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Nr. 73, 13.07.2012  voriger  Übersicht  Übersicht  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Escola da Bola

Dr. Christian Krögers Konzept der »Ballschule« soll Kindern den Spaß an der Bewegung zurückbringen. Mittlerweile ist das Modell auch in Brasilien und in Japan erfolgreich.


Neun Stunden im Sitzen, fünf Stunden im Stehen und nur eine Stunde in Bewegung: So verbringen Kinder in Deutschland laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts durchschnittlich ihren Tag. Der Mangel an Bewegung kann schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Am häufigsten treten Haltungsschäden, Bluthochdruck und Übergewicht bei Schulkindern auf. Scherzhaft sprechen Medizinerinnen und Mediziner schon seit Jahren von der Entwicklung einer neuen Gattung Mensch, dem Homo sedens, der einen Großteil des Tages sitzend zubringt. Wir sitzen in Schule oder Beruf, im Auto, vorm Computer oder Fernsehgerät. In Großstädten gibt es immer weniger Möglichkeiten, sich frei zu bewegen.

»In meiner Kindheit war die ganze Stadt ein Spielplatz«, sagt Christian Kröger, wissen-schaftlicher Mitarbeiter am Institut für Sportwissenschaft. »Wir haben uns auf der Straße getroffen und uns Spiele ausgedacht.« Heute kämen Kinder und Jugendliche kaum noch von ihrer »Wohninsel« herunter, seien schwer vom Computer und der Spielekonsole wegzulocken.

Die von Kröger und seinem Heidelberger Kollegen Professor Klaus Roth entwickelte Ballschule soll die Straßenspielkultur ersetzen. Wissenschaftlich baut das Konzept auf den Ergebnissen der Sportforschung in der ehemaligen DDR auf. Eine vielseitige und spielerische Heran-gehensweise standen dort im Vordergrund. Übertragen auf Ballspiele brachte der Sportpädagoge, der zuvor an den Unis in Berlin und Bayreuth lehrte, die Methode nach Kiel mit, wo er die the-oretischen Grundlagen erarbeitete und 1998 in dem Buch »Ballschule. Ein ABC für Spielanfänger« festhielt.

»Das ABC des Spielen-Lernens beginnt im Grundschulalter«, erklärt Kröger. Drei Stufen sieht das Konzept vor. Erst in der letzten erfolgt eine Spezialisierung auf eine Sportart wie Volleyball, Fußball oder Basketball. »Am Anfang steht vielseitiges Erleben von Sportspielsituationen auf dem Plan. Es werden übergreifende Fähigkeiten am Ball vermittelt«, so Kröger. Zwar gibt es dabei auch Regeln. Aber den Kindern werden beim Spielen viele Freiheiten gelassen, damit sie selbst kreativ denken und handeln können. Kröger: »Kinder dürfen nicht wie verkleinerte Erwach­sene behandelt werden. Sie sind Allrounder und keine Spezialisten.« Eine monotone Trainings­gestaltung nehme ihnen die Freude an der Bewegung und hemme die natürliche Entwicklung.

Zusammen mit seinen Studierenden entwickelt Kröger ständig neue Übungen und Spiele für die Ballschule, aus über 1000 Ideen können Sportlehrerinnen und -lehrer, Trainerinnen und Trainer inzwischen auswählen. 2008 gründete der Sportpädagoge mit Kollegen den Verein Ballschule Nord e.V., um einen Anlaufpunkt für die Anfragen nach Ausbildung nach dieser Methode zu haben. Wichtige Partner sind heute große Sportvereine wie der VfL Wolfsburg, Werder Bremen, der THW Kiel und der FC St. Pauli, die ihren Nachwuchs auch nach Krögers Konzept trainieren.

2011 veröffentlichten der Kieler Wissenschaftler und sein Heidelberger Kollege Klaus Roth die vierte, völlig neu überarbeitete Auflage der Ballschule. In Brasilien ist die »Escola da Bola« schon Bestandteil des Grundschulsports, in Spanien, Ungarn und Japan sind die Lehrpläne nach diesem Konzept 2003 in Buchform erschienen. Schon bald möchte Christian Kröger das Angebot auch auf die Vorschulerziehung ausweiten.

Denis Schimmelpfennig

Zum Weiterlesen: Klaus Roth, Christian Kröger: Ballschule – Ein ABC für Spielanfänger. Schorndorf 2011.
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