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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Unizeit – Nachrichten aus der Universität Kiel

unizeit Nr. 75 vom 15.12.2012, Seite 3  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE   Druckfassung

Erste Reporter im Kreuzfeuer

Vor rund hundert Jahren begannen deutsche Zeitungen, professionelle Kriegs­berichterstatter in ferne Länder zu schicken. Merle Zeigerer erforscht die Geschichte dieser Pioniere.


Während Redaktionen heutzutage über ein dichtes weltweites Korrespondentennetz verfügen, waren Nachrichten aus erster Hand von Kriegsschauplätzen Anfang des 20. Jahrhunderts noch etwas ganz Besonderes. Im Bild der »Berliner Lokal-Anzeiger« vom 13. Januar 1901 mit einem Beitrag des »nach China entsandten Spezial-Kriegsberichterstatters« über den Boxeraufstand.

Als Siegfried Genthe im Oktober 1900 nach China kam, war der Boxerkrieg bereits in vollem Gang. Ein internationales Bündnis aus acht Staaten, darunter das Deutsche Reich, kämpfte gegen die Boxerbewegung und kaiserlich-chinesische Truppen. Genthe gehörte zu den ersten unabhängigen deutschen Reportern vor Ort. Die Kölnische Zeitung hatte ihn entsandt. In den Redaktionen war man es leid, auf Informationen von Regierung, Militärs und ausländischen Nachrichtenagenturen wie Reuters oder Agence Havas angewiesen zu sein. Das Aufkommen finanzstarker Massenblätter, ein sich zunehmend professionalisierender Journalismus und nicht zuletzt die vergleichsweise schnelle Kommunikation mittels Telegrafen bereiteten den Kriegsberichterstattern den Weg. »Zwar war es für die Verlage ein teures Unterfangen, Mitarbeiter in entlegene Gebiete wie China oder Afrika zu schicken, aber neben dem Wunsch nach mehr Unabhängigkeit von amtlichen Quellen gab es noch einen weiteren Grund«, weiß Merle Zeigerer:

»Bewaffnete Konflikte haben seit jeher einen hohen Nachrichtenwert,
man erhoffte sich von exklusiver Berichterstattung auch steigende Verkaufszahlen.«


Zeigerer schreibt ihre Doktorarbeit an der Graduiertenschule »Human Development in Land­scapes« über Genthe und seine Kollegen, die von den Schauplätzen der deutschen Kolonial­kriege in China (Boxerkrieg 1900–01) sowie in Deutsch-Südwestafrika (Herero- und Nama-Krieg 1904–07) und Deutsch- Ostafrika (Maji-Maji-Krieg 1905–08) berichteten – ein in der Forschung bisher kaum beachtetes Thema. »Ich möchte vergleichen, wie die Reporter die unterschiedlichen Kolonien wahrnahmen und welche Bilder sie dem heimischen Millionenpublikum von diesen Räumen übermittelten«, erklärt Zeigerer ihr Vorhaben. Dafür wertet sie zahlreiche Schriftquellen aus, vor allem die Berichte und Telegramme der Journalisten.

Um auch die Rahmenbedingungen analysieren zu können, bezieht Merle Zeigerer außerdem Akten des Reichsmarineamtes, des Reichskolonialamtes und des Auswärtigen Amtes in ihre Untersuchung mit ein. »In einer Zeit ohne günstige Interkontinentalflüge hatten manche Berichterstatter bereits erhebliche Schwierigkeiten, nach Ostasien oder Afrika zu gelangen«, schildert die Forscherin: »Hier konnte die Zensur durch staatliche Stellen ansetzen und missliebigen Reportern die Passage auf einem Marinedampfer verweigert werden.« Auch wer es bis ins Zielland geschafft hatte, war meist auf Kooperation mit dem Militär angewiesen: Da oft nur die Armee den Journalisten Schutz bieten konnte, waren diese meist de facto als eingebettete Berichterstatter unterwegs – ein Konzept, das hundert Jahre später im zweiten Irakkrieg wieder auflebte. Schon im frühen 20. Jahrhundert nutzten die Behörden diese Position aus, um Kontrolle über die Berichte der Reporter zu haben. So stieß Zeigerer im namibischen Nationalarchiv von Windhoek auf Dokumente, mit denen sie die Zensur durch das Gouvernement von Deutsch-Südwestafrika nachweisen kann.

Siegfried Genthe schloss sich den deutschen Truppen in China an und begleitete den Generalstab auf mehreren sogenannten Strafexpeditionen. Da er im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen aber Chinesisch sprach, konnte er sich auch ohne fremde Hilfe mit Einheimischen verständigen und so neben der offiziellen militärischen auch die zivile Sicht der Dinge einfangen. »Er war einer der wenigen, die Chinesen nicht nur als stereotypisierte Feinde beschrieben, sondern sie auch als Individuen und Opfer von Gewalt sahen«, sagt Merle Zeigerer. Die Wahrnehmung und Darstellung von Gewalt durch die Kriegsberichterstatter ist eine ihrer zentralen Forschungsfragen.

»Die Bandbreite reicht von neutralen über völkerrechtsverletzende Schilderungen bis hin zu Gewaltaufrufen durch die Journalisten«, erklärt die junge Historikerin und ergänzt: »Gewalt, die moralische oder rechtliche Normen verletzte, ging in den Berichten meist von den Feinden aus. Sie wurde dann als barbarisch und unzivilisiert beschrieben und diente zur Rechtfertigung auch deutscher extremer Gewaltausübung.« Dass die Reporter über die Kriegsgräuel deutscher Soldaten nur bedingt berichteten, sei jedoch nicht allein in Zensurmaßnahmen der Regierung und des Militärs begründet. Zeigerer führt dies auch auf das Selbstbild der Kriegsreporter zurück und wertet es als Zeichen von Selbstzensur der Berichterstatter. Viele sahen sich im Dienste der nationalen Aufgabe, Schilderungen von illegitimen deutschen Gewaltexzessen gehörten dementsprechend nicht unbedingt auf ihre Agenda. Auf diese Weise übermittelte die Mehrheit der frühen Kriegsberichterstatter der heimischen Öffentlichkeit meist nur ein verzerrtes Bild der Konflikte, der Kolonien und ihrer Bevölkerung.

Jirka Niklas Menke
Werdegang eines frühen Kriegsreporters
Siegfried Genthe (1870–1903) gehörte mit etwa einem Dutzend anderer Männer zu den ersten deutschen Berichterstattern, die von großen Verlagen – denn nur diese konnten es sich leisten – zu einem kolonialen Kriegsschauplatz entsandt wurden. Zwar gab es im späten 19. Jahrhundert noch keine Journalismus-Studiengänge, trotzdem waren unter den Reportern viele Akademiker. Genthe beispielsweise hatte in Marburg Geografie studiert, ehe er bei der Matrosenartillerie in Kiel seinen Militärdienst ableistete. 1898 begann er bei der Kölnischen Zeitung, die ihn als Korrespondent zunächst nach Washington und Samoa, später dann nach China und Paris schickte. Genthes letzte Station sollte Marokko werden, von wo er über einen Araberaufstand berichtete. Sämtlichen Gefahren des Krieges entkommen, ereilte ihn der Tod trotzdem im Ausland: 33-jährig wurde er während eines Ausrittes in Fez Opfer eines profanen Raubüberfalls. (jnm)
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