jahren sind uralte menschliche Spuren dagegen noch zu erkennen. »Die Auflösung ist so gut, dass Reste antiker Siedlungen, Bewässerungskanäle und sogar Pfade zu sehen sind«, so der Doktorand. Dass von 6000 Jahre alten Siedlungen überhaupt noch etwas zu sehen ist, liegt an der damaligen Bauweise: Die Menschen errichteten ihre Gebäude aus Lehmziegeln. War ein Haus nicht mehr bewohnbar, rissen sie es ein und stellten ein neues darauf. So wuchsen mit der Zeit bis zu 30 Meter hohe künstliche Lehmhügel, die dank ihrer Form auf den Satellitenbildern leicht zu identifizieren sind.

Jirka Niklas Menke
Manipulierte Landschaft
Die Graduiertenschule »Human Development in Landscapes« zeigt vom 21. Februar bis 16. September auf Schloss Gottorf Projekte aus den Bereichen Monumentalität und Ritus, Innovation und Austausch sowie Mensch und Umweltwandel. Im Fokus steht das Wechselspiel von Entwicklung menschlicher Gesellschaften und Veränderung des Lebensraums in den letzen 10.000 Jahren. Die Ausstellung in Schleswig trägt den Titel »Manipulierte Landschaften«.

www.uni-kiel.de/landscapes/allgemein/ausstellung.shtml
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