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Nr. 73, 13.07.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback   Druckfassung

Das Englisch Kanadas

Seit einem Studienaufenthalt in Toronto interessiert sich Stefan Dollinger für das kanadische Englisch. Jetzt ist er Herausgeber des maßgeblichen histo­rischen Wörterbuchs für Kanada.


In Österreich und der Schweiz spricht man Deutsch ein bisschen anders als in Deutschland. Genauso ist es auch mit dem Englischen: Es klingt in den USA nicht so wie in England, und Kanada hat wieder seine eigene Variante. Manche englischen Wörter haben in Kanada eine andere Bedeutung als im Mutterland, andere sind neu erfunden worden. Auch Aussprache und Satzbildung unterscheiden sich.

»Anders als etwa beim amerikanischen Englisch ist die Geschichte des kanadischen Englisch noch vergleichsweise wenig erforscht«, erklärt Professor Stefan Dollinger. Seit sieben Jahren lebt und forscht der Soziolinguist in Vancouver, wo er 2009 zum Assistant Professor der University of British Columbia berufen wurde. Das Sommersemester verbrachte er als kanadischer Gastprofessor am Englischen Seminar der CAU.

»Als wir ihn eingeladen haben, hat uns auch seine Tätigkeit als Herausgeber gereizt«, sagt Professor Matthias Meyer vom Englischen Seminar. Seit 2006 ist Dollinger Herausgeber der zweiten Auflage des »Dictionary of Canadianisms on Historical Principles« (DCHP), dem historischen Wörterbuch für Kanada. Wie wird ein Österreicher zu einem führenden Experten für kanadisches Englisch? »So ungewöhnlich ist das gar nicht«, winkt der 37-Jährige ab. »Bei Wörterbüchern gibt es in der deutschsprachigen Forschung eine starke Tradition, in Kanada ist das weit weniger entwickelt.« Vor 60 Jahren sah das noch anders aus. 1954 machte sich eine Gruppe kanadischer Sprachwissenschaftler und -wissenschaftlerinnen auf, das erste historische Wörterbuch für Kanada zu erarbeiten. Das Team um Walter S. Avis wertete in akribischer Kleinstarbeit alte Zeitungen und andere Quellen aus, um Belege für »typisch kanadische« Wörter, Formulierungen und Schreibweisen zu finden.

Stefan Dollinger mit der Erstauflage des DCHP in der Bibliothek des Englischen Seminars. Foto: pur.pur

»Die Notizen dazu wurden auf 102.000 Zetteln festge­halten – im Computerzeitalter kann man sich gar nicht mehr vorstellen, wie viel Arbeitskraft das kostete«,

sagt Dollinger. 1967 erschien die erste Auflage des DCHP, das mit seinen 926 Seiten bald zum unentbehrlichen Nach­schlagewerk in Schulen, Universitäten und Bibliotheken wurde. Eigentlich sollte das DCHP regelmäßig aktualisiert werden, doch nach Avis’ Tod 1979 schlief das Vorhaben ein. »Bei einer Konferenz im Jahr 2005 gab es eine Podiumsdiskussion zur Überarbeitung des Wörterbuchs, und jemand fragte: „Wer wird der neue Avis?“«, erinnert sich Dollinger. »Ich saß im Publi­kum, noch mitten in meiner Dissertationsphase, und dachte: „Ich nicht!“« Doch als er seine Arbeit über die Entstehung von Dialekten im Kanada des 18. und 19. Jahrhunderts vorgelegt hatte, bot der Verlag ihm die Herausgeberschaft der zweiten Auflage an. »Wenn dir jemand einen guten Job in deinem Fachgebiet anbietet, dann sagst du ja«, diese Mahnung eines Mentors hatte Stefan Dollinger bei seiner Zusage im Ohr.

Gemeinsam mit Laurel J. Brinton und Margery Fee sowie einem wechselnden Team von Studierenden machte er sich an die Arbeit. »Unsere erste Aufgabe war, das bestehende Wörterbuch zu digitalisieren«, berichtet er. »Ein Wörterbuch auf Papier hat heute in Kanada keinen Markt mehr – meine Studierenden schlagen kaum noch in Büchern nach.« So wird die zweite Auflage vor allem mit Forschungsgeldern finanziert. Ab Ende 2014 soll sie nicht nur fertig, sondern auch öffentlich zugänglich sein.

Neben aktualisierten Versionen der alten Einträge samt ihrer Belege wird die zweite Auflage auch viel Neues enthalten: Kanadische Begriffe, die bei der Erstauflage übersehen wurden oder aus der Zeit nach 1967 stammen, eine ausführlichere Dokumentation sowie eine Erweiterung der Belege sind ebenso geplant wie ein aktualisiertes Literaturverzeichnis. »Bei so einer gewaltigen Arbeit gibt es immer die Angst, dass man niemals fertig wird«, bekennt Dollinger. »Aber wir liegen gut im Zeitplan, sodass die zweite Auflage wohl wirklich Ende 2014 erscheinen kann.«

Seine Zeit in Kiel ist für Dollingers Arbeit keine Unterbrechung. »Ich konnte hier wertvolle Kontakte mit deutschen Kanadistinnen und Kanadisten herstellen«, erzählt er. »Da die historische Sprachforschung in Kanada noch nicht sehr stark ausgeprägt ist, hoffe ich auf Beiträge der deutschen Anglistik.« Von seinem Aufenthalt profitiert auch die CAU, wie Matthias Meyer hervorhebt: »Das DCHP haben wir schon lange im Unterricht eingesetzt – jetzt besitzen wir auch einen Zugang zur Online-Version.« Beide Professoren hoffen, dass sie in Zukunft auch einen regelmäßigen Austausch von Studierenden zwischen Vancouver und Kiel etablieren können.

Eva-Maria Karpf
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