Mordlust und Machthunger
Spektakuläre politische Morde durchziehen scheinbar das Mittelalter. Stellte die Tötung von Widersachern die Regel dar, oder war sie die Ausnahme?

Gewalttätiges Mittelalter: Der dänische Adelige Niels Ebbesen und seine Schergen ermorden im 14. Jahrhundert den Pfandherrn von Jütland, Gerhard III. Grafik: Lorenz Frølich
Dabei musste es keineswegs immer gleich Mord sein. Effektiv wirkten auch Entführungen, wie 1223 der dänische König Waldemar II. erfahren musste. Durch seinen eigenen Lehnsmann, den Grafen Heinrich von Schwerin, wurde er samt Sohn von der Insel Lyø entführt und erst freigelassen, nachdem er das gesamte Gebiet zwischen Eider und Elbe abgetreten und in eine horrend hohe Lösegeldsumme eingewilligt hatte. Zweifellos eine üble Aktion, fand damals sogar der Papst, auf dessen Meinung der rabiate Graf freilich pfiff. Als Retourkutsche zogen die Dänen daraufhin 1227 in die Schlacht von Bornhöved – und verloren.
Selbst unter Verwandten galt Freiheitsberaubung zuweilen als probates Mittel der Politik. Christian III. wurde 1523 von seinem Onkel vom dänischen Thron verdrängt und, als er versuchte, den Thron zurückzugewinnen, schließlich ins Schloss Sonderburg zu einer 27 Jahre währenden Haft verbracht.
Dass unter Umständen noch nicht einmal der eigenen Frau zu trauen ist, musste im elften Jahrhundert Slavenfürst Kruto erfahren. Kruto, seinerseits ein Herrscher mit einigem Schurkenpotenzial, hatte eigentlich geplant, seinen Widersacher Heinrich von Liubice bei einem Gastmahl zu ermorden. Seine Gemahlin Slawina, die angeblich Gefallen am jüngeren Heinrich gefunden hatte, verriet jedoch dieses Ansinnen, woraufhin Heinrich den Fürsten von einem dänischen Gefolgsmann erschlagen ließ und alsbald die Witwe heiratete.
Dem schleswigschen Herzog Knut Lavard geriet ebenfalls ein Machtkonflikt zum Verhängnis. Sein wie er selbst nach dem Königsthron strebender Vetter Magnus meuchelte ihn im Wald bei Heraldsted. Und der Schauenburger Graf Gerhard III. wurde 1340 von einem dänischen Ritter erschlagen, weil er sich im dänischen Adel zu viele Feinde gemacht hatte. Selbst vor Kindesentführung schreckten die Regenten nicht zurück, wenn es ihren Interessen diente. So ließ Adolf VIII. im 15. Jahrhundert als Druckmittel in einem Erbschaftsstreit die Zwillinge seines verstorbenen Bruders entführen und trug damit wohl seinen Teil zum Ende des Geschlechts der Schauenburger bei. Beide Kinder kamen früh ums Leben, eines vielleicht sogar durch Mord, so dass die einst stolze Adelsfamilie mangels Nachkommenschaft ausstarb. All das hört sich so an, als ob das Mittelalter durchzogen gewesen sei von einer einzigen Blutspur im Streben nach Macht und Reichtum. Doch Professor Auge relativiert diesen Eindruck:
»Wir reden hier über mehrere Jahrhunderte, in denen tatsächlich
einige unschöne Dinge passiert sind. Aber das sind Einzelfälle.
Das Mittelalter war weit weniger blutig, als wir denken.«
Politik funktionierte nach Darstellung des Historikers schon vor tausend Jahren so ähnlich wie heute. Interessenkonflikte versuchte man in der Regel durch Verhandlungen oder mit Hilfe von Schiedsgerichten zu klären. Offener Kampf war unbeliebt, weil zu teuer, zu verlustreich und zu riskant. Und das Ermorden von Rivalen hatte ebenfalls seine Nachteile. Zwar wurde kaum eine Täterin oder ein Täter je für ihren oder seinen Frevel bestraft, doch der Leumund litt allemal darunter. Und nicht zuletzt etablierten sich im Lauf der Zeit Strukturen, die derartige Killermethoden deutlich erschwerten. Als im 15. Jahrhundert der Ritterstand erstarkte und Landtage gebildet wurden, mussten die adeligen Herrschenden mit Korrektiven leben, die es ihnen kaum noch erlaubten, nach Gutdünken zu morden oder zu erpressen.
Vieles spricht zudem aus Sicht von Oliver Auge dafür, dass kriminelle politische Energie in der jüngeren Vergangenheit und der Gegenwart noch schlimmer gewütet hat beziehungsweise wütet als im Mittelalter. Das 20. Jahrhundert mit den Morden unter den Diktaturen von Hitler und Stalin bezeichnet er als »einsamen Höhepunkt«. Ein Blick nach Syrien oder nach Russland, wo immer wieder Regimekritikerinnen und -kritiker unter dubiosen Umständen ums Leben kommen, bietet aktuell ebenfalls kaum Anlass zu moralischem Hochmut. Und selbst im beschaulichen Schleswig-Holstein ist immer noch umstritten, ob beim Tod von Uwe Barschel nicht vielleicht doch finstere Kräfte am Wirken waren. Einen Vortrag zum Thema hält Professor Oliver Auge am 7. November in Friedrichstadt. Martin Geist
Zuständig für die Pflege dieser Seite:
Pressestelle der Universität
► presse@uv.uni-kiel.de






