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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 71 vom 07.04.2012, Seite 4  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

»Ich war die Hälfte meines Lebens irgendwo Ausländerin«

Die Juristin Kerstin Odendahl ist Ko-Direktorin des Walther-Schücking-Instituts für Internationales Recht. Im unizeit-Interview spricht sie über den Wert von Auslandserfahrungen.


Kerstin Odendahl. Foto: pur.pur

unizeit: Warum haben Sie sich auf Internationales Recht spezialisiert?

Kerstin Odendahl: Mit dem Fachgebiet kam ich zum ersten Mal bei meinem Auslandsjahr in Frankreich in Berührung. Ich konnte mich dort mit Fragen befassen, die mich schon immer interessiert hatten. Beim Völkerrecht geht es nicht nur um Normen, sondern ganz praktisch um das Zusammenleben unterschiedlicher Staaten und Kulturen. Das hat viel mit Politik zu tun. Man muss auch die Geschichte, die Wirtschaftsbeziehungen und die nationalen Interessen verstehen – diese Kopplung hat mich gereizt.

Wie geben Sie das an Ihre Studierenden weiter?

Die heutigen Studierenden sind es, die das Völkerrecht in Zukunft gestalten werden. Dessen Aufgaben haben dramatisch zugenommen: Umweltschutz, Menschenrechte, Flüchtlingsströme, Terrorismus, Finanzkrise – alle großen Probleme lassen sich nur von den Staaten gemeinsam lösen. Daher ist das Völkerrecht derzeit stark im Umbruch. Es müssen neue Regeln geschaffen werden.

Sie unterrichten zweimal im Jahr für zwei Wochen in Abu Dhabi, einem Emirat am Persischen Golf. Wie unterscheidet sich der Unterricht dort von dem an einer deutschen Universität?

Ich unterrichte an einer Dependance der Pariser Sorbonne. Die Kursinhalte sind daher die gleichen wie in Europa. Aber schon die Sitzordnung im Hörsaal ist auffällig: Auf der einen Seite sitzen die Frauen, alle in Schwarz, auf der anderen die Männer, alle in Weiß. Doch es gibt temperamentvolle Diskussionen, mit zahlreichen Wortmeldungen auf beiden Seiten. Viele Themen werden sehr emotional diskutiert, zum Beispiel der Israel-Palästina-Konflikt, auf den die Studierenden immer wieder zurückkommen. Ich versuche zu vermitteln, dass man als Jurist sachlich bleiben muss und sich nicht von Emotionen leiten lassen darf. Meine Unterrichtsthemen sind schließlich die friedliche Beilegung von Konflikten und die Menschenrechte.

Nicht nur Ihr Fachgebiet, auch Ihr Lebenslauf ist international geprägt. Sie sind in Mexiko-Stadt aufgewachsen – wie kam das?

Meine Eltern, beide Pharmazeuten, hatten hatten damals Lust, ins Ausland zu gehen. Sie ließen sich nach Mexiko versetzen, wo wir elf Jahre gelebt haben. Erst mit 13 Jahren kam ich nach Deutschland zurück. Zuerst hatte ich Angst vor der deutschen Schule und der mir relativ unbekannten deutschen Mentalität – aber nach einem halben Jahr war alles gut. Kinder gewöhnen sich schnell ein, Eltern müssen sich da gar nicht so viele Sorgen machen.

Sie haben auch im Ausland gearbeitet, zuletzt sieben Jahre lang in der Schweiz. Wie wirkt sich diese Erfahrung auf Ihren Beruf aus?

Ich war die Hälfte meines Lebens irgendwo Ausländerin, daher weiß ich, wie sich das anfühlt. Jedes Land hat seine ganz eigene nationale Perspektive und begreift sich als etwas Besonderes. Von außen gesehen relativiert sich das, es gibt viele Gemeinsamkeiten. Außerdem habe ich die Angst vor Fremden verloren. Auch unter Kopftuch und Schleier stecken Menschen wie du und ich. Ich würde allen Studierenden empfehlen, ein Auslandsstudium einzuplanen und eine neue Sprache zu lernen – es macht glücklicher. Außerdem verändert sich der Blick aufs eigene Land: Deutsche sind viel freundlicher, herzlicher und humorvoller, als sie es selbst glauben.

Womit werden Sie sich in Ihrer eigenen Forschung als Nächstes befassen?

Ich möchte ein Forschungsprojekt zum Thema Regimewechsel anstoßen, aktuelle Beispiele sind die Elfenbeinküste und Libyen. Bisher hat sich das Völkerrecht nicht dafür interessiert, ob in einem Staat Diktatur oder Demokratie herrscht, das gehörte zu den inneren Angelegenheiten. Der Eingriff der UN in Libyen diente zwar dem Schutz der Bevölkerung, er unterstützte aber gleichzeitig auch die Rebellen und führte zum Sturz des Regimes. Dass die internationale Gemeinschaft beim Regimewechsel hilft, ist ein neues Phänomen. Das wirft die Frage auf, ob wir nicht auf dem Weg zu einer völkerrechtlichen Legitimität von Regierungen sind.

Das Interview führte Eva-Maria Karpf
Internationaler Lebenslauf
Professorin Kerstin Odendahl übernahm im Februar 2011 einen Kieler Lehrstuhl für Öffentliches Recht und ist Ko-Direktorin des Walther-Schücking-Instituts für Internationales Recht. Die 43-Jährige wuchs in Mexiko-Stadt auf und studierte in Bonn, Aix-en-Provence und Trier. Von 2004 bis 2011 hatte sie den Lehrstuhl für Völker- und Europarecht an der Universität St. Gallen inne und war Gastprofessorin in Paris, Washington D.C., Oviedo und Graz. Seit 2009 hat sie eine ständige Gastprofessur für Völkerrecht an der Paris-Sorbonne University Abu Dhabi inne. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen bei den Grundlagen des Völker- und Europarechts sowie dem internationalen Umwelt-, Kultur- und Sicherheitsrecht. (emk)
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