Identisch und doch verschieden
Chronisch entzündliche Darmerkrankungen sind bis heute nicht heilbar. Zwillinge helfen dabei, die Ursachen der Krankheit zu erforschen.

Allein in Deutschland leiden schätzungsweise 320.000 Menschen an chronischen Entzündungen des Darms wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa. Wiederkehrende Durchfälle, Bauchschmerzen und völlige Entkräftung können alle treffen und für einen langen Leidensweg sorgen. Bei der Behandlung wird versucht, die Symptome zu lindern, denn eine Heilung gibt es bis heute nicht. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollen deshalb endlich verstehen, wieso sich der Darm immer wieder entzündet. Sie nehmen an, dass für den Ausbruch der Krankheiten verschiedene Faktoren eine Rolle spielen. »Wir vermuten, dass sowohl die Genetik als auch Umweltfaktoren und eine Barrierestörung des Darms zum Ausbruch der Erkrankung beitragen«, sagt Dr. Martina Spehlmann vom Institut für Klinische Molekularbiologie.
Zusammen mit Professor Andreas Raedler vom Hamburger Asklepios-Westklinikum und Professor Stefan Schreiber, Direktor des Instituts für Klinische Molekularbiologie und Sprecher des Exzellenzclusters Entzündungsforschung, leitet die Ärztin das Forschungsprojekt »Zwillinge mit Darmerkrankungen«.

Im weiteren Verlauf der Studie soll unter anderem untersucht werden, ob sich die Darmflora bei den Zwillingen unterscheidet. Deswegen entnehmen die Ärztinnen und Ärzte bei Darmspiegelungen, die regelmäßig vorgenommen werden, auch immer eine Probe und vergleichen bei Gesunden und Kranken das Mikrobiom, die Summe aller Bakterien auf der Darmoberfläche.
»Durch die Studie und die Zwillingstreffen versuchen wir, die Paare näher kennen zu lernen«, sagt Martina Spehlmann und ergänzt lächelnd: »Außerdem wollen wir Spaß mit unseren Zwillingen haben, denn sie sind uns im Laufe der Zeit schon sehr ans Herz gewachsen.«
Ann-Kathrin Wenke
Infektionen und Zusatzstoffe
Der erste überraschende Befund der Zwillingsstudie hat gezeigt, dass der erstgeborene Zwilling ein größeres Risiko hat, an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen zu leiden. Wodurch das zustande kommt, ist allerdings noch unklar und wird weiter untersucht. Außerdem hatten Betroffene im Vorfeld häufiger Infektionen, vor allem des Magen-Darm-Trakts und der oberen Atemwege. Damit hängt zusammen, dass sie zusätzlich häufiger Antibiotika genommen haben. Auch ein höherer Verzehr von industriell verarbeiteten Lebensmitteln wie Wurstwaren kann mit chronischen Entzündungen des Darms einhergehen. Die Forscherinnen und Forscher vermuten, dass das Immunsystem auf Zusätze in Lebensmitteln, wie neuere synthetische Konservierungsstoffe, reagiert und sich der Darm als Folge entzündet. (akw )
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