Suchen Sitemap Kontakt Impressum

Studierende | Studieninteressierte | Presse | Fördern
Schülerinnen, Schüler, Lehrkräfte | Alumni | Wirtschaft | Intranet

Zur Startseite

Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 74 vom 20.10.2012, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Aus dem Takt geraten

Unkontrolliertes Zittern in den Händen kann viele Ursachen haben. Eine davon ist der essentielle Tremor. Eine genetische Veränderung, die damit zusammen­hängt, hat eine Kieler Arbeitsgruppe entdeckt.


Foto: pur.pur

Jeder hat es bestimmt schon einmal erlebt: Man hat eine volle Tasse Kaffee oder ein Glas Wasser in der Hand, passt nicht auf und verschüttet den Inhalt. Aber bei vielen Menschen zittern die Hände so schlimm, dass sie immer etwas verschütten, sobald sie ein volles Glas in der Hand halten. Dieses unwillkürliche Zittern, das sich rhythmisch wiederholt, wird Tremor genannt. Der essentielle Tremor gehört zu den häufigsten Bewegungsstörungen und nimmt in der Bevölkerung mit dem Alter zu. Betroffene, etwa ein Prozent der Bevölkerung, suchen meist erst dann eine Arztpraxis auf, wenn das Zittern im Alltag Probleme bereitet.

»Bei manchen ist die Erkrankung so stark ausgeprägt, dass sie sich nicht einmal mehr ein Hemd zuknöpfen können«,


erklärt Professor Gregor Kuhlenbäumer vom Institut für Experimentelle Medizin der Kieler Universität. Zusammen mit Professor Günther Deuschl, Direktor der Klinik für Neurologie am UKSH, erforscht er die genetischen Grundlagen des essentiellen Tremors. Wie es zu dem Zittern kommt, ist nicht geklärt. Man nimmt an, dass eine bestimmte Struktur im verlängerten Rücken­mark, untere Olive genannt, die rhythmischen Bewegungen auslöst. »Die untere Olive ist sozusagen der Taktgeber und verursacht das Zittern«, erklärt Kuhlenbäumer, der die Arbeits­gruppe molekulare Neurobiologie leitet und Mitglied im Exzellenzcluster Entzündungsforschung ist. Kuhlenbäumer und sein Team suchen nach genetischen Veränderungen, die mit dem Zittern in Verbindung stehen. Dafür haben sie die DNA von 400 Menschen mit essentiellem Tremor untersucht und mit den Daten von Gesunden verglichen.

»Weltweit ist es erst die zweite Studie, in der das ganze Genom von Patienten mit essentiellem Tremor analysiert wird. Vorher haben wir immer nur einzelne Gene angeschaut«, so Kuhlen­bäumer. Die Kieler Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben nun herausgefunden, dass das Gen SLC1A2 bei Kranken im Vergleich zu Gesunden verändert ist und das Risiko für einen essentiellen Tremor erhöht. Dieses Gen hat mit dem Transport des Botenstoffs Glutamat aus dem extrazellulären Raum zurück in die Gehirnzellen zu tun. Wenn sich zu viel Glutamat außerhalb der Zellen ansammelt, kann es Nervenstrukturen schädigen. Interessant an dem Ergebnis ist auch, dass der Transporter SLC1A2 in der unteren Olive besonders häufig vorkommt und so im Zusammenhang mit dem Zittern stehen könnte.

»Die Bestätigung unserer Studie durch eine andere Arbeitsgruppe wäre die Nagelprobe«, so Kuhlenbäumer, »darauf warten wir noch.« Zusätzlich führt der Neurogenetiker bereits jetzt eine noch größere Studie durch, um die Ergebnisse zu untermauern und eventuell noch weitere Gene zu finden, die das Zittern mitverursachen könnten. »Unser aktuelles Ziel ist die Wiederholung der Studie mit 1000 Patientinnen und Patienten mit essentiellem Tremor. Für Genomstudien ist eine Zahl von 400 eher gering.« Dafür sucht der Wissenschaftler noch Personen mit essentiellem Tremor. Denn wenn man die genauen Ursachen der Erkrankung kennt, könnte man das Zittern besser behandeln.

Ann-Kathrin Wenke

Kontakt und Information für Interessierte, die an der Studie teilnehmen möchten:
Tel. 0431/597-8519 oder -8527 (8 bis 16 Uhr)
Diagnose und Therapie
Die Diagnostik und Behandlung von Bewegungsstörungen, zu denen der essentielle Tremor zählt, ist ein Schwerpunkt der Kieler Klinik für Neurologie (Leitung: Professor Günther Deuschl). Unter anderem steht hier ein spezielles Tremorlabor zur Verfügung, das mit speziellen Messungen wichtige diagnostische Hinweise liefern kann. Eine möglichst treffsichere Einordnung des Tremors ist entscheidend für eine erfolgreiche Therapie.

Es gibt zahlreiche Medikamente, die Betroffenen helfen können. Für Menschen mit sehr schwerer Erkrankung wird auch die elektrische Stimulation bestimmter Kerne im Gehirn (Tiefe Hirnstimulation) in Zusammenarbeit mit der Kieler Klinik für Neurochirurgie eingesetzt.

Auch der Kieler Sonderforschungsbereich 855 »Magnetoelektrische Verbundwerkstoffe – biomagnetische Schnittstellen der Zukunft«, an dem die Technische, die Mathematisch-Naturwissenschaftliche und die Medizinische Fakultät beteiligt sind, entwickelt neue Messmethoden für genauere Befunde. Denn um die Behandlung verbessern zu können, muss zunächst der exakte Ursprung des Tremors im Gehirn geklärt werden. (akw)
Zum Seitenanfang  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung



Zuständig für die Pflege dieser Seite: Pressestelle der Universität, presse@uv.uni-kiel.de