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unizeit Nr. 74 vom 20.10.2012, Seite 5  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Einer für alles

Was macht Arbeitsplätze sicher und einträglich? Vielseitigkeit scheint ein Schlüssel zu sein.


Küchenberater im Einsatz: Komplexe Tätigkeit vom Design bis zum Kaufmännischen. Foto: iStock

Für seine 2011 vorgelegte Dissertation über Veränderungen in der Arbeitswelt ist Dr. Dennis Görlich mit dem Fakultätspreis der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät ausge­zeichnet worden. Nicht zuletzt deshalb, weil er auch methodisch neue Wege beschritten und spannende Zusammenhänge offengelegt hat.

Görlich bediente sich einer einzigartigen repräsentativen Datenerhebung des Bundesinstituts für Berufsbildung, das zwischen 1986 und 2006 auf Grundlage von Befragungen sehr konkrete Ein­blicke in den Arbeitsalltag in den Betrieben ermöglichte. Ins Auge sprang dem Volkswirt dabei der Aspekt der Vielseitigkeit. Übten die Beschäftigten 1986 durchschnittlich zwei Tätigkeiten aus, so waren es gut zehn Jahre später bereits vier und 2006 sogar sechs Tätigkeiten.

Warum ist das so? Der Kieler Volkswirt entwirft dazu eine Theorie, wonach der verstärkte Einsatz von Computern oder flexibel programmierbaren Maschinen neue produktive Verbindungen zwi­schen unterschiedlichen Tätigkeiten hervorbringt, die vor der Ära der Digitalisierung weder vorhan­den waren noch denkbar schienen.

Dennis Görlich (32) ist wissen­schaftlicher Mitarbeiter am Institut für Weltwirtschaft und wurde mit »Three Essays on the Changing Organization of Work« promoviert. Foto: mag

Die Küchenverkäuferin im Möbelhaus etwa berät ihre Kund­schaft nicht nur in Sachen Design und Material. Sie plant die Küche am Computer, entwirft grafische Animationen, schließt im Idealfall am Ende einen Kaufvertrag ab, der von ihrem Com­puter aus an die kaufmännische Abteilung im eigenen Haus geschickt wird und zugleich an den Betrieb, der die Küche herstellt.

Im Verkauf schwinden also die Grenzen zur Produktion, die Produktion wiederum hängt immer stärker mit dem Verkauf zusammen, weil sie dank der neuen Technik sehr individuell auf Sonderwünsche eingehen kann. »Die Kundinnen und Kunden werden dadurch besser beraten und die Produktivität der Beschäftigten steigt«, sagt Görlich und zieht daraus den Schluss, dass gerade die zusätzlichen Tätigkeiten die Produktivität steigen lassen. »Dieses Ergebnis ist nicht trivial«, betont er. Eigentlich sei schließlich zu erwarten, dass Produktivität mit zusätzlich wahrgenommenen Aufgaben sinke.

Dass höher qualifizierte Kräfte vielseitiger sind als geringer qualifizierte, überrascht zwar kaum. Das Beispiel Küchenverkauf zeigt aber, wie der Vielseitigkeitstrend auch dort wirkt, wo nicht nur Ingenieure, Akademikerinnen oder Techniker am Werk sind.

»Bei der Vielseitigkeit gibt es enorme Unterschiede
auch innerhalb ein und desselben Berufes«,


sagt Görlich, der mit einem weiteren methodischen Kniff die praktischen Folgen dieser Tatsache erkundet hat. Dazu brachte er die Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung mit Zahlen zur Einkommenssituation Einkommenssituation und Arbeitsplatzsicherheit in Zusammenhang. »Vielseitigkeit zahlt sich in verschiedener Hinsicht aus«, lautet das Fazit des 32-Jährigen. Wer sich einem komplexen Tätigkeitsspektrum stellen kann, verdient demnach mehr Geld und läuft weniger Gefahr, seinen Job zu verlieren, weil seine Arbeit ins Ausland verlagert wird.

Studien, aus denen hervorgeht, dass 40 Prozent der deutschen Arbeitsplätze ins Ausland ver­lagert werden könnten, werden wegen dieser Zusammenhänge nach Görlichs Überzeugung in ihrer Dramatik »deutlich abgeschwächt«. So arbeiten nach seiner Argumentation Program­mierer­innen oder Programmierer in Indien zwar viel billiger als hierzulande, sobald aber der direkte Kontakt zum Kunden hinzukommt, stellt sich die Kosten-Nutzen-Rechnung einer eventuellen Ausgliederung dieser Tätigkeit ganz anders dar.

Spannend ist derweil für Görlich die Frage, was mit denen passiert, die nicht so vielseitig arbei­ten können. Zwar produziere jeder Trend auch Verliererinnen und Verlierer, doch es könne darauf hingewirkt werden, deren Zahl so gering wie möglich zu halten. Görlichs These: Wer in der Schule problembasiertes Lernen lernt und kommunikative Fähigkeiten trainiert, später dann im Beruf Weiterbildungsmöglichkeiten und Angebote zur Job-Rotation wahrnehmen kann, wird mit einiger Wahrscheinlichkeit nicht auf der Strecke bleiben.

Martin Geist
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