Tückische Tumore
Der Kieler Neurochirurg Andreas Stark versucht Hirntumore auf molekularer Ebene genauer zu charakterisieren, um so neue Behandlungsmöglichkeiten zu erschließen.

MRT-Aufnahme des Kopfes eines Patienten mit Glioblastom in der rechten Hirnhälfte vor der Operation (links). Nach der vollständigen Entfernung aller sichtbaren Tumoranteile wächst ein neuer Tumor in der linken Hirnhälfte (rechts).
Die Behandlungsmöglichkeiten für Erkrankte sind beschränkt. Der sichtbare Tumor lässt sich zwar in der Regel operativ entfernen. Das Tückische ist jedoch, dass er Tumorzellen in das umgebende Gewebe streut. »Das heißt, egal wie gründlich wir den Tumor entfernen, es bleibt etwas zurück«, erklärt Stark, der solche Operationen an der Klinik für Neurochirurgie ein- bis zweimal in der Woche durchführt. Die zurückbleibenden Krebszellen vermehren sich und wachsen zu einem neuen Tumor heran. Die heute übliche, der Operation folgende kombinierte Strahlen- und Chemotherapie mit dem Wirkstoff Temozolomid kann einen Rückfall (Rezidiv) verzögern, aber nicht verhindern. Weitere Operationen und Therapien folgen. Statistisch gesehen gesehen leben 14,6 Monate nach der Diagnose Glioblastom nur noch die Hälfte der Erkrankten.
Der Schlüssel zu neuen Behandlungsansätzen liegt Starks Ansicht zufolge in den molekularbiologischen Eigenschaften des Tumors. Es gibt Betroffene, die auf die Chemotherapie besser ansprechen als andere. Diese Gruppe anhand von besonderen Tumormerkmalen besser zu charakterisieren ist ein Ziel seiner Forschung, die von der Familie-Mehdorn-Stiftung aus Kiel gefördert wird. Ein anderes Ziel ist, anhand der genetischen Veränderungen in Glioblastom-Rezidiven neue Erkenntnisse über die Entstehung und das Fortschreiten des Tumors zu gewinnen und darauf aufbauend molekulare Therapieansätze zu finden. Stark: »Die Grundüberlegung meiner Gruppe ist zu schauen, was unterscheidet den Tumor, wenn er das erste Mal auftritt von dem Tumor, wenn er wiederkommt. Unter der Vorstellung, dass der Tumor aggressiver wird.« Durch Vergleich von Gewebeproben, die bei der ersten Operation entnommen wurden, mit Proben des Rezidivs von ein und derselben Person konnte der Wissenschaftler tatsächlich genetische Veränderungen nachweisen, die mit den Wachstumseigenschaften des Tumors zusammenhängen. Diese Veränderungen betreffen die DNA-Reparaturmechanismen.
Die Reparaturmechanismen sind bei einer Krebserkrankung nicht unbedingt positiv. »Wenn ein Tumor in der Lage ist, sich zu reparieren, kann er eventuell schneller wachsen«, verdeutlicht Stark. So sei bekannt, dass Erkrankte mit einem bestimmten Gendefekt von der Therapie mit Temozolomid mehr profitieren als Personen ohne diesen Defekt. Er betrifft das MGMT-Gen, das auch zur großen Familie der Reparaturgene gehört. In seinen Untersuchungen mit Tumormaterial hat Stark Hinweise darauf gefunden, dass noch weitere Gene für DNA-Reparaturproteine mit der Wirksamkeit der Chemotherapie und der Überlebenszeit zusammenhängen. Diese gehören zur Gruppe der DNA-Mismatch-Reparaturproteine (siehe Kasten). Mit den neuen Befunden lässt sich die Gruppe, die gut auf Temozolomid anspricht, besser definieren. Für die anderen gäbe es »in greifbarer Nähe eine andere Therapiemöglichkeit, die man einsetzen könnte«.
Kerstin Nees
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