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Nr. 77, 06.07.2013  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Feinde, die Freunde wurden

Vor 200 Jahren metzelten sich Dänen und Deutsche in Sehe­stedt gegenseitig nieder. Heute gestalten sie gemeinsam die Erinnerung an diese furchtbare Zeit.


Noch heute erinnert ein Denkmal an den dänischen Sieg in derSchlacht von Sehe­stedt 1813. Die Kanonenrohre für die Um­zäunung stiftete einst der dänische König, auch das Militär beteiligte sich – im Gegen­satz zur Sehestedter Bevölkerung, die angesichts der Verwüstungen wahrlich keinen Grund hatte, die Schlacht zu feiern. Foto: privat

Es war ein blutiger, aber unbedeutender Erfolg, den die dänischen Truppen am 10. Dezember 1813 gegen preu­ßisch-russische Verbände erreichten. Am Ende des Ta­ges lagen fast 2.000 tote Soldaten im Matsch von Sehe­stedt, doch mehr als den Rückzug in die Festung Rends­burg erreichten die zuvor bereits in der Völker­schlacht bei Leipzig unterlegenen Dänen nicht. Ihr mit dem napoleonischen Frankreich verbündeter Gesamt­staat musste sich bald darauf den siegreichen Alliierten beugen. Trotzdem gedenken die Dänen bis heute jedes Jahr ihres Sieges in der Schlacht von Sehestedt – das liegt schon seit langem auf preußischem, bzw. deutschem Boden.

Im zweihundertsten Jahr nach dem Gefecht erhält das Erinnern nun eine neue Form. Je eine Oberstufenklasse der dänischen A.P. Møller Skolen in Schleswig und des Gymnasiums Kronshagen haben sich unter Anleitung von Kieler Studierenden in dieses spannende Kapitel Regionalgeschichte eingearbeitet. Dabei stand nicht allein die kriegerische Auseinandersetzung im Vordergrund, sondern auch die Erinnerungskultur und damit verbunden die Frage, wie Dänen und Deutsche praktisch mit ihrer Geschichte umgehen. In dem gemeinsamen Projekt mit dem Dorfmuseum Sehestedt sind zahlreiche Bei­träge entstanden, etwa Plakate, Videos und ein Artikel in einem Onlinelexikon. Diese Erträge der Zusammenarbeit wurden bei einem historischen Aktionstag am 15. Juni in Sehestedt vorgestellt und sind noch bis Ende Juli im dortigen »Haus der Geschichte« zu sehen.

»Seit dem vergangenen Wintersemester läuft in der Geschichtsdidaktik die Zusammenarbeit unserer Lehramtstudierenden mit den Schülerinnen und Schülern aus Schleswig und Krons­hagen«, erläutert Professor Karl Heinrich Pohl vom Historischen Seminar der Kieler Universität. »Die angehenden Lehrkräfte hospitieren in den Klassen, sie üben mit den Oberstufen­schülerinnen und -schülern Quellenarbeit und meistern organisatorische Widerstände.«

So können sich die einen an ihrem künftigen Arbeitsplatz Schule ausprobieren, während die anderen die Gelegenheit erhalten, in die Universität hineinzuschnuppern, etwa bei der Literatur­recherche auf dem Campus. »Überhaupt trägt das Projekt zur Vernetzung der Geschichts­wissenschaft in der Region bei. Neben der CAU, den Schulen und dem Dorfmuseum ist beispielsweise auch das Landesarchiv mit im Boot«, sagt Pohl. Obwohl seit zwei Jahren emeritiert, engagiert er sich weiter in der Lehre. Das Projektseminar zu Sehestedt leitet er gemeinsam mit Professor Martin Krieger, der auf organisatorische Herausforderungen hinweist: »Das mit Bachelor und Master eingeführte Modulsystem ist nicht ideal für Projektarbeiten, die persönlichen Einsatz über eine festgelegte Anzahl Semesterwochenstunden hi naus erfordern.«

Karl Heinrich Pohl ergänzt: »Dass die Studierenden in Projektseminaren Pflichtscheine erwerben müssen, ist eigentlich ein Widerspruch angesichts der nötigen intrinsischen Motivation.« Darum, so die Schlussfolgerung der beiden Professoren, wollen sie ihren Lehramtstudierenden ein möglichst interessantes Projekt anbieten. Und das scheint zu gelingen: »Die meisten hängen freiwillig ein zweites Semester dran und arbeiten ihre Nachfolger ein«, freut sich Martin Krieger. Und durch die enge Kooperation mit den Sehestedtern hat sich dort sogar das Image von Studierenden gewandelt: »Vorher dachten viele im Dorf, die Studis würden generell mit einer Dose Bier in der Hand und frühestens mittags zu einem Termin erscheinen – sie wurden positiv überrascht«, erklärt Karl Heinrich Pohl augenzwinkernd einen gesellschaftlichen Nebeneffekt des Projekts.

Jirka Niklas Menke
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