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Nr. 78, 26.10.2013  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE  Feedback 

Frisch und frech vorgetragen

Bei der Science Show stellen junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre Forschung pointiert und allgemeinverständ­lich vor. Damit der Schritt vom Schreibtisch auf die Bühne gelingt, können sie sich in einem Workshop vor­bereiten.


Mit viel Spaß und Energie präsentierten Ricardo Fernandes und andere Promovierende bei der Kieler Woche ihre Themen. Foto: Uni Kiel

Sonntag um kurz vor 16 Uhr macht die Kieler Woche ihrem Ruf als regenreichstes Volksfest Nordeuropas mal wieder alle Ehre. Dunkle Wolken am Himmel, ein heftiger Schauer geht auf das große Zelt der Christian-Albrechts-Universität an der Kiellinie nieder. Ruckzuck füllen sich die letzten freien Klappstühle des offenen Hörsaals mit tropfnassen Gestalten, von denen noch nicht ganz klar ist, ob sie wegen des Wetters hier Zuflucht suchen oder gezielt wegen der gleich startenden Science Show gekommen sind. Während das Prasseln der Tropfen auf der Zeltplane die typische Geräuschkulisse aus wummernder Musik vom Getränkestand gegenüber und Schiffshörnern auf der Förde übertönt, greift Moderator Ulf Evert zum Mikrofon. »Setzen Sie sich ruhig. Noch ist der Boden sauber, die Kieler Woche fängt ja gerade erst an« ermuntert er die Nachzüglerinnen und Nachzügler, die sich anschicken, nun auch auf den Zeltbrettern zu Füßen der Klappstuhlergatterer Platz zu nehmen. Selbst Stehplätze sind jetzt Mangelware, während Evert den ersten Kurzvortrag ankündigt.

Rückblende. Mitte Juni, in einem schlichten Seminarraum auf dem Uni-Campus. Draußen vor den Fenstern ein unentschlossen hellgrauer Kieler Nachmittag, der nicht so recht zu wissen scheint, ob er noch Frühling oder schon Frühsommer sein will. Ricardo Fernandes hat sich eingefunden, um seinen Beitrag für die Science Show zu proben. Aus dem Publikum erhofft sich der Doktorand wertvolle Tipps, denn das Publikum besteht heute aus Kate Simmons. Die Präsentations und Kommunikationstrainerin soll den wissenschaftlichen Nachwuchs auf den »großen Auftritt« bei der Kieler Woche vorbereiten und wurde dafür von der Integrated School of Ocean Sciences (ISOS) im Exzellenzcluster »Ozean der Zukunft« und dem Graduiertenzentrum engagiert. Und dieses Vorbereiten bedeutet für Simmons nicht nur Feinschliff an den Powerpoint-Folien, sondern zuallererst Arbeit an so grundlegende Dingen wie Körpersprache und Lautstärke.

»Es ist faszinierend, welche Intelligenz der Körper in Performance-Situationen zeigt«, begeistert sich Simmons und unterstreicht ihre Aussagen mit entschlossenen Handbewegungen. »Viele Menschen stellen ihre Stimme automatisch auf die richtige Lautstärke ein, um einen Raum zu füllen. Trotzdem gibt es hin und wieder noch eine Bremse, die ich herausnehmen möchte.« Gelegentlich lässt sie zur Bühnengewöhnung auch einmal jemanden auf einen Stuhl steigen und von dort herab vortragen.

Die gebürtige Britin weiß noch um eine weitere Audio-Hürde, an der manche Erstlinge vor größerem Publikum scheitern: Die Veranstaltungstechnik. Bei der kieler uni live, in deren Rah­men die Science Show stattfindet, bekommen alle Vortragenden ein kleines Mikrofon ange­steckt.

»Wenn die eigenen Worte aus den Lautsprechern zurückkommen,
ist das für manche Körper ein richtiger Schock«,


weiß Kate Simmons. Um den abzumildern, hat sie für den Morgen der Show eine Generalprobe mit Soundcheck anberaumt.

Der Portugiese Ricardo Fernandes macht mit seiner festen Stimme und den breiten Schultern den Eindruck, als könnte ihn so schnell nichts aus der Ruhe bringen. Trotzdem sagt er: »Ein bisschen Nervosität vor Auftritten ist gut, es gibt dir mehr Energie.« Um diese Nervosität unter Kontrolle zu behalten, kennt die theatererfahrene Kate Simmons einen Trick: »Betritt den Raum, such dir deinen Platz auf der Bühne, und erst wenn du dort zum Stehen gekommen bist, beginnst du zu sprechen«, rät sie Ricardo. Der verschwindet daraufhin auf den Flur, um Augenblicke später wieder durch die Tür zu kommen. Mit wenigen langen Schritten erreicht er das Kopfende des Seminarraumes und greift zur Fernbedienung für den Laptop.

Fernandes schreibt seine Doktorarbeit an der Graduiertenschule Human Development in Landscapes über Isotopenanalysen von Knochen. Für die Science Show hat er sich einen Teil­aspekt seines Promotionsprojektes herausgesucht: Knochen erscheinen in Radiokarbon­untersuchungen älter, wenn die Person zu Lebzeiten viel Fisch gegessen hat. Folie um Folie wirft der Beamer an die Wand, während der junge Wissenschaftler seine Geschichte erzählt. Die mittelalterliche Königin Editha kommt ebenso darin vor wie fröhliche Kohlenstoffteilchen und zum Christentum bekehrte Wikinger, die plötzlich mehr Fisch als Fleisch verzehren.

Nach dem Probevortrag gibt es erstmal ein Lob von Kate Simmons, weil Fernandes sich ziemlich präzise an die formellen Vorgaben gehalten hat: Zehn Minuten, zehn Folien. »Eine Stunde kann jeder über sein Thema sprechen – die Kunst sind zehn Minuten!«, betont Simmons. Auch bei den Folien liegt er nur knapp über dem Limit, allerdings moniert die Trainerin einen anderen Punkt: »Schalte nicht zu schnell zur nächsten Folie, sonst kann das Publikum dir nicht mehr folgen«. Im Idealfall, so Simmons, stehe am Ende einer Folie eine Frage, die von der nächsten beantwortet wird.

Ohnehin sei das Wandbild mit Vorsicht einzusetzen, da zu viele Informationen aus dem Beamer das Publikum geradezu erschlagen könnten: »Death by Powerpoint ist immer eine Gefahr.« An Ricardos Präsentation hat sie aber nur noch Kleinigkeiten auszusetzen: Bei einer Folie fehlt der klare Zusammenhang zu seinem Vortrag, eine andere hat er mit vielen Fotos versehen, die alle die gleiche Information transportieren, auf einer dritten Folie steht eine Karte, die neben den zwei für seine Geschichte wichtigen Orten noch zahlreiche weitere enthält. »Dadurch kann das Publikum abgelenkt werden und den Erzählfaden verlieren«, warnt Kate Simmons und rät, jede Folie nur mit den wirklich notwendigen Informationen und einfach zu erfassenden Abbildungen zu bestücken.

Das Publikum bedankte sich mit viel Applaus für die unterhaltsamen Vorträge. Foto: Uni Kiel

Die Science Show der Kieler Uni wurde von Avan Antia (ISOS), Sabine Milde (Graduierten­zentrum) und Doktorand Ulf Evert ins Leben gerufen. Sie basiert auf dem Konzept des Science Slams, bei dem sich vornehmlich junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Kurzvorträgen messen. Das Vorbild hierfür sind die als Poetry Slam bekannten literarischen Wettbewerbe. Der erste Science Slam überhaupt wurde 2006 in Darmstadt abgehalten, seitdem haben sich in Dutzenden weiteren Städten der Bundesrepublik und in Ländern wie Chile, Indonesien und Südafrika Veranstaltungen dieser Art etabliert. Während beim Science Slam der Wettbewerb im Vordergrund steht, möchte die Science Show dem forschenden Nachwuchs an der CAU vor allem die Gelegenheit bieten, das eigene Projekt in unterhaltsamer, allgemein­verständlicher Weise zu präsentieren – und damit nicht zuletzt die eigene Persönlichkeit weiterz­uentwickeln.

»Der Schritt vom Labor oder Schreibtisch in die Öffentlichkeit ist für viele Doktorandinnen und Doktoranden ein ziemlich großer Sprung«,


meint Kate Simmons: »Wer das hinbekommt, findet oft einen ganz neuen Zugang zum eigenen Forschungsthema und vertritt es anschließend mit viel größerem Selbstvertrauen.«

Für Ricardo Fernandes ist die Teilnahme an der Science Show zugleich auch Gradmesser dafür, wie weit er die Grundlagen seiner eigenen wissenschaftlichen Arbeit wirklich durchschaut. »If you can’t say something in an easy way, you haven’t really understood it«, sagt er in Anlehnung an ein Zitat, das dem amerikanischen PhysikäNobelpreisträger Richard Feynman zugeschrieben wird: Wenn du etwas nicht in einfachen Worten erklären kannst, dann hast du es nicht wirklich verstanden.

Am Tag der Science Show scheint Ricardo Fernandes die Ruhe selbst zu sein. Zwar wirkt er mit tiefen Ringen unter den Augen ziemlich unausgeruht, doch das liege eher daran, dass er in der Endphase seiner Doktorarbeit stecke, meint er mit einem Augenzwinkern. Moderator Ulf Evert ruft ihn als zweiten Referenten auf die Bühne. Und obwohl Ricardo Englisch spricht, folgt das Publikum gebannt seiner Geschichte von scheinbar uralten Fischkonsumenten. Mehrere witzige Folien sorgen für großes Gelächter.

Nach zwei weiteren Kurzvorträgen belohnt lang anhaltender Applaus die jungen Wissenschaft­lerinnen und Wissenschaftler, die sich der Herausforderung gestellt haben, ihre Forschung unter­haltsam und verständlich zu präsentieren. Selbst diejenigen Gäste, die bloß vor dem Regen­schauer ins CAU-Zelt geflüchtet sind, haben sich von der Science Show in den Bann schlagen lassen, während draußen längst wieder die Sonne scheint.

Jirka Niklas Menke
Nachwuchs erneut auf der Bühne
Wer sich für frische Wissensvermittlung durch junge Forscherinnen und Forscher wie bei der kieler uni live begeistert, sollte sich den 15. November im Kalender anstreichen. Dann stellt der Nachwuchs bei der achten Night of the Profs im Zehn-Minuten- Format unterhaltsam und verständlich seine Projekte vor. Die »Future Profs at Night« entern, präsentiert von der Gradu­iertenschule Human Development in Landscapes und dem Graduiertenzentrum, um 20 und um 23 Uhr die Bühne im Hörsaal 2, Christian- Albrechts-Platz 3. (jnm)
In der Kürze liegt die Würze
Bei der Kieler Science Show gilt wie bei jedem Science Slam: Fasse dich kurz und unterhalte das Publikum. Zehn Minuten Redezeit sollten nicht überschritten werden. Da die meisten wis­senschaftlichen Projekte sehr umfangreich sind, bietet es sich an, einen Teilaspekt heraus­zugreifen und um diesen herum einen Erzählstrang anzulegen. Wenn mit einer Computerprä­sentation gearbeitet wird, sollten die Folien nur unterstützende und ergänzende Informationen enthalten, um das Publikum nicht vom Redefluss der oder des Vortragenden abzulenken. Faustregel: Eine Folie pro Minute Vortrag. Und dann: Ab auf die Bühne! (jnm)
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