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Nr. 75, 15.12.2012  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Haithabus neu entdecktes Profil

Svetlana Khamnueva und Techniker Mathias Bahns ziehen einen Bohrkern aus dem Boden von Haithabu, um damit die landschaftliche Entwicklung zu erforschen.

Manchmal muss man tief bohren, um einer Sache auf den Grund zu gehen. Das war auch der Bodenkundlerin Svetlana Khamnueva klar, als sie sich daran machte, für ihre Dissertation die Entwicklung der Erdoberfläche von Haithabu in den vergangenen 1200 Jahren zu erforschen. »Sicher wäre es einfacher gewesen, mit einem Bagger sogenannte Geländeschnitte auszuheben«, erklärt die junge Wissenschaftlerin. »Aber das Gebiet enthält mutmaßlich unzählige Überbleibsel aus vergangenen Epochen, ein so bedeutendes Kulturdenkmal muss möglichst intakt bleiben.« Daher zog sie mit Unterstützung ihrer Kollegen vom Institut für Ökosystemforschung und in Zusammenarbeit mit dem Archäologischen Landesamt Schleswig-Holstein Bohrkerne aus dem geschichtlich so spannenden Grund. Lediglich außerhalb des Haithabu umgebenden Ringwalls durften größere Mengen Erde bewegt werden, um Schichtung und Beschaffenheit zu analysieren.

Svetlana Khamnueva studierte Bodenkunde an der Moskauer Lomonossov- Universität und belegte anschließend den Masterstudiengang Environmental Management an der CAU. Dort lernte sie ihren jetzigen Doktorvater Professor Hans-Rudolf Bork kennen, der sie gern unter seine Fittiche nahm: »Frau Khamnueva leistet so gute Arbeit, dass sie sich erfolgreich um ein Landesgraduiertenstipendium der Uni Kiel beworben hat«, freut Bork sich für und über seine Doktorandin.

In ihrer Dissertation möchte Khamnueva herausfinden, wie die Erdoberfläche in Haithabu vor, während und nach der Besiedlung aussah. »Ich gehe davon aus, dass das Landschaftsprofil welliger war, ehe die Siedlung entstand«, erklärt sie. Welcher Teil der Veränderungen auf den Menschen und welcher auf die Natur zurückgeht, gehört ebenfalls zu ihren Fragestellungen. Die Bohrungen vom Sommer haben ihr bereits erste Erkenntnisse geliefert: »Offenbar war das flache Tälchen, in dem der Haithabu- Bach heute durch die einstige Wikingerstadt fließt, früher wesentlich tiefer eingeschnitten«, erläutert Khamnueva die Befunde aus den Bohrkernen. Sie geht davon aus, dass das Tal um das 9. Jahrhundert ein trogartiges, neun bis zwölf Meter breites und etwa drei Meter tiefes Profil hatte. Schon vor dem Ende der Besiedlungsphase wurde dieser Geländeeinschnitt im 10. und 11. Jahrhundert zu großen Teilen aufgefüllt – die Menschen entsorgten dort ihre Abfälle, Regen und Hochwasser schwemmten Erde hinein.

Eine weitere spannende Entdeckung machten Svetlana Khamnueva und ihre Kollegen direkt am Ringwall. Dass auf dessen Außenseite früher ein Graben verlief, ist seit längerem bekannt. Der Erdaushub entsprach aber nicht dem Volumen des Walls, so dass die Bodenkundlerin auf dessen Innenseite nachforschte. Tatsächlich stieß sie dort beim Bohren auf mehrere Gruben, die sich als Teil eines weiteren durchgehenden Grabens erweisen könnten. Ebenso wie der äußere Graben und das Tälchen des Haithabu-Baches wurde er mit der Zeit verfüllt.

»Ich sehe meine Arbeit als Grundlagenforschung«, erklärt Khamnueva, die auch einige andere Orte in Norddeutschland Norddeutschland untersucht. »Für Archäologen beispielsweise dürfte es spannend sein, den Inhalt der aufgefüllten Geländeeinschnitte zu analysieren«, sagt die junge Wissenschaftlerin und zeigt auf einige Keramik- und Tonscherben, die aus einem im Rahmen ihrer Arbeit angelegten Aufschluss am Bach außerhalb des Walls stammen. Des Weiteren, so glaubt sie, könnte die genaue Untersuchung der Ablagerungen Auskunft darüber geben, wie intensiv die Wikinger in Haithabu Garten- und Ackerbau betrieben. »Möglicherweise konnte nur deshalb so viel Erde vom Regen in Tal und Gruben gespült werden, weil die Menschen intensiver Landwirtschaft betrieben, als bisher angenommen wird«, gibt Khamnueva zu bedenken. Auch die Bodenerosion in jüngerer Zeit lässt sie nicht außer Acht: Wenn feststellbar ist, wie viel davon etwa auf das Begehen des Walls durch Touristinnen und Touristen zurückzuführen ist, dann wären das wertvolle Hinweise für den Schutz dieses Bodendenkmals.

Jirka Niklas Menke
Haithabu
Um das Jahr 770 gründeten die Dänen eine Siedlung an der Mündung des Haithabu- Bachs ins Haddebyer Noor. Dank der verkehrsgünstigen Lage zwischen Skandinavien und Mitteleuropa, Schlei und Eider stieg sie rasch zu einem der wichtigsten Handelszentren im Ostseeraum auf, das Kontakte bis ins heutige Russland und Frankreich unterhielt. Mehrmals wechselten die Herrschaftsverhältnisse, zeitweise hatten Sachsen und Norweger das Sagen.

In ihrer Blütezeit im 10. Jahrhundert lebten über 1500 Seelen in der Stadt, die Bischofssitz war. Im Jahr 1050 wurde Haithabu während einer Schlacht zwischen dem norwegischen König Harald III. und seinem dänischen Gegenspieler Sven zerstört. Zwar bauten die Einwohnerinnen und Einwohner die Stadt teilweise wieder auf, doch nur 16 Jahre später wurde sie von Westslawen geplündert. Daraufhin gab man Haithabu auf und verlegte die Siedlung auf das andere Ufer der Schlei, nach Schleswig. Heute ist Haithabu eines der bedeutendsten Bodendenkmäler Schleswig-Holsteins.
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