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Nr. 73, 13.07.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

»Ich wäre lieber noch berufstätig.«

Die Volkswirtin Karin Peschel blickt auf eine erfolgreiche Laufbahn zurück. Mit großem Einsatz und einer Prise Glück hat sie es bis an die Spitze der Kieler Universität gebracht.


Karin Peschel Foto: pur.pur

unizeit: Frau Prof. Peschel, als Sie 1992 zur Rektorin der Christian- Albrechts-Universität gewählt wurden, waren Sie die zweite Frau überhaupt an der Spitze einer deutschen Universität...

Karin Peschel: Wenn das so stimmt. Ich kann das nicht bestätigen.

... in Kiel sind Sie zumindest nach wie vor die einzige, die dieses Amt je innehatte. Bedeutet das etwas für Sie, dass Sie eine Vorreiterrolle einnehmen?

Dazu muss man sagen, in gewisser Weise bin ich wohl überall Vorreiterin gewesen. Ich war, wie ich inzwischen erfahren habe, die erste Frau, die sich an der Technischen Universität Karlsruhe habilitiert hat. Ich war höchstwahrscheinlich die erste Dekanin überhaupt an der Kieler Universität und natürlich auch meiner Fakultät.

Als Sie 1956 Ihr Studium begonnen haben, war das noch keine Selbstverständlichkeit für eine Frau.

Das war gar keine Selbstverständlichkeit, generell nicht, es war aber auch besonders keine Selbstverständlichkeit, Volkswirtschaft zu studieren. Wir waren in unserem Studium in Münster unter 200 Studenten wohl nur drei Frauen. Auch die finanzielle Problematik war ein Grund, weswegen das Studium damals gar nicht selbstverständlich war. Meine Eltern waren im Krieg total ausgebombt worden, 1952 starb mein Vater nach mehrjähriger Krankheit, meine Mutter, die keine Berufsausbildung hatte, predigte mir immer: »Kind, das Einzige, was man behält, ist das, was man im Kopfe hat.«

Selbstverständlich war es nicht, zu studieren, und das Studium kostete damals auch Studiengebühren, so dass ich immer nebenher gearbeitet habe. Während meiner ersten zwei Semester in Braunschweig habe ich voll gearbeitet, ganztags, und nur abends studiert. Damit habe ich mir so viel Geld zusammengespart, dass ich zum dritten Semester an die Universität nach Münster wechseln konnte.

Warum studierten Sie gerade Volkswirtschaft?

Für uns, meine Freundinnen und mich, war klar, dass wir studieren wollten, auch um einen Beruf zu haben. Wir haben nicht das gewählt, was wir am liebsten hatten, sonst hätte ich wohl Archäologie studiert. Ich brauchte einen Brotberuf, etwas, womit ich in möglichst wenigen Semestern Studium mein Geld verdienen konnte. Außerdem wollte ich Journalistin werden damals, und mir hatte jemand gesagt, für Journalistik sei es ganz gut, ein vernünftiges Studium gehabt zu haben. Auf Volkswirtschaftslehre bin ich gekommen, weil mich Fragen, die in das Fach fielen, besonders interessierten. Mein Vater war ein gelernter Bankkaufmann. Ich hatte mich immer dafür interessiert, warum es arme und reiche Leute gibt und wo das Geld herkommt. Die klassische Antwort, dass das gedruckt werde, reichte mir nicht.

Journalistin sind Sie dann aber nicht geworden ...

Als ich nach sechs Semestern mein Diplom in Münster gemacht hatte, fand ich keine bezahlte Praktikantenstelle als Journalistin. Stattdessen bot mir der Chef des Instituts für Verkehrs­wissenschaft an, bei ihm ein Forschungsprojekt zu bearbeiten. Das war eine Auftragsarbeit für die deutsche Gesellschaft für Verkehrswissenschaft über den Zeitwert in Wirtschaftlichkeits­rechnungen für den Straßenbau. Es ging darum, zu ermitteln, wie man den Zeitverlust durch Stau oder den Zeitgewinn durch Straßenausbau ökonomisch bewertet. Die Berechnungen spielen eine wichtige Rolle, um zu bestimmen, wo die Priorität beim Straßenausbau liegen sollte. Diese Arbeit ist noch heute praxisrelevant. Anschließend habe ich über Verkehrspolitik in der EWG (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) promoviert. Ich, als absolut absolut kriegsgebranntes Kind, war glühende Anhängerin einer europäischen Einigung.

Nach Ihrer Promotion haben Sie sich an der Technischen Universität Karlsruhe habilitiert. Wie sind Sie nach Kiel gekommen?

Nach Kiel habe ich mich auf eine Professur beworben. In der Ausschreibung hieß es, dass die Stelle eingerichtet wird für die Betreuung des gesamten Grundstudiums in theoretischer Volks­wirtschaftslehre. Keine bei den Kollegen beliebte Aufgabe. Die Fakultät wollte mich haben, weil ich aus Karlsruhe, dem damaligen »Mekka« der mathematisch orientierten Wirtschaftstheorie kam. Hinterher erfuhr ich, dass ich die Stelle auch deshalb bekomme habe, weil sie dachten, dass ich als Frau so schnell keinen anderen Ruf bekommen würde und damit der Fakultät für diese Aufgabe erhalten bliebe.

Dann sind Sie auch noch Leiterin des Instituts für Regionalforschung geworden.

Dieses Institut für Regionalforschung ist 1970 gegründet worden von Reimut Jochimsen, der designierter Rektor war. Wir kannten uns zwar nicht persönlich, aber Jochimsen kannte meine Arbeiten und sagte, »die Peschel kann doch auch Regionalwissenschaft lehren«. Jochimsen wurde dann Chef im Planungsstab von Willy Brandt, später Wirtschaftsminister und Landeszentralbankchef in Nordrhein Westfalen, das heißt, er kam nie mehr zurück. Und schließ­lich übernahm ich 1974 die Leitung des Instituts, allerdings ohne die von Jochimsen eingewor­bene Ausstattung. Ich hatte nur eine halbe Stelle für eine Sekretärin und ein paar Mittel für Hilfskräfte, so dass ich Peer Steinbrück weiter beschäftigen konnte. Ich habe das Institut über all die Jahre nur über Drittmittel, hauptsächlich von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, finanziert.

Worüber haben Sie geforscht?

In Kiel gab es einen Sonderforschungsbereich »Skandinavien- und Ostseeraumforschung«. In diesen SFB konnte ich einsteigen, indem ich meine Forschungsarbeit auf Skandinavien konzentrierte. In unseren Projekten ging es um die Frage, ob es für die skandinavischen Länder sinnvoll oder sogar notwendig sei, der EWG beizutreten. Später habe ich bei dem DFG-Schwerpunktprogramm »Außenwirtschaft« mitgearbeitet und außerdem weitere Auftrags­forschung gemacht, zum Beispiel für die europäische Gemeinschaft, Gutachten für die Stadt Kiel und solche Sachen.

Sie waren immer sehr aktiv, insbesondere auch in Ihrer Rektoratszeit, und sind nun seit 2000 im Ruhestand. Fehlt Ihnen die Arbeit?

Erstmal war ich auch nach der Pensionierung noch sehr aktiv. Ich habe mit skandinavischen Kollegen noch die NEBI-Jahrbücher (North European and Baltic Sea Integration) gemacht. Dann war ich zu einer Reihe von Vorträgen eingeladen und habe für den DAAD die Europa-Fakultät in den Baltischen Staaten betreut. Aus gesundheitlichen Gründen musste ich allmählich loslassen. Aber an sich kann ich sagen, ich wäre lieber noch berufstätig.

Das Interview führte Kerstin Nees
Wissenschaft und Politik
Karin Peschel wurde 1935 in Leipzig geboren und verbrachte die Schulzeit überwiegend in Braunschweig. Sie studierte Volkswirtschaftslehre und promovierte 1963 an der Universität Münster, war wissenschaftliche Assistentin in Münster und an der TU Karlsruhe. Dort wurde sie 1970 habilitiert. 1971 folgte Karin Peschel einem Ruf an die CAU, wo sie als Professorin Volkswirtschaft lehrte. 1974 übernahm sie außerdem die Leitung des Instituts für Regionalforschung. Als Mitglied der 1989 von Björn Engholm gegründeten Denkfabrik sammelte sie zusammen mit anderen Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft Ideen für die zukünftige Entwicklung Schleswig-Holsteins.
Von 1992 bis 1996 war Karin Peschel Rektorin der Kieler Universität. In dieser Funktion erklärte sie am 15. November 1993: »Die Christian-Albrechts- Universität erachtet die zwischen 1936 und 1945 politisch motivierten Entziehungen von Doktortiteln als nichtig. (...) Die einmal verliehenen Doktortitel bestehen daher weiter fort.« Seit 2000 ist sie im Ruhestand. Ihr Nachfolger am Institut für Regionalforschung ist ihr langjähriger Mitarbeiter, Professor Johannes Bröcker. (ne)
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