CAU - Universität Kiel
Sie sind hier: StartseitePresseUnizeitNr. 72Seite 5
Nr. 72, 26.05.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Rubens oder nicht Rubens?

Im Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung werden auch Kunstwerke auf ihre Echtheit untersucht. Die naturwissenschaftliche Analyse ersetzt jedoch nicht den Kennerblick der Kunstgeschichte.


Links: Ausschnitt des im Leibniz-Labor untersuchten Gemäldes »Kybelefest«, signiert »P.P.R.« (in Privatbesitz). Der Vergleich mit dem entsprechenden Ausschnitt des Gemäldes »Venusfest« von Rubens (rechts) aus der Gemälde­galerie des Kunsthistorischen Museums Wien zeigt, wie sehr sich die Bilder ähneln. Die Farbunterschiede sind durch die unterschiedliche Fotoqualität der Aufnahmen bedingt. Die deutlich helleren, gelblichen Farben im rechten Bild sind eher untypisch für Rubens. Foto: Gerrit Schulz-Bennewitz

»Das spektakulärste Objekt in meiner Arbeit war bisher ein Rubens zugeschriebenes Gemälde«, sagt der Geologe Dr. Matthias Hüls. Seit 2001 arbeitet er im Leibniz-Labor an der Kieler Uni, wo er die Untersuchung der eingesandten Proben koordiniert. Mit Hilfe des Massenspektrometers (siehe Kasten) lässt sich das Alter zum Beispiel von Holz und Holzkohle, Knochen, Samen und Sedimenten bestimmen. »Kunst wird hier eher seltener geprüft, aber es kommt vor – zum Beispiel haben wir schon alte Handschriften, historische Teppiche oder Artefakte aus Elfenbein untersucht.« Im Jahr 2005 wurde ein Gemälde in Hüls’ Büro angeliefert. Das Motiv ähnelte auffällig dem Gemälde »Venusfest « von Peter Paul Rubens aus dem Kunsthistorischen Museum in Wien. Für die Festlegung des Preises auf dem Kunstmarkt ist es wichtig, Alter und Herkunft eines Objekts möglichst genau zu bestimmen. Wenn es um weltbekannte Künstler wie Rubens geht, wird eine ganze Reihe von Gutachten aus verschiedenen Fachbereichen hinzugezogen.

Professor Klaus Gereon Beuckers vom Kunsthistorischen Institut erklärt, wo die besonderen Schwierigkeiten bei diesem Maler liegen. »Im 17. Jahrhundert war die Malerei weitgehend handwerklich organisiert, und Rubens hatte eine sehr große Werkstatt«, sagt Beuckers. »Die Käufer konnten bei der Bestellung festlegen, welchen Anteil der Meister selbst malen sollte – entsprechend teurer wurde das Gemälde.« Schon zu Lebzeiten war Rubens so berühmt, dass viele ihn nachahmten, von späteren Kopien und Fälschungen ganz zu schweigen.

Das Leibniz-Labor sollte daher klären, aus welcher Zeit die Materialien des Gemäldes stammen. »Dafür haben wir von der Rückseite an drei verschiedenen Stellen Leinwandproben entnommen«, erklärt Hüls. »Leinen und Flachs sind kurzlebige pflanzliche Stoffe, bei ihnen kann man das Alter recht gut eingrenzen.« Mit der C14-Methode ließ sich ermitteln, dass der Flachs für die Leinwand in den Jahren 1528 bis 1651 gewachsen sein muss. »Das schließt nicht aus, dass das Gemälde in Rubens’ Zeit begonnen wurde«, sagt Matthias Hüls. »Ob er es wirklich gemalt hat, das können wir allein mit naturwissenschaftlichen Methoden nicht klären.«

Hier greifen die Methoden der Kunstgeschichte. Sie beruhen vor allem auf dem Vergleich von Kunstwerken. »Man vergleicht dabei die einzelnen Formen innerhalb eines Bildes, zum Beispiel wie Hände oder Gesichter gemalt sind, welche Farben verwendet und wie sie aufgetragen wurden«, erklärt Klaus Gereon Beuckers. »Genauso wichtig ist aber auch die Gesamtkomposition eines Gemäldes.« Gerade bei Rubens stehen Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker dabei vor einer schwierigen Aufgabe. »Rubens hat ein sehr großes Werk hinterlassen«, sagt Beuckers. »Er war zu seiner Zeit hochangesehen, viele wollten ein Bild von ihm haben, sogar seine Skizzen wurden gehandelt.« Hinzu kommt, dass der Meister bewusst immer wieder unterschiedliche Ausdrucksformen und Stile benutzte.

Um zu klären, ob ein Werk von Rubens selbst, aus seiner Werkstatt oder von einem Nachahmenden stammt, brauche man daher ein immenses Bildgedächtnis, sagt Beuckers: »Man muss nicht nur das Gesamtwerk von Rubens kennen, sondern auch die Gemälde seiner Zeitgenossen und Vorbilder.« Auf die Hilfe der Naturwissenschaften möchte Beuckers dabei nicht verzichten. »Man kann zum Beispiel auch Pigmente und Bindemittel analysieren oder im UV-Licht Vorzeichnungen sichtbar machen«, sagt der Kunsthistoriker. »Das ergibt ein Detailwissen, mit dem man manches von vornherein ausschließen kann.«

Auch das Gemälde, das Matthias Hüls untersucht hat, wurde außer von ihm von weiteren Fachleuten aus Kunst- und Naturwissenschaften untersucht. Hüls: »Es ist schon faszinierend, sich vorzustellen, dass hier ein echter Rubens an der Wand stand!«

Eva-Maria Karpf
Peter Paul Rubens (1577-1640)
Peter Paul Rubens wurde 1577 in Siegen geboren, wohin seine Familie in Folge von Religionsunruhen aus Antwerpen geflohen war. Ab 1587 lebte er mit Mutter und Geschwistern wieder in Antwerpen, machte eine Malerlehre und wurde 1598 in die St.­LukasGilde der Kunstmaler aufgenommen. Bei Aufenthalten in Spanien und Italien, unter anderem als Hofmaler in Mantua, entwickelte er seinen Stil. 1608 kehrte er nach Antwerpen zurück und baute eine große Werkstatt auf, die wie eine Manufaktur arbeitsteilig organisiert war. Sie wurde zum Zentrum der flämischen Barockmalerei. Ab 1609 war Rubens zudem Hofmaler des spanischen Statthalters in Brüssel und als Diplomat tätig. Der Künstler wurde mit Aufträgen überschüttet, neben Leinwandgemälden in verschiedensten Formaten gehörten dazu auch Deckengemälde in Schlössern von Paris bis London. 1635 kaufte er Schloss Steen in der Provinz Antwerpen, Belgien, und stieg damit zum Landadel auf. 1640 starb Peter Paul Rubens in Antwerpen. Sein Werk ist gekennzeichnet durch einfallsreiche, kühne Bildkompositionen, sinnliche Farbigkeit und malerische Perfektion. Bereits zu Lebzeiten galt er als »Malergenie«. (emk)
Top  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 


Zuständig für die Pflege dieser Seite: unizeit-Redaktion   ► unizeit@uni-kiel.de