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Nr. 73, 13.07.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Lebendige Leichen

Wie präpariert man eine Qualle? Und wie lässt sich einem Delfin-Skelett zu Bandscheiben verhelfen? Für das kleine Expertenteam im Zoologischen Museum sind solche Fragen Alltag.


Vom Chaos zur Ordnung: Heiner Luttmann setzte die Knochen dieses 1873 vor Büsum gefundenen Rundkopfdelfins kunstvoll zusammen. Foto: pur.pur

Funde aus dem Meer zu konservieren, ist für das forschende wie für das technische Personal des Museums in der Hegewischstraße eine Routineübung. Kustos Dr. Dirk Brandis kümmert sich bei Exkursionen oft schon direkt auf dem Schiff darum, interessante Stücke für die Nachwelt zu bewahren. Teils geschieht das durch Trocknung, bei aus dem Wasser stammenden Lebe­wesen aber viel häufiger durch Fixieren in Flüssigkeit.

Dass Präparieren ein völlig anderes Geschäft ist, zeigt eindrucksvoll die neue Dauerausstellung, in der sich das Zoologische Museum optisch wie inhaltlich auf höchstem Niveau den Geheim­nissen der Tiefsee widmet. Selbst ein alter Hase wie Präparator Heiner Luttmann musste bei der Vorbereitung teilweise massiv umdenken. Besonders, als es darum ging, einen 1976 auf einer Sandbank vor Blauort gestrandeten Entenwal aufzubereiten. »Sonst ist es ja meine Aufgabe, tote Tiere ästhetisch ansprechend zu zeigen, diesmal war es genau andersherum«, erzählt Luttmann. »Leichen fürs Leben«, lautet schließlich der Titel über dem Wal-Exponat. Der Präparator arran­gierte demzufolge das Skelett als Kadaver, der über Jahre hinweg Nahrung und Lebensraum für Würmer, Krabben, Krebse und vielerlei anderes Getier bietet.

»Das war für uns völliges Neuland«, sagt der wissenschaftliche Museumsexperte Brandis und gerät geradezu ins Schwärmen über den Einfallsreichtum, mit dem sein Präparator diese Herausforderung gemeistert hat. Vorgegeben waren nur die Maße und das Relief des 5 x 1,50 Meter großen Exponats, zur lebenden Leiche erweckt hat es Luttmann mit simplen Zutaten wie Draht, Holz, Gips, Leim und Jute. Zunächst bedeckte er Konstruktionsholz mit Maschendraht, trug Gips und Jute auf und modellierte das Ganze mit Spachtelmasse aus dem Baumarkt. Jeden einzelnen Knochen und genauso jede einzelne Rippe passte er sodann separat ein. Eine ebenso aufwendige wie unvermeidbare Arbeit, weil einerseits die inhaltliche Aussage stimmen musste, andererseits nichts unwiederbringlich verändert oder gar beschädigt werden durfte. »Das ist ja auch wissenschaftliches Material«, betont Dr. Brandis.

»Ich muss eben immer wieder neu nachdenken, wie etwas gemacht wird«, sagt Heiner Luttmann, der seine Vorgehensweise ungefähr so nüchtern beschreibt, als handle es sich um ein Kuchenrezept. Kollege Brandis kennt diese Bescheidenheit, die nach seiner Überzeugung so gar nicht zu den Resultaten von Luttmanns Arbeit passt:

Wabbeliges Meisterwerk: Lina Block präparierte diese Qualle.

»Das sieht total simpel aus, aber es ist eine Kunst. Dahinter stecken hochgradig geniale Überlegungen.«

Gerade bei Lebewesen aus dem Wasser ist beson­derer Einfallsreichtum gefragt. Während sich alles, was an Land kreucht und fleucht, letztlich durch pure Trocknung erhalten lässt, hält das feuchte Element als Lebensraum ganz andere Herausforderungen parat. Lina Block, Technische Assistentin, Samm­lungsmanagerin und Präparations­talent in einer Person, widmet sich dem Härtefall Qualle. Zu 99 Prozent besteht dieses Wesen aus Wasser. Alkohol als Konservierungsmittel Nummer eins würde der Qualle sofort genau dieses Wasser entziehen und das Ausstellungsstück zunichte machen.

Entzückend schöne Objekte konnte Lina Block mit einer Lösung schaffen, die kleinste Beigaben an Formalin enthält. Klingt ebenfalls einfach, war aber verbunden mit zahllosen Versuchen und Fehlschlägen, die es auch weiterhin weiterhin geben wird. Nicht alle Quallen lassen sich bislang künstlich zum Leben erwecken. Manche Arten können nach wie vor nur wie die Pflanzen für ein Herbarium gepresst werden, um der Fachwelt wenigstens als Referenzobjekt zu dienen.

Das Präparieren von Muscheln ist ebenfalls eine schwierige Angelegenheit. Alkohol konserviert zwar die Weichteile, frisst aber den Kalk der Schale auf, eine engültige Lösung des Problems ist nicht in Sicht. Dafür sind die Expertinnen und Experten der Kieler Museumszoologie auf einem guten Weg, um Fische so zu konservieren, dass ihre Farben erhalten bleiben. Aus der Anatomie guckten sie sich eine Methode ab, die dank einer Mischung aus einer speziellen Alkoholart und verdünntem Formalin einerseits den Fisch und seine Farben erhält und andererseits den Behälter aus Acrylglas nicht zerstört.

Ganz einfach ist indes die Lösung des Problems mit den Bandscheiben des Delfins. Früher wurde dazu Torf genommen, danach folgte Linoleum und heute wird mit bequem zu verarbei­tendem Bauxitharz gebastelt.

Martin Geist

Zoologisches Museum, Hegewischstraße 3.
Öffnungszeiten:
dienstags bis sonnabends 10 bis 17 Uhr,
sonn- und feiertags 10 bis 13 Uhr
www.uni-kiel.de/zoologisches-museum
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