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Nr. 77, 06.07.2013  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Die Ärztin aus dem Dschungel

Liselotte Mettler ist eine weltweit führende Reproduktions­medizinerin. Sie hat an der Kieler Frauenklinik die Endoskopie-Schule mit aufgebaut und das erste Kieler Retortenbaby zur Welt gebracht.


Liselotte Mettler. Foto: Endoskopieschule

unizeit: Nach Ihrem Studium haben Sie 1966/67 an einem Urwald-Krankenhaus im peruani­schen Amazonas-Dschungel gearbeitet. Wie hat Sie diese Erfahrung geprägt?

Liselotte Mettler: Ich war damals sehr idealistisch, überzeugte Christin und eine große Anhängerin von Che Guevara, der ja auch Arzt war. Mein Traum war, in einem Dschungel-Hospital zu arbeiten. Das Al­bert-Schweitzer-Krankenhaus in Yarinacocha, Peru, konnte man damals nur mit Booten und Was­serflugzeugen erreichen. Ich assistierte in allen Bereichen der Medizin, versorgte Leprakranke, half bei Operationen. Mir wurde klar, dass ich noch viel zu wenig wusste, um den Menschen dort wirklich helfen zu können. Deshalb kehrte ich nach Deutschland zurück, um mich auf einem Gebiet zu spezialisieren. Bis heute ist der Dschungel für mich ein Rückzugsort, ich bin mehr­mals dorthin zurückgekehrt.

Warum haben Sie sich für die Gynäkologie entschieden?

Ich habe mich von Peru aus auf verschiedene Stellen in Kiel beworben, weil es mir an der Ostsee gut gefallen hatte. Der Direktor der Frauenklinik, Professor Kurt Semm, war beeindruckt von meiner Zeit im Dschungel und sagte, ich könne sofort bei ihm anfangen. Gynäkologie ist ein faszinierendes Fachgebiet, man begleitet Menschen in allen Stadien vom Anfang bis zum Ende des Lebens. Auch die Geburtshilfe hat mir immer viel Freude bereitet.

Wie kamen Sie auf Ihre Schwerpunkte, Endoskopische Chirurgie und Reproduk­tionsmedizin?

Ich wollte Gebiete haben, auf denen ich auch im Mutterschutz gefragt war! Als ich 1970 mit meinem ersten Sohn schwanger war, fragte Semm, wer an der Klinik mit ihm die Endoskop- Chirurgie weiterentwickeln wollte. Ich meldete mich, und er sagte: »Was soll ich denn mit einer Frau?« Doch als bei einer Konferenz in Tokio 1971 mein Paper als einziges angenommen wurde, begann er, mich als Kollegin ernster zu nehmen.

Meine Habilitationsschrift verfasste ich dann 1976 zum Thema künstliche Befruchtung. Ich möchte Paaren helfen, die oft seit vielen Jahren vergeblich versucht haben, ein Kind zu bekommen. 1982 haben wir das erste Kieler Retortenbaby zur Welt gebracht. Inzwischen hat sich die In-vitro-Fertilisation zu einer guten Methode entwickelt. Zehn Millionen Menschen würden nicht leben, wenn es sie nicht gäbe.

Sie haben schon angedeutet, dass Sie es als Frau am Anfang nicht leicht hatten. Welche Schwierigkeiten gab es?

Ich war lange die einzige Frau unter den Assistenzärzten. Die Habilitation habe ich in meiner Freizeit geschrieben und extern eingereicht, sonst hätte ich wohl jahrelang darauf warten müssen. Mehrmals habe ich mich auf einen Lehrstuhl beworben und kam nie weiter weiter als auf den zweiten Platz. Man fragte nach den Kindern und nach meinem Mann, nicht nach meiner Leistung – das würde heute niemand mehr wagen. Trotz seiner Vorbehalte am Anfang wurde aber Kurt Semm später ein guter Freund, und ich war ab 1981 seine Stellvertreterin. Er hat auch alle meine Kinder zur Welt gebracht.

War es schwierig, Beruf und Familie zu vereinbaren?

Außer unseren drei Söhnen haben wir auch mehrere Nichten und Neffen aus der Familie meines Mannes großgezogen. Meinen Verdienst habe ich in die Kinderbetreuung gesteckt. Trotzdem war es hart, wenn mein Mann einmal nicht da war. Aber meine Söhne finden, sie hätten eine gute Kindheit gehabt. Ich habe drei Enkel, und meine Schwiegertochter arbeitet auch.

Nach Ihrer Emeritierung 2007 haben Sie die Firma Gyneconsulting gegründet. Was hat Sie dazu bewogen?

Ich brauche ja weiterhin eine Arbeitsstelle und professionelle Adresse und ein kleines Sekretariat, da ich weiter publiziere und noch überall in der Welt Vorträge halte. In Dubai Health Care City habe ich eine Gastprofessur am German Medical Center. Außerdem schreiben wir Gutachten zu medizinischen Streitfällen und beraten in Internetforen zur Kinderwunsch­behandlung und zur Endometriose, einer Erkrankung der Gebärmutter. Ich bin auch Patronin der Kieler Schule für Gynäkologische Endoskopie und Reproduktionsmedizin und arbeite bei allen Kursen mit.

Sie haben viele medizinische Beiträge veröffentlicht, aber abgesehen von einem neuen Lehrbuch für Gynäkologische Endoskopie ist Ihr jüngstes Werk eine Liebesgeschichte...

Einige Jahre nach dem Tod meines Mannes bekam ich überraschend eine Weihnachtskarte von dem Amerikaner Elwin Wallace Law, mit dem ich als junge Frau befreundet war. Wir haben uns wiedergetroffen, und seit 2010 sind wir verheiratet. In »Long Long Ago« haben wir unsere gemeinsame Geschichte aufgeschrieben. Das Buch enthält aber auch viele Informationen über meine Arbeit und meine Forschung.

Das Interview führte Eva-Maria Karpf
Expertin für künstliche Befruchtung
Liselotte Mettler wurde 1939 in Wien geboren. Sie studierte Medizin in Tübingen, Wien und Kiel, wo sie 1965 das Staatsexamen ablegte. Anschließend arbeitete sie bis 1967 im Albert-Schweitzer-Krankenhaus in der Nähe von Pucallpa in Peru. Als Assistentin von Professor Kurt Semm, Direktor der Kieler Frauenklinik, spezialisierte sie sich auf Reproduktionsmedizin und minimal- invasive Operationstechniken, wurde 1967 promoviert und habilitierte sich 1976. Gemeinsam mit Semm gründete sie die »Kieler Schule für gynäkologische Endoskopie«.

Liselotte Mettler gehört zu den weltweit führenden Köpfen in der Reproduktionsmedizin. Seit 2007 emeritiert, ist sie mit ihrer eigenen Firma Gyneconsulting in Beratung, Forschung und Lehre tätig. Von 1970 bis zu seinem Tod 2005 war sie mit dem Hämatopathologen Professor Reza Parwaresch verheiratet, mit dem sie drei Söhne hat. (emk)
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