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unizeit Nr. 70 vom 11.02.2012, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Ein Gewinn für alle

Viele Fischbestände könnten erheblich mehr Ertrag bringen. Man müsste sie nur vernünftig bewirtschaften, sagen zwei Kieler Meeresforscher.


18 Stunden dauerte die Sitzung. Dann hatten sich Europas Fischereiministerinnen und Fischereiminister in Brüssel auf verbindliche Fangquoten für 2012 geeinigt. An den Reaktionen auf das Ergebnis der Mammutsitzung Mitte Dezember wurde schnell deutlich, wo die Konfliktlinien in der Fischerei verlaufen. So freuen sich die Deutschen, dass sie in diesem Jahr 140 Prozent mehr Hering aus der Nordsee holen dürfen als 2011. Zufriedenheit auch in Spanien: Die erlaubte Höchstfangmenge für Seeteufel wurde verdoppelt. Und wenn der Fischmarkt eines Landes zufrieden ist, sind es die Ministerien in der Regel auch; sie freuen sich auf viele Wählerstimmen von der Küste.

Volle Netze, volle Kassen: Fischbestände können sich zu selten erholen.

Weniger begeistert ist dagegen die EU-Kom­mission, die das alljährliche Feilschen um Fangquoten am liebsten abschaffen und durch langfristige Bewirtschaftungspläne für die verschiedenen Fischarten ersetzen würde.

Dieses Modell befürworten auch die Kieler Meeresforscherinnen und Meeresforscher vom Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft«. »Viele Bestände sind überfischt und haben bei der jährlichen Festlegung hoher Fangmengen kaum eine Chance, sich zu erholen«, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Professor Martin Quaas. Gemeinsam mit Kolleginnen und Kol­legen aus verschiedenen Fachbereichen wie Biologie und Rechtswissenschaften forscht Quaas im Exzellenzcluster zum Thema nach­haltige Fischerei. Die Ergebnisse ihrer Unter­suchungen präsentieren sie der Politik, Fisch­ereiverbänden und der interessierten Öffent­lichkeit.

Der Biologe Dr. Jörn Schmidt erklärt, warum Bestände, die ständig stark befischt werden, kaum eine Chance auf Erholung haben: »Viele Fische werden schon gefangen, bevor sie geschlechts­reif sind und das erste Mal gelaicht haben. Ein Kabeljau in der Nordsee könnte ohne Weiteres zehn Jahre und älter werden, wenn er nicht vorher in einem Netz landete – was bei den derzeit erlaubten Gesamtfangmengen aber sehr wahrscheinlich ist.« Dementsprechend weniger Gelegen­heit haben die Tiere, sich fortzupflanzen.

»Wir sind überzeugt, dass bedrohte Fischbestände sich durch eine langfristige Bewirtschaftungsstrategie innerhalb weniger Jahre wieder erholen könnten«, ergänzt Martin Quaas. »Nach einer entsprechenden Schonfrist könnten die Fischer dann sogar dauerhaft mehr aus dem Wasser holen als jetzt«, glaubt er und nimmt den Ostseedorsch als Beispiel: Seit 2007 gibt es für diese Art einen langfristigen Managementplan, auf den sich die Anrainer-Staaten geeinigt haben. Bereits jetzt hat sich der Bestand deutlich erholt und wo in der ersten Phase des Plans vergleichsweise wenig Dorsch gefangen werden durfte, konnte nun deutlich mehr angelandet werden als vor Beginn der Begrenzung. Dank der gewachsenen Population geht das ohne die Gefahr der Überfischung einher.

Eigentlich also eine gewinnbringende Situation für alle Beteiligten. Warum aber funktioniert das bei anderen strapazierten Beständen wie dem Nordseekabeljau nicht? »Dafür gibt es mehrere Gründe«, erläutert Biologe Schmidt. »Beim Ostseedorsch sind sich die Anrainer-Staaten einig gewesen, auf der Nordsee gehen die Interessen stärker auseinander.« Außerdem, so Schmidt, sei dort das Beifangproblem größer. In vielen Schollen- oder Garnelennetzen verfängt sich auch Kabeljau, den diese aber auf Grund der gesetzlichen Bestimmungen nicht aufnehmen dürfen und der daher als Beifang wieder über Bord geht – meistens schon tot.

»Man müsste die Fischereiministerien also davon überzeugen, sich eine Weile bei der Festlegung der Gesamtfangmengen zurückzuhalten«, resümiert Martin Quaas. »Das würde aber kurzfristige Einnahmeverluste bedeuten«, weiß der Ökonom. Dazu komme noch die schwierige Durchsetzung und Kontrolle der maximalen Fangmengen: Gerade bei ertragreichen Beständen besteht für einzelne Fischerinnen und Fischer oder auch einzelne Länder ein Anreiz, munter weiterzufischen.

Durch solche illegalen Anlandungen lassen sich hohe Gewinne erwirtschaften, auch wenn so die Bestände leiden und nach wenigen Jahren der Zurückhaltung bereits höhere Fangmengen und Gewinne für alle möglich wären. »Dieses Dilemma«, sagt Jörn Schmidt, »kann letztlich nur gelöst werden, wenn sich die europäischen Staaten auf eine langfristige Bewirtschaftung der Bestände einigen und die maßvollen Fangmengen konsequent einhalten.«

Jirka Niklas Menke
Fischereiforschung im Cluster
Der 2006 im Zuge der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern bewilligte Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft« bewirbt sich derzeit um eine zweite Förderperiode bis 2017. Wenn es damit klappt, wollen die Kieler Fachleute sich unter anderem mit den Auswirkungen der Fischerei auf die genetische Vielfalt befassen. Unabhängig davon haben die Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler des Exzellenzclusters Überfischung als Schwerpunkt ihrer Arbeit im kommenden Sommersemester gewählt. Im August wird es einen fächerübergreifenden Workshop zu dem Thema geben, außerdem sind mehrere Publikationen geplant. (jnm)
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