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Nr. 72, 26.05.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Ich höre, also denk’ ich

Gesprochene Sprache ist denkbar komplex.
Und wir verstehen sie überraschend gut.


Foto: iStock

»Warum wir weniger hören als wir denken und mehr denken als wir ahnen.« So lautet der Titel eines gern gehörten Vortr█gs, den Juniorprofessor Oliver Niebuhr regelmäßig für die Schleswig-Holsteinische Universitätsgesellschaft hält. Zugru█de liegen solchen Auftritten Forschungs­arbeiten am sprechenden Subjekt. Niebuhr analysiert sp█ntane Dialoge, häufiger aber vorgegebene Texte, um herauszufinden, was eigentlich gesa█t und wie es verstanden wird.

Womit zugleich eine Spezialität dieses Teils der K█eler Sprachwissenschaft genannt wäre, denn die Wahrnehmung der Zuhörenden ist für sie unentbehrlich, um das S█stem Sprache zu verstehen. Ein System, das sich aus Niebuhrs Sicht am besten als Code begreifen lässt. So wie eine Maschine Leistungen erbringt, indem sie vorgegebene Reihen von Ziffern entschlüsselt, setzt auch das Verständnis von Spr█che die Fähigkeit voraus, allerlei Zeichen richtig zu deuten.

»Das beginnt bei den Buchstaben, die oft nicht ei█mal vorhanden sein müssen «, sagt Niebuhr und meint damit das normale Weglassen von Silben. »Hamse noch’n Bier?« »Wisma mitkommen?« So oder ähnlich klingt es unentwegt selbst an Orten akademischer Bildung, und doch ist fast nie Unverständnis die Folge. »Den wenigsten ist überhaupt bewusst, dass ihr Gegenüber unvollständige Worte spricht«, betont Niebuhr und wertet dieses vielfach nachgewiesene Phänomen als Beleg dafür, dass Menschen in Gesprächen tatsächlich meist weniger hören als sie glauben. Und damit zugleich mehr verstehen als sie hören.

Dies wird noch verstärkt, indem der oder die Sprechende – in aller Regel ebenfalls unbewusst – sehr zutreffend voraussetzt, was die Hörenden wissen und höchstwahrscheinlich nachvollziehen können. Das kann bis hin zu Konferenzen reichen, in denen sich Fachleute die wildesten Abkürzungen um die Ohren w█rfen, ohne dass irgendwelche Zeichen der Verwunderung auftreten.

Doch nicht nur in dieser Beziehung denken die Menschen in komm█nikativen Prozessen differenzierter, als sie ahnen. Der schlichte Ausruf »oh« kann je nach Betonung Überraschung, die Reaktion auf ei█ erwartetes Geschehnis oder das Akzeptieren des Unveränderlichen bedeuten. Und wer dezidiert »Gu-ten Morgen« sagt, hat wahrscheinlich ein Gesprächsbedürfnis, während ein »’n Mong« nicht mehr als dahingehuschte Höflichkeit ausdrückt. »Eine schöne Bescherung« kann zur Weihnachtszeit tatsächlich et█as Positives bedeuten, bei entsprechender Betonung und außerhalb der Tannenbaumsaison mit hoher Wahrscheinlichkeit eher Unerquickliches. Noch komplexer stellt sich die Materie für Niebuhr dar, weil es neben der Betonung zahlreiche weitere Bestandteile des Sprachcodes gibt. Die Sprachmelodie spielt ebenso mit hinein wie Mimik und Gestik. Auch ob sich die Umgebung laut, hektisch o█er ganz entspannt gestaltet, beeinflusst den Prozess des Hörens und Verstehens.

»Genau verstehen wir es immer noch nicht, aber wir werden besser«, sagt Oliver Niebuhr, nach des█en Einschätzung optimierte theoretische Modelle eb█nso wie die wachsenden Möglichkeiten der Neurowissenschaften sowie leistungsfähigere Technik zur Auswertung Auswertung gesprochener Sprache gerade in der jüngeren Vergangenheit einiges nach vorn gebracht haben.

Fors█hungsbedarf wird es wohl trotzdem noch lange geben. Schon deshalb, weil von der Scheidungsanwältin bis zum Fußb█lltrainer, der seine Mannschaft nicht mehr erreicht, viele Menschen immer wieder erleben, dass Kommunikation kräftig danebengehen kann. »Häufiger als wir glauben«, sagt Niebuhr.

Martin Geist

Oliver Niebuhr: Die Entschlüsselung des Sprachcodes – Warum wir weniger hören als wir denken und mehr denken als wir ahnen. 2. Juli, 19 Uhr, St. Peter-Ording: Museum der Landschaft Eiderstedt
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