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unizeit Nr. 74 vom 20.10.2012, Seite 4  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Religion und Gesellschaft

Professorin Uta Pohl-Patalong hat seit 2007 einen Lehrstuhl für Praktische Theologie in Kiel inne. Im Interview spricht sie über die Kunst, flexibel zu denken und zu handeln.


Uta Pohl-Patalong Foto: pur.pur

unizeit: Sie haben evangelische Theologie studiert, dabei aber ein Jahr an einer Benediktinerabtei in Jerusalem ver­bracht. Wie kam es dazu?

Uta Pohl-Patalong: Es gibt ein Vollstipendium vom DAAD für ein theologisches Studienjahr an der deutschsprachigen Dormitio- Abtei in Jerusalem, mit Dozierenden beider christlicher Konfes­sionen. Die Aufnahmeprüfung ist anspruchsvoll, aber ich kann so ein Studienjahr nur empfehlen.

Wie viel haben Sie von den katholischen Traditionen des Ortes mitbekommen?

Die Teilnahme an den Stundengebeten, der Besuch der Pilgerstätten haben mir den Wert von Ritua­len und spiritueller Ausstrahlung vermittelt – Dinge, die in der evangelischen Kirche gerade wiederentdeckt werden. Mit Studierenden und Dozierenden gab es einen intensiven religiösen Dialog, der sehr bereichernd war.

Wie präsent war der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern?

Ich war dort 1987/88 während der ersten Intifada (palästinensischer Aufstand gegen Israel), und seit dem 9.12.1987 war das Leben davon sehr geprägt. Gelernt habe ich dabei unter anderem, wie abhängig Realität und Recht vom jeweiligen Standpunkt sind. Mir ist eindrücklich in Erinnerung, wie ich nacheinander mit einem jungen israelischen Soldaten und unserem palästinensischen Koch gesprochen habe: Beide Seiten argumentierten völlig nachvollziehbar, dennoch waren die Perspektiven kaum vereinbar.

Nach dem Studium absolvierten Sie ein Vikariat und arbeiteten als Pastorin, bevor Sie sich 2002 in Bonn habilitierten. Hatten Sie von vornherein geplant, zurück in die Wissenschaft zu gehen?

Jedenfalls habe ich mir diese Möglichkeit offen gehalten – wer in die Wissenschaft will, muss flexibel sein, denn lange nicht alle, die es anstreben, bekommen eine Professur. In meinem Fall kommt hinzu, dass mein Fachgebiet Praktische Theologie natürlich eine Nähe zur kirchlichen Realität beinhaltet und man die kirchliche Praxis kennen sollte. Die Professur gibt mir die Möglichkeit, gesellschaftlich und kirchlich relevante Themen aufzugreifen, zu reflektieren und damit wieder in die Praxis zurückzuwirken – genau das ist es, was ich tun wollte.

Sie haben 2011 als erste Frau und erste Theologin den Wissenschaftspreis der Stadt Kiel erhalten. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Darüber habe ich mich unglaublich gefreut. Die Entscheidung für die Theologie zeugt von dem Bewusstsein, dass Religion in der Gesellschaft präsent ist und einen Beitrag zum Zusammenleben leistet. Der Preis ist eine Bestätigung für mein Bemühen um eine Theologie, die nah am Leben, nah an der Praxis ist. Wirklich beeindruckend war an diesem Tag, dass die Rednerinnen und Redner sich aus ihren unterschiedlichen Perspektiven mit den Inhalten meiner Arbeit auseinandergesetzt haben – so entstand ein spannender Diskurs zum Thema Religion und Gesellschaft am Rednerpult. Und natürlich hat es mich auch gefreut, dass ich die erste Frau bin, die den Wissenschaftspreis bekommen hat.

Wie sehen Sie Ihre Rolle als Frau in der Universität?

Es ist ja schon auffällig, dass Männern so eine Frage nie gestellt wird. Das Geschlecht spielt nach wie vor bei Frauen eine viel größere Rolle als bei Männern. Mir ist sehr bewusst, dass ich als Professorin ein mögliches Vorbild bin für die Studentinnen. Ich gehöre zu einer Frauengeneration, die rechtlich gleichgestellt ist – doch im Verborgenen gibt es noch ein Ungleichgewicht zwischen den Geschlechterrollen. Etwa, wenn bei einer Lehrstuhlbesetzung jemand fragt, ob man denn »noch eine zweite Frau« in diesem Fachgebiet brauche, während alle anderen Fachgebiete unhinterfragt mit zwei Männern besetzt sind.

Sind Sie auch Vorbild für das Vereinbaren von Familie und Beruf? Sie haben ja eine Tochter.

Für meinen Mann und mich ist es selbstverständlich, dass wir uns gleichermaßen im Beruf und für die Familie engagieren, aber dies ist keinesfalls die Regel. Ich versuche, Studierende beiderlei Geschlechts für dieses Thema zu sensibilisieren. Nach wie vor gehen Studentinnen häufig selbstverständlich davon aus, dass sie für die Kinder Abstriche bei ihrer Karriere machen werden. Ich versuche ihnen deutlich zu machen, dass dies keine Frage von Natur, sondern von Absprachen ist – die man übrigens treffen muss, bevor die Kinder geboren werden. Im Alltag ist dies auch immer eine Frage von guter Planung. Sowohl Männer als auch Frauen können sich private Termine in den Kalender eintragen. Aber der gesellschaftliche Druck, eine Lösung zu wählen, bei der der Beruf des Mannes Vorrang hat, ist immer noch hoch.

Wie sieht es aus als Frau in der Kirche?

Die Nordelbische Kirche hat Leitungspositionen früh weiblich besetzt, sie ist weiter als andere Teile der Gesellschaft. Aber die Erwartungen an eine Pastorin sind deutlich anders als an einen Pastor – man erwartet von ihr emotionale Zuwendung und Fürsorge.

Einer Ihrer Schwerpunkte ist die Homiletik, also die Lehre vom Predigen. Was ist Ihnen daran wichtig, was vermitteln Sie dabei?

Ziel einer Predigt ist, dass Menschen die Bedeutung des Bibeltextes für ihr eigenes Leben erfahren. Diese Texte sind historische Dokumente, nicht für unsere Zeit geschrieben, aber dennoch für heute wichtig und interessant. Das kann man aber nicht einfach behaupten, das muss man erlebbar machen – und das geht nur, wenn man selbst einen Bezug zum Text hat. Ich unterrichte auch den Ansatz des »Bibliologs«, eine interaktive Form der Predigt mit der ganzen Gemeinde, bei dem die Aktualität der biblischen Texte besonders deutlich wird. Dies findet großen Zuspruch bei den Studierenden, denn sie merken, dass es eine wichtige Zukunftsaufgabe für die Kirche ist, die Lebensrelevanz der christlichen Botschaft erfahrbar zu machen.

Das Interview führte Eva-Maria Karpf
Pastorin und Professorin
Uta Pohl-Patalong wurde 1965 in Schleswig geboren. Sie studierte evangelische Theologie in Kiel, Heidelberg, Jerusalem und München. 1995 wurde sie in München zum Thema »Seelsorge zwischen Individuum und Gesellschaft« promoviert. Anschließend absolvierte sie ihr Vikariat in Hamburg. Von 1997 bis 2001 war sie dort Pastorin in der Erwachsenenbildung im Evangelischen Zentrum Rissen. Parallel dazu schrieb sie ihre Habilitationsschrift über »Parochialität und Nichtparochialität im Konflikt«. Nach einer Lehrstuhlvertretung in Jena und einem Heisenberg-Stipendium der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) nahm sie 2007 den Ruf auf den Lehrstuhl für Didaktik des Religionsunterrichts und Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät in Kiel an. 2011 erhielt sie den Wissenschaftspreis der Stadt Kiel. (emk)
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