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Nr. 77, 06.07.2013  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

»Wenn ich konsequent wäre, würde ich nicht mehr in die Sonne gehen!«

Um alle Arten von Hautkrebs geht es beim 8. Melanom-Weltkongress, zu dem sich die Fachwelt im Juli in Hamburg trifft. Der Kieler Hautkrebsexperte Professor Axel Hau­schild aus der Hautklinik ist zusammen mit Professor Claus Garbe aus Tübingen Kon­gresspräsident. Im unizeit-Interview erklärt Hauschild, warum Schleswig-Holstein welt­weit die niedrigste Sterblichkeit am schwarzen Hautkrebs hat, wie man sich schützen kann und welche neuen Entwicklungen es gibt.

Axel Hauschild forscht seit 25 Jahren über Hautkrebs. Foto: pur.pur

unizeit: Welche Themen werden den Kongress bestimmen?

Axel Hauschild: Diesen 8. Melanom-Weltkongress, der zum ersten Mal in Deutschland tagt, kombinieren wir mit dem europäischen Kongress für Dermatoonkologie. Dadurch bringen wir zwei Meetings zusammen, an de­nen jeweils zwischen 1.500 und 1.800 Leute teil­neh­men. Hier trifft sich das »Who is Who« für Hautkrebs.

Zu den Hot-Topics wird auf jeden Fall das Hautkrebs-Screening gehören. Darunter verstehen wir die Suche nach dem hellen Hautkrebs, der der häufigste Tumor des Menschen ist, und die Suche nach dem schwarzen Hautkrebs, dem Melanom, das wir möglichst früh diagnostizieren wollen, um eine Heilung zu erreichen.
Die Früherkennung von Hautkrebs wurde 2003/2004 in einer Feldstudie in Schleswig-Holstein getestet. Das hat dazu geführt, dass wir in Schleswig-Holstein weltweit die niedrigste Sterb­lichkeit an schwarzem Hautkrebs haben. Übrigens ist Deutschland das einzige Land der Erde, in dem das Hautkrebs-Screening alle zwei Jahre kostenlos angeboten wird.
Weitere Kongressthemen sind neue operative Verfahren und dann natürlich die Therapien mit den neu zugelassenen Medikamenten.

Wie groß ist die Gefahr hierzulande, an einem malignen Melanom, also dem gefähr­lichen schwarzen Hautkrebs, zu erkranken?

In Australien wissen wir es ganz genau. Dort erkrankt jeder 48. hellhäutige Australierer an einem Melanom und jeder Zweite am hellen Hautkrebs. In Schleswig-Holstein gehen wir davon aus, dass etwa jeder Hundertste ein Melanom, und etwa jeder Achte hellen Hautkrebs bekommt. Wenn man die Vorstufen des Hautkrebses mitrechnet, sind es noch viel mehr.

Es gibt immer wieder Stimmen, die bestreiten, dass die UV-Strahlung die Entwicklung von schwarzem Hautkrebs begünstigt. Was entgegnen Sie?

Es gibt genügend Hinweise darauf, dass das Melanom in Zusammenhang mit Sonnenlicht steht. Der Zusammenhang ist aber nicht so eindeutig, wie beim hellen Hautkrebs. Hier findet man im Tumor klassische Mutationen für Lichtschädigung. Die findet man beim Melanom seltener. Aber es gibt einen indirekten Hinweis: Je mehr Licht wir im Laufe des Lebens auf die Haut gekriegt haben, Sonnenlicht oder auch UV-Licht aus Solarien, desto größer ist die Anzahl der Leberflecken. Je größer die Anzahl der Leberflecken ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit ein Melanom zu bekommen.
Interessant sind auch die Ergebnisse einer Studie zum Einfluss von Solarien. Danach erhöht die künstliche UV-Strahlung die Wahrscheinlichkeit ein Melanom zu entwickeln um das Fünffache. Aus gutem Grund sind daher Solarien in Deutschland und Kanada für unter 18-Jährige und in Brasilien sogar generell verboten worden.
Eine neue Studie aus Australien mit einer Nachbeobachtungszeit von zehn Jahren hat außerdem nachgewiesen, dass Sonnencremes Melanome verhindern können. Untersucht wurden zwei Gruppen. Die eine Hälfte trug Lichtschutz auf, wenn sie in die Sonne ging, die andere nicht. In der Gruppe mit dem konsequenten Lichtschutz traten 50 Prozent weniger Melanome auf!

Kann man sagen, dass der UV-Schutz durch Sonnencreme sicher ist?

Nein, das kann man nicht. Kein Lichtschutz verspricht einen hundertprozentigen Schutz. Ich selbst bin ja auch nicht gerade blass. Ich war vor kurzem in Urlaub und habe einen dunklen Hauttyp. Wenn ich konsequent wäre, würde ich nicht mehr in die Sonne gehen, oder ich würde einen Lichtschutz auftragen, der verhindert, dass ich überhaupt einen dunklen Teint bekomme.
Der Lichtschutz bewahrt vor Sonnenbrand. Wenn wir uns an diese Grenze herantasten, kriegen wir eine bestimmte Dosis von UV-Licht. Diese Dosis mag unter der Schwelle liegen, bei der wir Sonnenbrand bekommen. Dennoch kann sie bereits Hautkrebs auslösen. Durch die Lichtschutzcreme fühlen wir uns sicher und bleiben unter Umständen viel länger in der Sonne, als wir ohne Lichtschutz bleiben würden. Das ist das Tückische.

Gibt es, abgesehen vom Hauttyp, bestimmte Personengruppen, die besonders gefährdet sind?

Für Hautkrebs gefährdet sind vor allem Personen, die ihr Immunsystem mit Medikamenten unterdrücken müssen. Ich denke da vor allem an Menschen mit Spenderorganen. Von denen wissen wir, dass sie ein bis zu 500-fach erhöhtes Risiko haben, an Hautkrebs zu erkranken und daran auch zu versterben.
Besonders aufpassen müssen auch alle Menschen mit heller Haut, da sie sehr lichtempfindlich sind. Die brauchen noch nicht mal direkt in der Sonne sein. Wer rote Haare hat und ganz helle Haut, das entspricht Hauttyp 1, hat ein deutlich erhöhtes Hautkrebs-Risiko. Gefährdet sind außerdem Kinder und Jugendliche. Sie sollten zumindest keinen Sonnenbrand kriegen.
Außerdem gibt es auch eine familiäre Häufung für schwarzen Hautkrebs. Wenn Verwandte ersten Grades, Vater, Mutter, Geschwister, ein Melanom bekommen, ist das eigene Risiko ebenfalls erhöht.
Weder die familiäre Vorgeschichte noch den Hauttyp kann man ändern. Der einzige Punkt, wo wir ansetzen können, um Hautkrebs zu verhindern, ist das UV-Licht als eine der Ursachen dieses Tumors.

Seit kurzem gibt es endlich neue Medikamente für Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener Erkrankung.

Wir haben ganz spannende Neuentwicklungen zur Melanomtherapie. Zum einen sind das die zielgerichteten Therapien, wir nennen sie »targeted therapies«. Diese greifen spezielle Veränderungen an der Oberfläche der Tumorzelle nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an. Zum anderen gibt es neue Immuntherapien, die dafür sorgen, dass Tumorzellen als fremd erkannt und damit besser angegriffen und ausgeschleust werden können. Die Therapie ist im Moment stark im Fluss, so dass die gerade neu herausgegebenen Leitlinien vermutlich bald wieder erneuert werden müssen. Wir haben mindestens zwei, wenn nicht drei neue wirksame Medikamente, die in ein bis zwei Jahren auf dem Markt sein können.

Für wen sind die neuen Therapien geeignet, und was kann man damit erreichen?

Zurzeit sind sie geeignet für alle Patientinnen und Patienten mit Melanom, bei denen die Erkrankung weit fortgeschritten ist. Bei ihnen können wir in den meisten Fällen das Überleben deutlich verlängern, zum Teil auch Langzeitüberleben erreichen. Ob damit auch eine Heilung möglich ist, wissen wir noch nicht, da die Medikamente erst seit wenigen Jahren verwendet werden. Wir versuchen derzeit bereits, die neuen Therapien vorbeugend zu geben, bei Patientinnen und Patienten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit Metastasen entwickeln werden.

Fortschritte gibt es aber nicht nur beim Melanom, sondern auch beim Basalzellkarzinom der Haut. Das ist ein örtlich aggressiv wachsender Tumor, der meist im Gesicht auftaucht. Zur Behandlung von großen Tumoren gibt es jetzt erstmals ein Mittel in Tablettenform. Das ist wirklich ein Durchbruch. Die europäische Zulassung für die Substanz wird in Kürze erwartet. An dieser Entwicklung hat Kiel maßgeblich mitgewirkt; ich war europäischer Studienleiter und wir haben in der Kieler Hautklinik weltweit die zweitmeisten Patientinnen und Patienten in die Zulassungsstudie eingeschlossen. Das neue Mittel wurde in den Studien nur bei Personen eingesetzt, bei denen der Tumor weder herausgeschnitten werden konnte, noch eine Strahlentherapie möglich war. Mit anderen Worten, es waren ausschließlich die ausbehandelten schweren Fälle. Und bei diesem schwierigen Kollektiv gingen bei mehr als der Hälfte die Tumore zurück. Das ist wirklich ein gutes Ergebnis.

Meine Hoffnung für die Zukunft ist, diese Ergebnisse beim Melanom und auch beim Basal­zellkarzinom noch weiter zu verbessern. Ich möchte während meiner aktiven Zeit in der Medizin Heilungen auch bei früher unheilbaren Patientinnen und Patienten erleben. Wir sind zum Glück nicht mehr so weit davon entfernt wie noch vor wenigen Jahren!

Das Interview führte Kerstin Nees



Aleksandar Sekulic et al. Efficacy and Safety of Vismodegib in Advanced Basal-Cell Car-cinoma. N Engl J Med 2012; 366:2171-2179
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