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Nr. 72, 26.05.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Arabica aus Afrika

Woher kommt eigentlich Kaffee, und wie fand er seinen Weg nach Europa? Das Heißgetränk hat eine so faszinierende Geschichte, dass ein Kieler Professor ihr jetzt ein ganzes Buch widmet.


»Ein Historiker muss global denken«, findet Martin Krieger. Als Professor für Nordeuropäische Geschichte befasst er sich eigentlich mit vergangenen Geschehnissen in Dänemark oder Schweden. Aber nebenbei schaut er auch gern mal über den regionalhistorischen Tellerrand – herausgekommen ist dabei ein 300 Seiten starkes Buch über eines der beliebtesten Genussmittel der Welt: den Kaffee. Obwohl diese Themenwahl für einen Historiker mit Schwerpunkt Nordeuropa im ersten Moment weit hergeholt erscheinen mag, war es doch ein Protagonist aus Kriegers eigentlichem Arbeitsgebiet, der ihn darauf brachte. Genauer gesagt, der norddeutsche Forschungsreisende Carsten Niebuhr, der ab 1761 eine dänische Expedition nach Arabien als Kartograf begleitete. Niebuhrs Tagebücher, in denen er unter anderem detailliert aus dem Kaffeeland Jemen berichtet, sind bis heute erhalten geblieben und werden in der Kieler Universitäts­bibliothek aufbewahrt.

»So kam ich über Niebuhr zum Kaffee. Ich wollte genauer wissen, was wir da täglich in uns hineinschütten«, begründet Krieger seine Motivation, neben der regulären Forschungs-und Lehrtätigkeit ein weiteres um fangreiches Projekt anzugehen. »Es war manchmal ein Kampf um jede Stunde, aber es hat unheimlich viel Spaß gemacht.«

Die Geschichte des Kaffees sei nicht einfach die eines Alltags­produktes, sondern reiche in unzählige Gebiete des Lebens hinein: »Kaffeegeschichte berührt verschiedenste Bereiche wie die Wirtschaft, den Kolonialismus, die Industrialisierung, aber natürlich auch die Botanik«, blickt Krieger auf sein weites Neben-Forschungsfeld.

Der gebürtige Hamburger hat viele interessante Details über den Kaffee zusammengetragen – und auch manche Kuriosität. So ist man sich in der Pflanzenkunde bis heute uneinig, ob Kaffeebohnen an Sträuchern oder an Bäumen wachsen. Auch die Herkunft der Bezeichnung »Kaffee« ist bislang nicht eindeutig geklärt: Stammt sie vom Namen des einstigen afrikanischen Königreichs Kaffa, das längst im heutigen Äthiopien aufgegangen ist? Dort, in den feuchtwarmen Bergwäldern des Hinterlandes, liegt die Urheimat der Coffea arabica, der heute weltweit bedeutendsten Kaffee­pflanze.

»Ihr irreführender lateinischer Name ist darauf zurückzuführen, dass Kaffee zuerst von der arabischen Halbinsel aus nach Europa gelangte«, erklärt Martin Krieger. Den Weg von Afrika über das Rote Meer ins Gebiet des heutigen Jemen fand die Kaffeepflanze spätestens im 15. Jahrhundert. Dort war sie unter der arabischen Bezeichnung »kahwa« bekannt. Angebaut wurde Kaffee dort vor allem in den Bergen, während der Handel in Küstenstädten wie Mokka abgewickelt wurde. Damit hatte der Kaffee den ersten Schritt zum weltweit begehrten Handelsgut gemacht. Schon bald interessierten sich neben den arabischen auch indische Handel­treibende für die Bohnen.

Unsere Breiten erreichte der Kaffee im späten 16. Jahrhundert. Zunächst beschäftigten sich vor allem Botanikerinnen und Botaniker mit der neuen Pflanze, vereinzelt konsumierten Mitglieder der Oberschicht den heißen Aufguss der noch extrem teuren, gemahlenen Bohnen als Medizin. So stellte der englische Arzt Thomas Willis Mitte des 17. Jahrhunderts fest, er würde seine Kranken eher ins Kaffeehaus schicken als in die Apotheke. »In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war der Kaffee dann in Mitteleuropa im öffentlichen wie im privaten Leben praktisch überall präsent«, blickt Martin Krieger auf den Siegeszug des Heißgetränks zurück. Um 1820 entdeckten mehrere Forscherinnen und Forscher dann fast zeitgleich das Koffein: Ein Alka loid mit der chemischen Formel C8H10N4O2, dessen belebende Wirkung schon Goethe erkannt hatte.

Bald begann sich das Feld der Darreichungsformen aufzufächern. Krieger erinnert an die einstige Kriegsschokolade Schokakola und an moderne Kaffeevariationen ohne Koffein, mit Milchschaum oder Sirup. Sich selbst bezeichnet er eher als Teetrinker, »aber wenn mir morgens eine Kanne Kaffee auf den Schreibtisch gestellt wird, ist die mittags auch leer«, sagt er lachend.

Jirka Niklas Menke

Martin Krieger: Kaffee. Geschichte eines Genussmittels.
Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien 2011
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