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Nr. 72, 26.05.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Mehr als nur graue Theorie

Interview mit Uni-Vizepräsident Professor Frank Kempken über eine zeit­gemäße Lehramtsausbildung.


Prof. Frank Kempken

unizeit: Zu wenig Pädagogik, zu wenig Praxis, zu viel graue Theorie. Solche Töne waren zuletzt aus vielen, sich bildungspolitisch berufen fühlenden Mündern zu hören. Zieht sich die Uni Kiel diesen Schuh an?

Frank Kempken: Da ist sicher so manche nicht ganz korrekte Äußerung gefallen. Zumal bezogen auf die Universität Kiel, die ja ausschließlich für den Berufs­nachwuchs an den Gymnasien zuständig ist. Hier gilt nun einmal das Zwei-Fächer-Prinzip. Das bedeutet, dass sich jede angehende Lehrkraft auf zwei ver­schiedene Fächer spezialisiert. Für uns bedeutet das, wir müssen das betreffende Fächerwissen so nachhaltig vermitteln, dass es eine tragfähige Basis für viele Jahre Unterrichtstätigkeit bildet.

Also doch viel graue Theorie?

Überhaupt nicht. Wir wissen aus allen Untersuchungen, dass eine gute fachliche Ausbildung neben der Didaktik entscheidend ist für die Qualität des Schulunterrichts. Außerdem enthält das Studium für das gymnasiale Lehramt generell viel mehr praktische Anteile, als gern behauptet wird.

Wie gestaltet sich der Praxisbezug?

Wenn wir den Bachelor- und Masterstudiengang zusammennehmen, fallen 100 von 300 Leistungs­punkten auf diesen Bereich. Das bedeutet Didaktik, Pädagogik und drei mehrwöchige Praktika in den Schulen.

Trotzdem ist es so, dass die Studierenden erstmals im dritten Semester eine Schule als angehende Lehrkraft betreten. Ist das nicht viel zu spät?

Wenn jemand in der Schule merkt, dass dieser Beruf wohl doch die falsche Wahl war, kann es womöglich große Probleme geben, noch einmal umzusatteln. Ja, solche Fragen diskutieren wir sehr ernst. Dazu gehört auch der Vorschlag, ein Praktikum vorzuschreiben, bevor das Studium überhaupt beginnt. Würde Würde man das so machen, dann bliebe aber die Frage nach der Konsequenz aus einer solchen Erfahrung. Leute mit einer negativen Praktikumsbeurteilung abzulehnen, wäre mit einem enormen Aufwand verbunden und rechtlich problematisch. Bliebe also die Hoffnung darauf, dass Ungeeignete von sich aus Einsicht zeigen.

Die Frage nach dem Umgang mit schwächeren Studierenden stellt sich gleichwohl.

Das ist richtig. Unser Ansatz geht in die Richtung, Defizite rechtzeitig zu erkennen und sie mit gezielten Angeboten Angeboten abzubauen. Im Einzelfall kann der Wechsel auf ein anderes Berufsziel dabei tatsächlich eine Lösung sein. Das ist oft auch im dritten Semester relativ problemlos möglich. Die Studierenden haben ja zwei Schwerpunktfächer belegt, die auch ohne das Berufsziel Lehramt studiert werden können.

Ist alle Kritik an der Gestaltung des Studiums also nur heiße Luft?

Zunächst glaube ich, dass im Hinblick auf die Gymnasiallehrerausbildung manchmal ein Missverständnis besteht. Wer die Uni mit dem Master-Zeugnis verlässt, ist ja nicht fertig ausgebildet, sondern es folgen noch 18 Monate Referendariat. Nach einer jüngst veröffentlichten Allensbach-Umfrage hat der pädagogische Nachwuchs in den ersten Jahren vor allem Probleme im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern, aber auch mit ihren Eltern. Genau hier sehe ich die Bedeutung des Referendariats. Das bietet die Möglichkeit, ganz praktisch dort zu feilen, wo es noch klemmt. Diese Themen schon während des Studiums schwerpunktmäßig zu vermitteln, halte ich für wenig sinnvoll, weil bis zur Anwendung einfach zu viel Zeit vergehen würde.

Wer vermittelt eigentlich diese sozialen Kompetenzen im Referendariat?

Wir haben in Kiel das Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig- Holstein, das unseren Studierenden hervorragende Angebote macht. Und dann gibt es noch das Leibniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik, das die Studierenden in Fragen der Didaktik und Pädagogik begleitet. Überhaupt kann man sagen, dass gerade die Lehrerausbildung in den Naturwissenschaften an der CAU exzellent ist. Als Volluniversität verfügen wir über Labore und sehr motiviertes forschendes Lehrpersonal, das auf dem allerneuesten Stand ist. Davon profitiert auch die ganz normale Praxis im Schulunterricht, obwohl die entsprechenden Stunden im Studium formell der Fachausbildung zugeschlagen werden.

Wo sehen Sie trotz allem Schwächen im aktuellen System?

Verbesserungsbedürftig ist sicher der Austausch zwischen Schulen und Universität. Was an Schulen läuft und in den Lehrplänen steht, ist so manchen Professorinnen und Professoren wahrscheinlich kaum geläufig. Auch Einschätzungen der Schulen zu Stärken und Schwächen des Studiums kommen bei uns nur sporadisch an, weil sie nicht systematisch erfasst werden. Deshalb werden wir demnächst damit beginnen, Absolventinnen und Absolventen zu befragen, die schon eine gewisse Zeit beruflich Fuß gefasst haben. Fürs Lehramt gibt es das noch nicht, in anderen Fächern haben wir damit aber gute Erfahrungen gemacht. Der Rücklauf ist hoch und aussagekräftig.

Das Interview führte Martin Geist
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