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Nr. 77, 06.07.2013  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Ahhhhhhh!!! Der unglaublich reale Hulk

Seit ihrer Entstehung vor über 100 Jahren haben sich die Kunstformen Film und Comic stets beeinflusst. Doch was macht eine gelungene Leinwand­adaption aus?


Hulk im Comic, Hulk im Film. Abbildungen: akg-images

2012 kam mit »Marvel’s The Avengers« die kommerziell bisher erfolgreichste Comicverfilmung aller Zeiten in die Kinos. Die Superheldengeschichte um Iron Man, Captain America und Hulk, die gemeinsam eine Invasion der Erde durch den Gott Loki und die außerirdischen Chitauri verhindern, belegt mit einem Einspielergebnis von über 1,5 Milliarden US-Dollar sogar Platz drei unter den erfolgreichsten Filmen überhaupt, hinter Avatar und Titanic. Vermehrt widmen sich die Studios in den letzten Jahren Stoffen aus Comicalben oder -heften.

Doch die gemeinsame Geschichte von bewegten und unbewegten Bildern ist schon viel älter. »Die erste nennenswerte Comicadaption als Trickfilm gab es 1911 mit "Little Nemo In Slumber­land", die ersten Spielfilm adaptionen in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts«, sagt Janwillem Dubil. Der Doktorand untersucht am Kieler Institut für Neuere Deutsche Literatur und Medien, inwiefern sich die erzählerischen Strukturen des Mediums Comic in eine filmische Dramaturgie übertragen lassen und ob auch die visuellen Eigenarten auf der Leinwand umgesetzt werden können. Die Umwandlung der Einzelbilder in einem Comicalbum in bewegte Bilder stellt Filmschaffende nämlich vor einige Probleme. Oft müssen die Handlungen in den Einzelbildern für einen Spielfilm von 90 bis 120 Minuten Länge filmisch interpretiert werden. »Ein gutes Beispiel ist das Festmalbild am Ende eines jeden Asterix-Bandes – seine Detailfülle fordert die Adaption heraus, es in mehrere Einstellungen aufzubrechen«, erklärt Dubil.

Auch an Dingen, die dem Comic eigen sind und »die nicht auf unsere Welt verweisen, also Verfremdungen der Realität darstellen«, so Dubil, arbeiten sich Realverfilmungen ab – und das gelingt mal besser, mal schlechter. »Die Transformation ist dann gelungen, wenn sich die charakteristischen Merkmale des Ursprungstextes in der Adaption wiederfinden, ohne dass es offensichtlich wird, dass man es beispielsweise mit Figuren aus anderen Medien zu tun hat.« Dies glückte bei »Tim und Struppi und das Geheimnis um das goldenene Vlies« aus dem Jahre 1961 nur bedingt: Der Film hielt sich beim Figurenrepertoire stark an die Vorlage, so dass die Figuren kaum wie echte Menschen aussehen und außerdem die ganze Zeit über dieselbe Kleidung tragen. Entscheidend bei der filmischen Adaption sei, dass die Regisseurin oder der Regisseur erkennt, was die Vorlage eigentlich ausmacht:

»Je besser die künstlerischen Absichten des Comicautors in den Film herübergeholt werden, desto mehr bereichert das Medium seine eigene Kunstform«,


sagt Medienwissenschaftler Dubil. Dabei komme es sowohl auf die Figuren an, als auch auf erzählerische Strukturen. So übernimmt die Verfilmung der Geschichte des grünen Gamma­strahlen­monsters »Hulk« von 2003 mit dem Split-Screen-Verfahren, der Aufteilung der Leinwand in mehrere Einzelbilder, zwar typische optische Grundprinzipien des Marvel-Comics, suggeriert damit allerdings Gleichzeitigkeit und nicht die Abfolge von Ereignissen. »Das war erzähl­öko­nomisch unsinnig«, meint Dubil. Bei »Batman und Robin« (1997) gerät die Figur des Bane, im Comic einer der gefährlichsten Gegner des Helden im Fledermauskostüm, zu einem einfältigen Schläger – an den Kinokassen war diesem Teil der Batman-Reihe kein großer Erfolg beschieden.

Daneben gibt es aber auch positive Beispiele wie den Film »Watchmen«, der auf der zwölfteiligen Comicheft-Reihe von 1986/87 basiert und 2009 in die Kinos kam. »Imitiert wird hier streckenweise die Seitenaufteilung von drei Panels (Einzelbildern) pro Zeile, die beispielsweise durch den Blick durch drei Fenster dargestellt wird«, erklärt Janwillem Dubil, »und in einer Kampfszene zeigt jede Einstellung nur eine einzelne Bewegung, da ein Comic ja auch immer nur eine Phase von ihr pro Bild zeigen kann«. »The Avengers« zeuge hingegen davon, wie sehr die Erzählweise des Comics große Hollywood-Produktionen mittlerweile durchdrungen hat: Der Film sei bereits seit »The Incredible Hulk« (2008) vorbereitet worden, indem die Figuren zunächst in Einzelfilmen vorgestellt wurden. Dann begann man sie zu verknüpfen, wie bei »Iron Man« und »Thor« meist in einer Szene nach dem Abspann. Jeder der vorangegangenen Filme werbe dabei gleichzeitig für den Event-Film »The Avengers«. »Im Comic ist es, vor allem bei Marvel, gängige Praxis, einzelne Serien ihrer Superhelden zu verknüpfen«, sagt Dubil, »"The Avengers" ist somit die filmische Nachstellung comictypischer Veröffentlichungsstrategien«.

Denis Schimmelpfennig
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