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Nr. 77, 06.07.2013  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Dialog mit Tiefgang

Der Dialog zwischen Christentum und Islam ist keine neue Erfindung, sondern wurde schon vor mehr als 1.000 Jahren gepflegt. Auf erstaunlich hohem Niveau.


Moschee und christliche Kirche recken sich einträchtig himmelwärts: Solch friedliches Miteinander hat mehr Tradi­tion, als man in diesen aufgeregten Zeiten glauben möchte.
Foto: Picture Alliance

So manches an der heutigen allgemeinen Wahrnehmung des Islam erscheint dem Kieler Kirchengeschichtler Pro­fessor Andreas Müller oberflächlich. Die einen pflegen ein plumpes Feindbild, die anderen schwenken reichlich naiv die Fahne der Toleranz, und bei konkreten Anlässen vor Ort diskutieren irgendwie alle darüber, wie hoch ein Minarett sein soll und wie oft der Muezzin zum Gebet rufen darf. »Meistens geht es aber nicht tiefer«, befindet Müller, der aus diesem Grund erforscht, wie die Sache mit dem Dialog eigentlich begonnen hat.

Nahe standen sich beide Religionen zunächst schon des­halb, weil der um das Jahr 600 nach Christus entstandene Islam anfangs als christliche Sekte begriffen wurde und es vom Glauben an den einen Gott bis hin zur zentralen Rolle Abrahams tatsächlich eine ganze Reihe von gemeinsamen Wurzeln und Prinzipien gibt.

Diese Sichtweise änderte sich nach Müllers Ansicht jedoch relativ schnell. In der Lehre und Praxis der beiden Reli­gionen wurden kaum noch gemeinsame Grundlagen gesehen, stattdessen rückten die Unterschiede in den Mittelpunkt. Dies aber auf teils bemerkenswert konstruktive Weise, wie der Theologe der Uni Kiel betont. Müller denkt dabei an Personen wie Theodor Ab Qurrah, der sich im achten Jahrhundert nicht damit begnügen wollte, die neue Glaubensrichtung lediglich als Konkurrenz zur eigenen Lehre zu betrachten. Vielmehr sah Ab Qurrah den Islam auch »als Herausforderung für die eigene Religionskultur«, sagt Müller: »Es ging um die Frage, ›wie begründe ich die eigene Position rational?‹ Tradition und hergebrachte Autorität reichte angesichts des Neuen nicht mehr, die Begegnung mit dem Fremden diente insofern einer von Logik geprägten tiefen Durchdringung der eigenen Kultur«.

Einen regelrechten Schub bekam das Thema, nachdem sich vom Jahr 750 an das Zentrum des Islam in den Irak verlagerte. Dort lebten auch die sogenannten Nestorianer. Dabei handelte es sich um Christen, die um Vermittlung ihrer Kultur selbst an die islamischen Herrscher bemüht waren. Sie übersetzten ihre Religion gewissermaßen ins Arabische. »Das ist ungefähr so wie andersherum die Idee von einem europäischen Islam, nur dass es damals mit dem arabisierten Christentum schon viel weiter reichte«, erläutert Müller. »Erstaunlich hoch« war jedenfalls nach Einschätzung des Professors das Niveau, auf dem sich diese Christen mit Anhängern des Islam austauschten. Für ihn ist das kein Wunder, denn »beide Seiten kannten ihren Aristoteles«.

Manches spricht dafür, dass das den Beteiligten sogar einige Freude bereitete. Das Gespräch scheint sich für beide Seiten gelohnt zu haben. Noch im 16. Jahrhundert appellierte der große Reformator Martin Luther mit diesen Worten an den Mut zum Diskurs: »Wer nämlich den Feind nur tadelt und sich bloß über das, was an ihm schändlich und widersinnig ist, beschwert, aber über das schweigt, was an ihm ehrenhaft und löblich ist, der schadet der Sache mehr als dass er nützt«.

Eine solche Haltung sollte auch heute viel mehr Gewicht bekommen, wünscht sich Professor Müller und bedauert, dass christlich-islamischer Dialog oft entlang der alltäglichen Praxis läuft, aber nur selten tiefer an die Inhalte geht. Ein universitäres Projekt, in dem der Islam aus der Warte der Wahrnehmung durch andere Kulturen betrachtet wird, könnte diesen Weg zu den Inhalten nach Müllers Überzeugung befördern. Und damit beiden religiösen Lagern Anstöße zum Nachdenken über die eigene Kultur sowie zu einem unaufgeregteren Umgang miteinander geben.

Martin Geist
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