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Nr. 71, 07.04.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Tückische Tumore

Der Kieler Neurochirurg Andreas Stark versucht Hirntumore auf molekularer Ebene genauer zu charakterisieren, um so neue Behandlungsmöglichkeiten zu erschließen.


MRT-Aufnahme des Kopfes eines Patienten mit Glioblastom in der rechten Hirnhälfte vor der Operation (links). Nach der vollständigen Entfernung aller sichtbaren Tumoranteile wächst ein neuer Tumor in der linken Hirnhälfte (rechts).

Das Spezialgebiet von Professor Andreas Stark sind Glioblastome. Sie entstehen vermutlich aus den Gliazellen des Gehirns und sind die häufigsten bösartigen hirneigenen Tumore bei Erwachsenen. Die jährliche Neuerkrankungsrate liegt bei zirka 3 pro 100.000 Menschen. Dementsprechend oft stellt auch der Kieler Neurochirurg diese Diagnose: »Wir haben 35 bis 40 neuerkrankte Personen pro Jahr. Das ist schon ein häufiger Tumor für uns.«

Die Behandlungsmöglichkeiten für Erkrankte sind beschränkt. Der sichtbare Tumor lässt sich zwar in der Regel operativ entfernen. Das Tückische ist jedoch, dass er Tumorzellen in das umgebende Gewebe streut. »Das heißt, egal wie gründlich wir den Tumor entfernen, es bleibt etwas zurück«, erklärt Stark, der solche Operationen an der Klinik für Neurochirurgie ein- bis zweimal in der Woche durchführt. Die zurückbleibenden Krebszellen vermehren sich und wachsen zu einem neuen Tumor heran. Die heute übliche, der Operation folgende kombinierte Strahlen- und Chemotherapie mit dem Wirkstoff Temozolomid kann einen Rückfall (Rezidiv) verzögern, aber nicht verhindern. Weitere Operationen und Therapien folgen. Statistisch gesehen gesehen leben 14,6 Monate nach der Diagnose Glioblastom nur noch die Hälfte der Erkrankten.

Der Schlüssel zu neuen Behandlungsansätzen liegt Starks Ansicht zufolge in den molekularbiologischen Eigenschaften des Tumors. Es gibt Betroffene, die auf die Chemotherapie besser ansprechen als andere. Diese Gruppe anhand von besonderen Tumormerkmalen besser zu charakterisieren ist ein Ziel seiner Forschung, die von der Familie-Mehdorn-Stiftung aus Kiel gefördert wird. Ein anderes Ziel ist, anhand der genetischen Veränderungen in Glioblastom-Rezidiven neue Erkenntnisse über die Entstehung und das Fortschreiten des Tumors zu gewinnen und darauf aufbauend molekulare Therapieansätze zu finden. Stark: »Die Grundüberlegung meiner Gruppe ist zu schauen, was unterscheidet den Tumor, wenn er das erste Mal auftritt von dem Tumor, wenn er wiederkommt. Unter der Vorstellung, dass der Tumor aggressiver wird.« Durch Vergleich von Gewebeproben, die bei der ersten Operation entnommen wurden, mit Proben des Rezidivs von ein und derselben Person konnte der Wissenschaftler tatsächlich genetische Veränderungen nachweisen, die mit den Wachstumseigenschaften des Tumors zusammenhängen. Diese Veränderungen betreffen die DNA-Reparaturmechanismen.

Die Reparaturmechanismen sind bei einer Krebserkrankung nicht unbedingt positiv. »Wenn ein Tumor in der Lage ist, sich zu reparieren, kann er eventuell schneller wachsen«, verdeutlicht Stark. So sei bekannt, dass Erkrankte mit einem bestimmten Gendefekt von der Therapie mit Temozolomid mehr profitieren als Personen ohne diesen Defekt. Er betrifft das MGMT-Gen, das auch zur großen Familie der Reparaturgene gehört. In seinen Untersuchungen mit Tumormaterial hat Stark Hinweise darauf gefunden, dass noch weitere Gene für DNA-Reparaturproteine mit der Wirksamkeit der Chemotherapie und der Überlebenszeit zusammenhängen. Diese gehören zur Gruppe der DNA-Mismatch-Reparaturproteine (siehe Kasten). Mit den neuen Befunden lässt sich die Gruppe, die gut auf Temozolomid anspricht, besser definieren. Für die anderen gäbe es »in greifbarer Nähe eine andere Therapiemöglichkeit, die man einsetzen könnte«.

Kerstin Nees
Reparaturwerkzeug für die DNA
Durch verschiedene Einflüsse wie UVStrahlung oder Chemikalien kann unser Erbgut, die DNA, geschädigt werden. Damit sich solche Schäden nicht anhäufen und zum Beispiel Krebserkrankungen nach sich ziehen, verfügen unsere Zellen über spezielle Werkzeuge zur Reparatur der DNA. Es handelt sich hierbei um verschiedene Gruppen von spezialisierten Proteinen, die die Schäden beheben. Hierzu zählen zum Beispiel auch die DNA-Mismatch-Reparaturproteine (MMR-Proteine). Sie erkennen eine Fehlpaarung in DNA-Doppelsträngen und können diese herausschneiden. (ne)
Zielgenaue Operation am Gehirn
Durchschnittlich drei bis fünf Zentimeter sind die Glioblastome groß, bevor sie operativ entfernt werden. Die Ausmaße sind nicht gewaltig, aber im Gehirn machen schon kleine Wucherungen Probleme wie Kopfschmerzen, Lähmungen oder epileptische Anfälle. Die Operation erfolgt an der Klinik für Neurochirurgie (Leitung: Professor Maximilian Mehdorn) am UKSH, Campus Kiel, grundsätzlich mittels Neuronavigation (zur Darstellung des Kopfinneren in einem Computersystem) und unter dem Operationsmikroskop. »Damit sehen wir kleine Gefäße und Strukturen besser«, erklärt Professor Andreas Stark. Die intraoperative Kernspintomografie und das fluoreszenzgestützte Herausschneiden des Tumors werden ebenfalls routinemäßig angewandt. Die lokale Gabe von Chemotherapie ist ebenso möglich wie die Wach-Operation. Ziel all dieser Maßnahmen ist, die sichtbaren Tumoranteile möglichst vollständig zu entfernen und gleichzeitig die neurologischen Funktionen zu erhalten. (ne)
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