Einwurf: Zwischen Freude und Aggression

Andreas Wilhelm
Foto: mag
unizeit: Wenn wir uns Bilder des Jubelns ins Gedächtnis rufen, hat das fast immer mit Sport zu tun. Ausnahmen sind große historische Ereignisse wie der Fall der Berliner Mauer oder zweifelhafte Angelegenheiten wie gewonnene Schlachten im Krieg. Warum spielt der Sport eine solch herausragende Rolle?
Andreas Wilhelm: Darüber nachzudenken, wo sonst außer im Sport gejubelt wird, ist hochinteressant und zugleich etwas beängstigend. Das Volk hat schließlich auch bei den Reden von Joseph Goebbels gejubelt. So oder so handelt es sich offenbar stets um den lautstarken Ausdruck von Freude in einer Großgruppe, um die Begeisterung einer Masse. Gemeinschaftliches Erleben gehört unbedingt dazu. So ähnlich wie beim Lachen: Das kann man ebenfalls schlecht mit sich allein.
Beim Jubeln ist es scheinbar egal, ob jemand als Akteur eine große Leistung vollbracht hat oder andere lediglich dabei zugesehen haben.
Wenn ein 100-Meter-Sprinter Weltrekord läuft und Olympiasieger wird, bringt er wahrscheinlich ein ganzes Stadion zum Kochen. Das ist eine sympathische Sache, weil sich die Leute gemeinsam mit dem Sportler oder der Sportlerin über eine großartige Leistung freuen und nicht darüber, dass alle Konkurrenten in Grund und Boden gelaufen wurden. Bei Sportarten wie Fußball dagegen wird oft der Sieg über die Anderen bejubelt. Das Wir-Gefühl drückt Macht gegenüber den Verlierern aus: Seht her, wir sind die Besseren!
Hat sich die Art des Jubelns im Lauf der Zeit verändert?
Ältere Filmdokumente zeigen, dass früher meistens mit nach oben erhobenen Händen gejubelt wurde. Das drückt Unverletzlichkeit und Stärke aus, aber keine Aggression. Anders wurde es mit der Becker-Faust. Die signalisiert eine Bereitschaft zur Gewalt oder dient als Symbol des Kampfes: Mir kann keiner was, ich werde dich besiegen.
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