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Nr. 72, 26.05.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Und sie verstehen sich doch!

In ihrem Vortrag innerhalb der Ringvorlesung »Nicht­Verstehen« räumt die Anglistin Lieselotte Anderwald mit populären Irrtümern zum Gesprächs­verhalten von Männern und Frauen auf.


Mit ihren Ratgeberbüchern wie »Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken« haben Allan und Barbara Pease gut verdient. Das Schriftstellerpaar aus Australien arbeitet darin die vermeintlichen Unter­schiede zwischen den Geschlechtern in amüsanten Anekdoten ab und zementiert damit gängige Rollen­klischees von Frauen, die gemeinsam zur Toilette gehen, und Männern, die Schwierigkeiten damit haben, Sachen zu finden. Die Aha-Erlebnisse bleiben nicht aus beim Lesen der geschilderten Situationen. »Das ist so bei Stereotypen. Jeder erkennt sich darin wieder und Gegenbeispiele werden als Ausnahmen, die die Regel bestätigen, wegdiskutiert«, erklärt Professorin Lieselotte Anderwald vom Englischen Seminar.

Aber sind wir tatsächlich so unterschiedlich? Die Professorin für englische Sprachwissenschaft hat sich die Forschungsarbeiten zur Kommunikation von Männern und Frauen genauer angeschaut und hält Skepsis für angebracht. »Wenn ich nach Unterschieden suche, finde ich in der Regel auch Unterschiede. Das liegt auch daran, dass Forschung eine größere Chance hat publiziert zu werden, wenn sie Unterschiede produziert.« Zu den in Studien nachgewiesenen Unterschieden gehört zum Beispiel, dass Frauen eher konsens orientiert sind, während Männer sich eher im Konflikt befinden und Wortgefechte führen. Eine Meta-Studie, die eine Vielzahl von Studien ausgewertet hat, kam allerdings zu dem Schluss, »dass die Ähnlichkeiten zwischen den Geschlechtern eigentlich viel größer sind als die Unterschiede«, so Anderwald.

Verglichen mit den biologisch begründbaren Unterschieden in Wurfweite oder im Aggres­sionsverhalten, »gehen alle Unterschiede, die im sprachlichen Verhalten genannt werden, gegen null.«

Das hieße also Abschied zu nehmen von der Vorstellung, dass Männer ein geringeres Vokabular und schlechteres Leseverständnis hätten oder dazu neigten, Monologe über Spezialthemen zu führen, und dass Frauen sich besser auf Gesprächspartner und -partnerinnen einstellen könnten und eine harmonische Gesprächssituation schätzten. »Es gibt bestimmt auch Stereotypen männlicher und weiblicher Unterhaltungen. Es ist aber sehr schwer, das statistisch nachzu­weisen«, verdeutlicht Anderwald. »Man kann nicht jemanden den ganzen Tag lang begleiten, das Gesagte verschriftlichen und dann sagen: Dieser eine Mann ist jetzt typisch.«

Die Grundannahme, dass Frauen und Männer sich nicht verstehen können, weil sie viel zu unterschiedlich aufwachsen, sieht die Kieler Anglistin damit kritisch. Die Amerikanerin Deborah Tannen hat das in ihrem Buch »You just don’t understand!« (veröffentlicht 1990) ausgeführt. Sie geht von Subkulturen aus, nach dem Motto: Männer und Frauen wachsen so unterschiedlich auf und werden auch so unterschiedlich behandelt, dass sie sich genauso wenig verstehen wie Italiener und Finnen. »Für Italiener und Finnen ist das vielleicht plausibel, aber für Männer und Frauen, die in der gleichen Kultur, auch in einer Familie miteinander aufwachsen, sich in der Regel in einem sehr engen Kontakt miteinander befinden – anders als Italiener und Finnen – ist es wirklich nicht sehr plausibel.«

Übrigens: Nicht nur beim Thema Kommunikation liegt der eingangs genannte Ratgeber falsch, auch beim Vorurteil zum Einparken. Eine britische Studie hat festgestellt, dass Frauen nicht nur schneller, sondern auch exakter den Weg in die Parklücke finden. Die Untersuchung stammt vom britischen Parkplatzbetreiber NCP (National Car Parks). Dieser ließ 700 seiner Parkplätze einen Monat lang mit versteckten Kameras filmen und dabei rund 2500 Fahrer und Fahrerinnen beim Einparken aufnehmen.

Kerstin Nees
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