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Nr. 75, 15.12.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Die Klimaschrauber

Ließe sich der Klimawandel mit Eingriffen in Ozean und Atmosphäre bremsen? Falls ja, zu welchem Preis? Die Chancen und Risiken solcher Maßnahmen lotet ein bundesweites Forschungsprogramm aus, das der Kieler Meereswissen­schaft­ler Andreas Oschlies koordiniert.


Technische Ansätze zur Klimaregulierung werden zunehmend ins Gespräch gebracht. Ob sie tatsächlich die Erderwärmung aufhalten können und welche Nebenwirkungen sie haben, lässt sich derzeit nicht sagen.

Beim 18. Weltklimagipfel, der vor einer Woche im arabischen Katar zu Ende gegangen ist, stand ein in Politik und Wissenschaft kontrovers diskutiertes Thema auf der Agenda: Climate Engineering. Darunter versteht man Eingriffe ins Klimageschehen mittels technischer Maßnahmen. Theoretisch gibt es diverse Möglichkeiten, an der Klimaschraube zu drehen. Sie reichen von Aufforstung bis hin zu künstlichen Schwefelwolken in der Stratosphäre, die wie ein Spiegel die Sonnenstrahlen ins All reflektieren sollen. Ob Climate Engineering tatsächlich eine Option wäre, um den Klimawandel aufzuhalten und die Erderwärmung zu stoppen, lässt sich derzeit nicht sagen. Auf jeden Fall wirft es Fragen von grundsätzlicher Bedeutung auf: Welche Vorschläge sind wissenschaftlich realistisch? Lassen sie sich technisch umsetzen und wie wirksam werden sie voraussichtlich sein? Mit welchen Wechsel- und Nebenwirkungen müssen wir rechnen?

»Es gibt viele Befürworter von einzelnen Verfahren, die wahrscheinlich hauptsächlich Geld damit verdienen wollen. Doch bislang gibt es weder verlässliche Informationen über die Potenziale der Maßnahmen, noch über Nebenwirkungen, die für eine umfassende Bewertung einer möglichen Option Climate Engineering nötig wären«, sagt der Kieler Meereswissenschaftler Andreas Oschlies. Hier setzt das neue Schwerpunktprogramm »Climate Engineering: Risks, Challenges, Opportunities?« der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) an, das der Professor für Marine Biogeochemische Modellierung koordiniert.

Insgesamt 5,4 Millionen Euro investiert die DFG in den kommenden drei Jahren, um die Unsicherheiten zu untersuchen, die mit den Ideen und Konzepten des Climate Engineering verbunden sind. Die Initiative hierfür kam vom Nationalen Komitee für Global-Change- Forschung, dem Kiel Earth Institute und dem Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft«. An dem Antrag beteiligten sich Arbeitsgruppen aus ganz Deutschland. Die geplanten Projekte befassen sich aber nicht nur mit der naturwissenschaftlich- technischen Dimension des Climate Engineering, sondern vor allem auch mit sozialen, politischen, rechtlichen und ethischen Aspekten. »Es können beispielsweise internationale Spannungen entstehen, wenn ein Land etwas unternimmt, das dazu führt, dass es woanders nicht mehr regnet«, erklärt Oschlies. Wer würde so etwas regulieren, Kompensationszahlungen leisten oder mögliche Verfahren überwachen? Wer könnte einen gezielten Eingriff in das Klimasystem genehmigen? Kann es dafür eine Legitimation geben, um auch schon große Experimente durchzuführen?

»Die Diskussion von Bewertung und Regulierung muss sehr frühzeitig einsetzen, bevor möglicherweise große Feldexperimente gestartet werden, weil man sonst vielleicht nicht mitbekommt, was schief läuft«,


erklärt Oschlies. Schon jetzt beinflusse Climate Engineering die Klimaverhandlungen. »Der Druck, alles zu tun, um den CO2-Ausstoß zu verringern, ist nicht mehr so groß, vor allem in den USA«, so Oschlies. Nach dem Motto: Warum sollen wir jetzt den Kohlendioxid- Ausstoß in die Atmosphäre verringern, wenn wir das Problem möglicherweise auch bald mit technischen Methoden loswerden können?

Wie viel Kohlendioxid mit gezielten Eingriffen aus der Trickkiste der Klimaschrauber in den Ozean versenkt werden könnte, hat der Kieler Meereswissenschaftler mit Klimamodellen am Computer analysiert. »Wir haben uns angeschaut, was passieren könnte, wenn man den Ozean mit Eisen düngt, oder wenn man mittels künstlichem Auftrieb nährstoffreicheres Wasser aus der Tiefe nach oben bringt. Beide Verfahren wurden von Firmen vorgeschlagen.« Die Idee: Durch die Düngung des Meeres wird Algenwachstum angeregt, das verbraucht CO2. Absterbende Algen sinken zum Meeresboden und nehmen das gebundene CO2 mit.

Nach Oschlies Berechnungen lassen sich mit diesen Verfahren ungefähr zehn Prozent der heutigen CO2-Emissionen in den Ozean bringen, wenn man das Meer überall dort mit Eisen düngt, wo es sinnvoll ist. »Das ist nicht ganz wenig, rettet aber auch nicht die Welt«, urteilt der Wissenschaftler, der in seiner Modellrechnung auch die Folgen der Maßnahmen analysiert hat. »Die Versauerung im tiefen südlichen Ozean, im Südpolarmeer, nimmt zu. Dagegen ist sie in den flachen warmen Gewässern der Tropen, wo die meisten Korallen wachsen, weniger stark. Das war für uns eine Überraschung. Es gibt jede Menge Nebeneffekte, aber die müssen nicht alle schlimm sein.«

Einschränkend weist der Physiker darauf hin, dass die Ergebnisse der Modellrechnungen die Wirklichkeit nur begrenzt abbilden. »Wir haben einige Modellparameter, die sehr unsicher sind. Die wollen wir variieren und schauen, welche Konsequenzen diese Unsicherheiten für unsere Aussagen über die Folgen des Climate Engineering haben.«

Tiefere Einblicke zum Thema gewährt Andreas Oschlies bei seinen Vorträgen für die Universi­tätsgesellschaft Schleswig- Holstein und bei der Kinder-Uni.

Kerstin Nees
Stichwort Climate Engineering
Bis vor wenigen Jahren wurden die technischen Ansätze zur Klimaregulierung in Politik und Wissenschaft wenig ernst genommen. Mittlerweile sieht das anders aus. Tests zum Einsatz von einzelnen Verfahren, die entweder die CO2-Konzentration in der Atmosphäre absenken oder die Sonneneinstrahlung abschwächen, sind in einigen Ländern bereits in Planung oder, wie im Falle der Eisendüngung des Meeres, bereits erfolgt.

Eine prominente Idee ist, Aerosole in die Stratosphäre zu befördern. Diese Aerosolwolke soll nach dem Vorbild von Vulkanausbrüchen das Sonnenlicht ins All reflektieren und damit die Erde kühlen. So führte der Ausbruch des Pinatubo auf den Philippinen 1991 zu einem globalen Temperaturabfall von 0,4 Grad Celsius. Nach Auffassung des Kieler Meereswissenschaftlers Andreas Oschlies ist das eine der gefährlichsten Ideen. »Unsere Modelle zeigen, dass man damit Niederschlagsgebiete verschieben kann, was zum Beispiel im Falle des Monsuns für große Bevölkerungsgruppen fatal sein könnte.« (ne)

Aktuelle Nachrichten und Informationen zum Climate Engineering vom Kiel Earth Institute in Kooperation mit dem Marsilius- Kolleg der Universität Heidelberg unter:
► www.climate-engineering.eu
► www.kiel-earth-institute.de
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