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Nr. 75, 15.12.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Herdenprämie

Güter, Werte und Zahlen prägen die Welt der Wirtschaft. Doch der Mensch mit all seinen Unberechenbarkeiten mischt auch noch mit.


Genau diesem Umstand widmet sich das noch junge Institut für Quantitative Betriebs- und Volkswirtschaftliche Forschung (QBER). Im April 2011 wurde das Institut aus der Taufe gehoben, komplett war es ein Jahr später mit der Besetzung aller drei Lehrstühle. Die Professoren Alexander Klos als Betriebswirt, Markus Haas als Empirischer Wirtschaftsforscher und Stefan Reitz als Volkswirt knüpfen dabei an eine Entwicklung an, die Ende der 1980er Jahre begann. Damals, so sagt Professor Reitz, haben die ersten Ökonominnen und Ökonomen zu verstehen begonnen, dass sich die immer wieder auftretenden Turbulenzen an den Märkten allein mit dem Modell des stramm nach rationalen Kriterien entscheidenden Homo oeconomicus nicht erklären ließen. Es verstärkte sich der Eindruck, dass weitere Faktoren und besonders die Menschen eine Rolle spielen mussten.

Wenn demnach die Preise für Devisen, Aktien oder Rohstoffe immer wieder binnen kurzer Zeit stark nach oben oder unten ausschlagen und das mit Schwankungen bei Angebot und Nachfrage aus der Realwirtschaft höchstens teilweise zu begründen ist, könnte beispielsweise das dahinterstecken, was Professor Reitz »gleichgerichtetes Verhalten « nennt. Zwar ist dieses oft als »Herdentrieb« bezeichnete Phänomen schwierig zu beweisen, vieles deutet aber darauf hin, dass große Banken oder andere institutionelle Anleger so etwas wie die Leithammel der Investorenherde bilden. Zudem beschäftigen sie speziell für einzelne Branchen zuständige Analystinnen und Analysten, deren Meinungen gehört und oft genug geteilt werden.

»Das kann vernünftig sein«, befindet Reitz und verweist darauf, dass die Frage nach dem fairen Wert einer Aktie am besten mit umfassenden Informationen über das jeweilige Unternehmen zu beantworten ist. Privatanlegerinnen und -anleger, die darauf vertrauen, dass die Profis mehr wissen als sie selbst, verfolgen also eine rationale Strategie, wenn sie sich an besser informierten Kreisen orientieren.

Dass andererseits richtige Informationen bei falscher Gewichtung mächtig Wirbel auslösen können, zeigte sich vor einem Jahr nach dem von der Bundeskanzlerin verkündeten Atomausstieg. Eine panische Herde ließ die Kurse der großen Energieversorger in den Keller sacken, ehe sie sich wieder mehr als verdoppelten. Befördert wurde diese Gegenbewegung nicht zuletzt von der Erkenntnis, dass Geld auch ohne Atomstrom zu verdienen ist.

Die Kraft des Herdentriebs scheint außerdem Ursachen zu haben, die nicht im Geringsten auf Informationen beruhen. Wer im Fondsmanagement arbeitet, wird laut Professor Reitz an den Ergebnissen der Kolleginnen und Kollegen in Konkurrenzunternehmen gemessen und schließt sich deshalb nur allzu gern deren Verhalten an. Die Ergebnisse liegen dann zumindest irgendwo im Durchschnitt, lästige Nachfragen oder gar Kürzungen von Boni sind damit vom Tisch.

Nicht zuletzt könnte schließlich die Psychologie eine Rolle spielen. »Wer Geld verliert, empfindet es als weniger dramatisch, wenn es vielen anderen genauso geht«, sagt Professor Reitz und erklärt sich dieses Phänomen mit der tröstlichen Gewissheit, zumindest nicht individuell versagt zu haben.

Was jenseits harter Fakten Entscheidungen am Markt beeinflusst, untersucht Alexander Klos immer wieder auch mit Experimenten. Heraus kam in einem dieser Versuche, dass strengere Regeln zur Verständlichkeit von Finanzprodukten zwar wünschenswert, aber nicht unbedingt wirksam sind. Klos konfrontierte seine Probandinnen und Probanden mit exakt denselben Informationen, bot sie aber teils in Textform, teils als Grafiken dar. Ergebnis: Wird eine schwache Rendite elegant in eine Grafik eingebaut, findet sie viel mehr Akzeptanz als in Textform. Mit entsprechender Aufbereitung, so schlussfolgert Klos, werden Banken und Finanzdienstleister ihre Kundschaft also auch künftig zu beeinflussen versuchen. (Martin Geist)
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