Verwirrende Tatsachen
Breiter denn je ist die veröffentlichte Meinungsvielfalt dank des Internets. Doch Einstellungen geraten damit nicht automatisch fundierter, hat der Sozialpsychologe Christoph Borzikowsky herausgefunden.

Christoph Borzikowsky Foto: pur.pur
Christoph Borzikowsky: Genau das wollten wir auch wissen. Oder allgemeiner ausgedrückt: Uns interessierte die im Internet zunehmende Verzahnung von Wissenschaft und Öffentlichkeit und damit die Frage, wie wissenschaftliche Laien auf diesem Weg Wissenschaft verarbeiten und welche Rolle dabei die eigene Zuordnung zu sozialen Gruppen und deren Einstellungen spielt.
Verändert das Internet die Wahrnehmung von Wissenschaft?
Erst einmal löst es eine gewaltige Erweiterung aus. In Windeseile sind heutzutage Publikationen verfügbar, die früher nur sehr umständlich über Bibliotheken zu bekommen waren. Schon deshalb erreichten sie überwiegend ein reines Fachpublikum. Per Netz aber können sich alle über alles informieren. Und weil es zumeist an Fachwissen fehlt, kann es dann zu dem Problem kommen, diese Informationen richtig einzuordnen.
Mögen Sie ein Beispiel nennen?
Grundsätzlich erwarten die Menschen von der Wissenschaft klare Handlungsanweisungen, die sie für den Alltag nutzen nutzen können. Nehmen wir die Schweinegrippe, die 2010 ganz viele Ängste ausgelöst hat. Den Stein der Weisen hat dazu auch die Wissenschaft nicht gefunden. Da gab es auf der einen Seite die nicht zu leugnende Möglichkeit, sich eine lebensbedrohende Infektion zuzuziehen. Aber wer genau recherchierte, stellte auf der anderen Seite fest, dass der Impfstoff, der das verhindern sollte, Quecksilber enthielt. Am Ende war es also eine individuelle Entscheidung, ob man die Möglichkeit einer Infektion als gefährlicher bewertete als die Gewissheit, seinem Körper durch Quecksilber Ungutes zu tun.
Wissenschaft kann also in der Regel keine letztgültigen Antworten geben?
Wissenschaft ist flexibel, und zwar, wie gesagt, entgegen den allgemeinen Erwartungen. Wissenschaft liefert oft Ergebnisse, die sehr komplex sind, sich teilweise widersprechen und häufig nur vorläufigen Charakter haben. Jeden Tag kann jemand aus der Wissenschaft kommen und widerlegen, was gestern noch als praktisch unbestritten galt.
Die Fachwelt streitet sich also und die Laien verstehen gar nichts mehr?
Da ist was dran. Professor Bernd Simon vom Lehrstuhl für Sozialpsychologie und Politische Psychologie verdanke ich die Anregung, zu untersuchen, wie die Menschen mit diesem Problem umgehen. Ausgangspunkt meiner Untersuchungen war ein Experiment, mit dem Psychologen in den USA 1979 den Umgang mit widersprüchlichen Informationen am Beispiel der Todesstrafe erforschten. Die Probandinnen und Probanden bekamen dabei zwar zu gleichen Teilen Texte, die dafür und dagegen sprachen, tatsächlich aber nahmen sie hauptsächlich das auf, was ihre bereits vorhandene Meinung bestätigte. Letzten Endes waren diese Einstellungen nach dem Versuch noch gefestigter als zuvor.
Sie haben nun untersucht, ob das mit dem Internet genauso läuft?
Richtig. Einerseits arbeitete unsere Forschungsgruppe, bestehend aus Professor Bernd Simon, Dr. Daniel Wollschläger, Rauha Laurus und mir, an einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt, das sich mit dem Für und Wider des Boxsports befasste. Meine Kollegin Rauha Laurus hat sich außerdem die widersprüchlichen Meinungen zum islamischen Gebetsruf vorgenommen. Und ich selbst thematisierte Sinn und Unsinn von Vitamin-C-Präparaten.
Wie gingen Sie dabei vor?
Teilweise recht listig. Wir konfrontierten die Probandinnen und Probanden mit gefälschten Internetseiten, die besonders dank der Computerfachkenntnisse von Dr. Wollschläger so gekonnt manipuliert waren, dass es niemandem auffiel. Auf diese Weise konnte ich in meinen Experimenten untersuchen, welchen Einfluss Faktoren wie die Reputation von Autorinnen oder Autoren eines wissenschaftlichen Beitrags haben. In manipulierten Angaben zu einer erfundenen Person habe ich zum Beispiel einmal einen sehr qualifizierten Experten beschrieben, ein andermal einen Autoren mit eher hobbymäßigem Hintergrund.
Dass die Menschen Fachleuten stärker vertrauen, dürfte zu erwarten sein.
Richtig, aber darum ging es nicht allein. Bei meinen Versuchen kam in der Tendenz heraus, dass Laien wie in der Studie von 1979 auch im Internet dazu neigen, sich ihre eigene Einstellung bestätigen zu lassen. Interessant ist jedoch, dass man gegensteuern kann, beispielsweise durch die Betonung einer übergeordneten Identität, die die widersprüchliche Situation auf der fingierten Internetseite in ein anderes Licht rückte. Ich habe versucht, bei den Probandinnen und Probanden Einigkeit auf höherer Ebene herzustellen und Textblöcke oder auch kleine Aufgaben eingebaut, aus denen hervorging, dass sich Einschätzungen von Fachleuten zwar im Detail widersprechen mögen, alle gemeinsam aber redlich der Suche nach Wahrheit verpflichtet sind. Die Kontroverse wird damit als Motor der Wissenschaft gewürdigt. Und wer das verstanden hat, ist nach den Ergebnissen unserer Versuche, an denen insgesamt mehr als 1000 Studentinnen und Studenten der Kieler Universität teilnahmen, tatsächlich eher bereit, neue Argumente abzuwägen und seine alte Meinung zu revidieren.
Letzte Frage: Wie halten Sie es persönlich mit Vitamin-C-Präparaten?
Also, ich war früher ziemlich offen dafür. Aber jetzt, nachdem ich mich genauer damit beschäftigt habe, bin ich zurückhaltender. Obst und Gemüse bringen wohl mehr.
Das Interview führte Martin Geist
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