Erste Reporter im Kreuzfeuer
Vor rund hundert Jahren begannen deutsche Zeitungen, professionelle Kriegsberichterstatter in ferne Länder zu schicken. Merle Zeigerer erforscht die Geschichte dieser Pioniere.

Während Redaktionen heutzutage über ein dichtes weltweites Korrespondentennetz verfügen, waren Nachrichten aus erster Hand von Kriegsschauplätzen Anfang des 20. Jahrhunderts noch etwas ganz Besonderes. Im Bild der »Berliner Lokal-Anzeiger« vom 13. Januar 1901 mit einem Beitrag des »nach China entsandten Spezial-Kriegsberichterstatters« über den Boxeraufstand.
»Bewaffnete Konflikte haben seit jeher einen hohen Nachrichtenwert,
man erhoffte sich von exklusiver Berichterstattung auch steigende Verkaufszahlen.«
Zeigerer schreibt ihre Doktorarbeit an der Graduiertenschule »Human Development in Landscapes« über Genthe und seine Kollegen, die von den Schauplätzen der deutschen Kolonialkriege in China (Boxerkrieg 1900–01) sowie in Deutsch-Südwestafrika (Herero- und Nama-Krieg 1904–07) und Deutsch- Ostafrika (Maji-Maji-Krieg 1905–08) berichteten – ein in der Forschung bisher kaum beachtetes Thema. »Ich möchte vergleichen, wie die Reporter die unterschiedlichen Kolonien wahrnahmen und welche Bilder sie dem heimischen Millionenpublikum von diesen Räumen übermittelten«, erklärt Zeigerer ihr Vorhaben. Dafür wertet sie zahlreiche Schriftquellen aus, vor allem die Berichte und Telegramme der Journalisten.
Um auch die Rahmenbedingungen analysieren zu können, bezieht Merle Zeigerer außerdem Akten des Reichsmarineamtes, des Reichskolonialamtes und des Auswärtigen Amtes in ihre Untersuchung mit ein. »In einer Zeit ohne günstige Interkontinentalflüge hatten manche Berichterstatter bereits erhebliche Schwierigkeiten, nach Ostasien oder Afrika zu gelangen«, schildert die Forscherin: »Hier konnte die Zensur durch staatliche Stellen ansetzen und missliebigen Reportern die Passage auf einem Marinedampfer verweigert werden.« Auch wer es bis ins Zielland geschafft hatte, war meist auf Kooperation mit dem Militär angewiesen: Da oft nur die Armee den Journalisten Schutz bieten konnte, waren diese meist de facto als eingebettete Berichterstatter unterwegs – ein Konzept, das hundert Jahre später im zweiten Irakkrieg wieder auflebte. Schon im frühen 20. Jahrhundert nutzten die Behörden diese Position aus, um Kontrolle über die Berichte der Reporter zu haben. So stieß Zeigerer im namibischen Nationalarchiv von Windhoek auf Dokumente, mit denen sie die Zensur durch das Gouvernement von Deutsch-Südwestafrika nachweisen kann.
Siegfried Genthe schloss sich den deutschen Truppen in China an und begleitete den Generalstab auf mehreren sogenannten Strafexpeditionen. Da er im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen aber Chinesisch sprach, konnte er sich auch ohne fremde Hilfe mit Einheimischen verständigen und so neben der offiziellen militärischen auch die zivile Sicht der Dinge einfangen. »Er war einer der wenigen, die Chinesen nicht nur als stereotypisierte Feinde beschrieben, sondern sie auch als Individuen und Opfer von Gewalt sahen«, sagt Merle Zeigerer. Die Wahrnehmung und Darstellung von Gewalt durch die Kriegsberichterstatter ist eine ihrer zentralen Forschungsfragen.
»Die Bandbreite reicht von neutralen über völkerrechtsverletzende Schilderungen bis hin zu Gewaltaufrufen durch die Journalisten«, erklärt die junge Historikerin und ergänzt: »Gewalt, die moralische oder rechtliche Normen verletzte, ging in den Berichten meist von den Feinden aus. Sie wurde dann als barbarisch und unzivilisiert beschrieben und diente zur Rechtfertigung auch deutscher extremer Gewaltausübung.« Dass die Reporter über die Kriegsgräuel deutscher Soldaten nur bedingt berichteten, sei jedoch nicht allein in Zensurmaßnahmen der Regierung und des Militärs begründet. Zeigerer führt dies auch auf das Selbstbild der Kriegsreporter zurück und wertet es als Zeichen von Selbstzensur der Berichterstatter. Viele sahen sich im Dienste der nationalen Aufgabe, Schilderungen von illegitimen deutschen Gewaltexzessen gehörten dementsprechend nicht unbedingt auf ihre Agenda. Auf diese Weise übermittelte die Mehrheit der frühen Kriegsberichterstatter der heimischen Öffentlichkeit meist nur ein verzerrtes Bild der Konflikte, der Kolonien und ihrer Bevölkerung.
Jirka Niklas Menke
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