Wissenschaftlicher Austausch als Brücke zur Normalität
Die Misere Griechenlands betrifft auch die Universitäten. Davon berichtet der Kieler Theologe Professor Andreas Müller nach einem Gastaufenthalt in Thessaloniki.

Aristoteles-Universität in Thessaloniki, Griechenland Foto: Wiki-media
Meine Rolle als Theologieprofessor aus dem augenblicklich in Griechenland so ungeliebten Deutschland ist keineswegs einfach. Ich habe zwar einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, bin mir aber auch der politischen Dimension meines Auftritts bewusst. Ich habe mich daher entschlossen, meinen Vortrag – so gebrochen mein Griechisch auch sein mag – in der Sprache meines Gastlandes zu halten. Auf die Einleitung von Kollegin Lialiou reagiere ich spontan und entgegen dem sonst bei solchen Gastvorträgen üblichen sachlichen Auftreten mit: »Griechenland wird niemals untergehen! Das hoffe ich und das glaube ich! Es lebe Griechenland! Es lebe Europa!« Mit diesen Äußerungen war mir ein ausgiebiger Applaus sicher.
Schöne Worte dürfen aber nicht die einzige Unterstützung sein, die deutsche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler griechischen Kolleginnen und Kollegen in diesen für sie schweren Tagen zusprechen sollten. Die Situation der griechischen Universitäten ist ähnlich desaströs wie die des Landes allgemein. Radikale Kürzungen in Universitätshaushalten und Gehaltskürzungen bis zu 25 Prozent sind Alltag. Auch Professorinnen und Professoren sind davon betroffen. Bücher sind in Griechenland sehr teuer und kaum noch zu bezahlen. Die Preise steigen, und eine bisher nicht gekannte Vielfalt von Steuern belastet die Bevölkerung. Strukturelle Reformen sind notwendig, bedingen aber auch weitere Einschnitte. So wird an die Entlassung von 15.000 staatlichen Angestellten gedacht. Die Gespräche in der Universitätsverwaltung sind daher immer wieder von Angstmomenten durchsetzt, in der Erwartung, dass nun der eigene Arbeitsplatz in Gefahr ist.

Andreas Müller
Foto: pur.pur
Was ist angesichts einer solchen Situation von Seiten deutscher Universitäten zu tun? Mir ist deutlich geworden, dass gerade jetzt der Austausch mit griechischen Kolleginnen und Kollegen dringend nötig ist. Einen Diskurs zu führen und sich gegenseitig in Achtung vor dem wissenschaftlichen Werk der anderen zu begegnen, ist von besonderer Bedeutung in einer Zeit, in der nationale Identitäten angesichts ökonomischer Krisen stark in Frage gestellt werden. Der wissenschaftliche Austausch ermöglicht eine Art beruflicher Normalität und stärkt somit auch das Selbstbewusstsein. Tatsächlich können wir in der Wissenschaft durchaus von unseren griechischen Gesprächspartnern und -partnerinnen lernen.
Andreas Müller
Der Autor ist Professor für Kirchen- und Religionsgeschichte des Ersten Jahrtausends an der Theologischen Fakultät der CAU.
Griechisch-deutscher Austausch
Seit einer Griechenland-Exkursion mit Studierenden im Jahr 2010 hat die Theologische Fakultät der CAU ein Erasmus- Austauschprogramm mit der Theologischen Fakultät in Thessaloniki aufgenommen. Die Fakultät ist dort in zwei Abteilungen organisiert. Hier studieren über 3.600 junge Männer und Frauen. Nachdem der erste deutsche Student nach Thessaloniki vermittelt war, nahm Professor Müller an einem Erasmus-Dozentenaustausch teil.
Ziel des Austausches ist die innereuropäische Verständigung zwischen unterschiedlichen Wissenschaftskulturen. Im Mai kam der griechische Sozialethiker Professor Miltiadis Vantsos als Austauschdozent für eine Woche nach Kiel. Eine Intensivierung des Austauschprogramms für Studierende sowie Projekte zur Unterstützung bedürftiger Menschen und wohltätiger Institutionen in Thessaloniki sind geplant.
Ziel des Austausches ist die innereuropäische Verständigung zwischen unterschiedlichen Wissenschaftskulturen. Im Mai kam der griechische Sozialethiker Professor Miltiadis Vantsos als Austauschdozent für eine Woche nach Kiel. Eine Intensivierung des Austauschprogramms für Studierende sowie Projekte zur Unterstützung bedürftiger Menschen und wohltätiger Institutionen in Thessaloniki sind geplant.
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