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unizeit Nr. 70 vom 11.02.2012, Seite 4  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Kritischer Blick aufs Meer

Vier Tage Sylt: Eindrücke von einer Exkursion im internationalen Master­studiengang »Environmental Management«


Bei einer Forschungsfahrt landete dieser kleine Fisch, eine Grundel, im Netz. Grundeln spielen eine wichtige Rolle im Wattenmeer. An ihnen trainieren junge Seehunde das Fische fangen. Foto: Wiebke Schulz

Hätte ich vielleicht doch die Wanderschuhe mitnehmen, lieber ein Paar warme Socken oder die Thermo- Unterwäsche einpacken sollen? Beim norddeutschen Oktoberwetter kann man ja nie wissen. Ein prüfender Blick auf das Gepäck der nach und nach eintrudelnden Mitstudierenden hilft da auch nicht weiter – es reicht von handlicher Tragetasche bis zum vollgestopften Trekkingrucksack. An einigen Gepäckstücken hängen sogar noch die Labels vom Flughafen.

Nicht nur daran, sondern auch am englischsprachigen Gemurmel erkennt man, dass hier Studierende aus vielen Nationen gespannt auf den Start einer Exkursion warten. Im Wintersemester 2011/12 haben sich insgesamt 36 junge Frauen und Männer für das Masterprogramm »Environmental Management « entschieden. Um norddeutsche Küsten ökologie vor Ort zu verstehen, geht es gleich in der ersten Vorlesungswoche los in Richtung Sylt.

Nachdem Professor Hartmut Roweck, der die Abteilung »Landschaftökologie « an der CAU leitet und seit vielen Jahren Exkursionen nach Sylt organisiert, alle Teilnehmenden auf seiner Liste abgehakt hat, machen wir uns mit Uni-Autos auf den Weg. Für das Studium an der Kieler Universität haben einige aus der Gruppe eine sehr weite Strecke zurückgelegt und ganze Ozeane überquert. Luisa zum Beispiel kommt aus Kolumbien, Adam aus Kanada und Sami aus Nepal. Dagegen ist der Hindenburgdamm durchs Wattenmeer eine gemütliche Spazierfahrt. Auf Sylt angekommen, steuern wir List an, die nördlichste Gemeinde Deutschlands. Unser Ziel ist die Wattenmeer- Station des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung (AWI) – traumhaft gelegen, nur wenige Schritte vom Wasser entfernt. Im angegliederten Gästehaus beziehen wir für vier Tage unser Quartier. Bei der Zimmerverteilung breitet sich Klassenfahrtatmosphäre aus. Zum reinen Vergnügen sind wir aber nicht hier. Die Exkursion soll uns einen Überblick über verschiedene Küstensysteme geben und uns am Beispiel Sylts spezifische Merkmale, Gefahren und Besonderheiten der Nordseeküste vermitteln.

Nächster Programmpunkt ist eine Kutterfahrt mit Professor Karsten Reise. Der Küstenökologe vom AWI lebt auf Sylt und forscht unter anderem auf den Gebieten nicht heimischer Arten, Wattenmeer-Ökologie und Wanderdünen. Während sich das kleine Fischerboot vom Lister Hafen entfernte, gibt uns Reise einen allgemeinen Überblick über das Wattenmeer, das unter anderem als Rast- und Futterplatz für Vögel von Bedeutung ist. Die ökologischen Folgen der Eingriffe des Menschen sind hier greifbar.

Alle heimischen Austern zum Beispiel sind durch Überfischung vollständig ausgerottet worden. Die als Ersatz in den 1980er Jahren eingeführten pazifischen Austern breiteten sich ungeplant rasant aus, auch außerhalb der Aquakulturen. Sie siedeln sich gern und erfolgreich auf Miesmuschel- Bänken an. Da diese scharfkantigen Exoten im Wattenmeer keine natürlichen Fressfeinde fürchten müssen und dementsprechend schnell wachsen, verdrängen sie nach und nach die heimischen Miesmuschelbestände.

Die zukünftigen Umweltmanagerinnen: Luisa, Diana und Regina (mit Krabbe) Foto: Wiebke Schulz

Um die Flora und Fauna des Wattenmeers an Deck zu befördern, wurde ein kleines Schleppnetz, eine so genannte Dredsche, zu Wasser gelassen. Nach einer guten Viertelstunde kam es, gefüllt mit einer eher unscheinbaren braunen Masse, wieder zum Vorschein. Bei genauem Hinschauen gab es in diesem kleinen »Forschungsfang « aber einiges zu entdecken. Algen, Einsiedlerkrebse, Garnelen, Seeigel, Seeanemonen und Seesterne wurden neugierig beäugt, Austern sammelten wir fürs Abendessen.

Die Delikatesse roh zu schlürfen, behagte uns aber nicht. Ohne Rücksicht auf kulinarische Standards packten wir die Austern deshalb kurzerhand in den Ofen. Während sie dort eine »essbare« Konsistenz entwickelten, blieb uns genügend Zeit, einander kennenzulernen und die manchmal knifflige Aussprache aller Namen zu üben. Man braucht schon einige Anläufe um Guillherme, der aus Brasilien kommt, richtig auszusprechen. Im Fall der Geografin »Duong« aus Vietnam reichen drei Abende Sprachtraining aber definitiv nicht aus.

In erster Linie diente die Exkursion dazu, mit allen Sinnen in das Fach Küstenökologie einzutauchen. Bei einer Wanderung ins nahe gelegene Königswatt, das sich nördlich von List erstreckt, erfuhren wir zum Beispiel von Wattwürmern, die Bakteriengärten anlegen. Durch ständiges Umgraben und Durchspülen ihrer Bauten gelangt nämlich sauerstoffhaltiges Wasser in das sonst wenig durchlüftete Sediment. Dadurch entsteht hier ein Lebensraum für Bakterien, die der Wurm dann genüsslich »abgrasen« kann.

Die Sylt-Exkursion hat uns den Einfluss menschlichen Handelns auf die Natur deutlich gemacht, für Zusammenhänge in Ökosystemen sensibilisiert und die Einmaligkeit des Wattenmeers gezeigt. Mit diesem schönen Erlebnis im Hinterkopf können wir jetzt gemeinsam in den Uni-Alltag starten, um noch viele weitere internationale und nationale Systeme kennen und verstehen zu lernen, sodass wir als zukünftige Umweltmanagerinnen und Umweltmanager passende ökologische Konzepte entwickeln können.

Wiebke Schulz

Die Autorin hat an der Universität Göttingen mit einem Bachelor in Biologie abgeschlossen und studiert seit Oktober 2011 Environmental Management an der CAU. Sie interessiert sich für eine umweltverträgliche Lebensweise und möchte später in der ökologischen Unternehmensberatung oder Schutzgebieteverwaltung tätig sein.
Umweltprobleme lösen
Der Masterstudiengang »Environmental Management« (Deutsch: Umwelt-Management) wird vom Institut für Natur- und Ressourcenschutz und vom Institut für Ökosystemforschung angeboten. Der interdisziplinäre Studiengang ist ein gemeinsames Angebot der Agrar- und Ernährungswissenschaftlichen sowie der Mathematisch- Naturwissenschaftlichen Fakultät und technisch gut ausgestattet. Unterrichtssprache ist Englisch. Das zweijährige Masterprogramm verbindet Forschung und Lehre verschiedener ökologischer Disziplinen und kooperiert sowohl mit anderen Universitäten und Forschungszentren als auch mit kommerziellen Unternehmen und öffentlichen Institutionen. Die enge Zusammenarbeit mit dem Forschungs- und Technologiezentrum Westküste (FTZ), dem GKSS in Geesthacht sowie dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung gewährleistet eine sehr gute Verbindung zwischen Meeres- und Küstenökologie und fördert den interdisziplinären Austausch. (ne)
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