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Nr. 80, 12.04.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Sammeln gegen die Endlichkeit

Volkskunde ist für Silke Göttsch-Elten ein faszinierendes Fach. Die damit ver­bundene Karriere war nicht wirklich geplant. Sie ergab sich eher.


Silke Göttsch-Elten Foto: Martin Geist

Professorin am Seminar für Europäische Ethnolo­gie und Volkskunde. War das schon immer Ihr Leib- und Magenfach?

Silke Göttsch-Elten: Nicht so ganz. Zuerst hatte ich Geschichte und Englisch auf Lehramt studiert und kam nach zwei Monaten zur Überzeugung, dass ich ganz bestimmt nicht Lehrerin werden wollte. Dann sah ich mich um, was es sonst noch gab, und entdeckte die Volkskunde. Der wissenschaftliche Umgang mit Alltags­kultur und das unglaublich breite Spektrum an Themen, das hat mich sofort fasziniert.

Sie wurden mit 28 Jahren promoviert, legten mit 37 Jahren Ihre Habilitationsschrift vor und waren keine 40, als Sie Ihre erste Professur antraten. Das sieht nach einem sehr beherzten Durchmarsch aus.

(lacht) Frauen müssen eben schneller sein. Aber im Ernst, natürlich war und bin ich mit viel Leidenschaft dabei. Und als Frau kam mir zugute, dass mein Fach schon immer stark von Frauen geprägt ist. 70 Prozent der Studierenden in Kiel sind weiblich, fast 40 Prozent der Lehrstühle im deutschsprachigen Raum sind von Frauen besetzt. In Kiel sind es sogar 50 Prozent, also zwei von vier. Die Herausforderung, in Männerbastionen einzudringen, gab es also gar nicht so.

In anderer Hinsicht haben Sie trotzdem Barrieren durchbrochen. Sie waren von 1998 bis 2000 die erste Dekanin in der sehr langen Geschichte der Philosophischen Fakultät.

Ja, und das war gar nicht so selbstverständlich. In manchen Fakultäten wird dieses Amt nach dem Rotationsprinzip vergeben, bei uns geht aber grundsätzlich ein echter Findungsprozess voraus. Das hängt einfach mit der Größe der Fakultät zusammen. Bei etwa 70 Professuren ist der Arbeitsaufwand so groß, dass eine Dekanin schon ein gewisses Maß an Motivation und Neigung mitbringen muss. In meinem Fall lief es so, dass ich darauf angesprochen wurde. Ich überlegte dann kurz und kam zum Schluss, dass ich Lust auf dieses Amt hatte. Hochschul­politik macht Spaß, und als Dekanin eine Zeit lang ziemlich weit vorn mitgemischt zu haben, betrachte ich als sehr gute Erfahrung. Die Konflikte, die es dabei selbstverständlich gibt, haben Männer genauso auszuhalten.

Trotzdem währte Ihre Amtszeit nur zwei Jahre.

Das hat nichts mit Frust oder so etwas zu tun. Ich wollte einfach wieder mehr Wissenschaft machen. Wie gesagt, in einer so großen Fakultät ist es eben kein Nebenjob, Dekanin zu sein.

Nun ist Ihr Hauptjob ja schon lange wieder die Wissenschaft. Was treibt Sie im Moment um?

Grundsätzlich interessiere ich mich immer stark für die historische Seite der Volkskunde. Zurzeit sind das zum Beispiel Minderheitenfragen. Wie haben vor hundert Jahren Grenz- und Auslands­deutsche ihre kulturelle Identität definiert, und inwiefern trug die offizielle Kulturpolitik dazu bei, diese Gruppen identitätsmäßig zu stärken? Das sind Fragen, die mich auch deshalb interes­sieren, weil die Antworten darauf bis heute unser politisches Verständnis von Minderheiten prä­gen. Ein anderes Thema ist momentan das volkskundliche Wissen in der Gesellschaft. Oder genauer, die Art und Weise, wie Sagen, Märchen, Trachten und derlei Dinge gewissermaßen politisch instrumentalisiert werden können. Im deutsch-dänischen Grenzkampf zum Beispiel wurden diese Sachen als Beweise dafür herangezogen, dass das umstrittene Gebiet ja schon immer deutsch gewesen sei.

Beteiligt ist die Volkskunde auch am Projekt »Erfahrung und Umgang mit Endlichkeit«

Wenn es gut geht, wird daraus ja sogar ein eigener Sonderforschungsbereich.

Wir jedenfalls sind mit einem Projekt zum Thema Sammeln und Aufbewahren um 1900 dabei. Das mag, wie so manches Mal in unserem Fach, ziemlich banal klingen, es steckt jedoch viel dahinter. Sammeln und Aufbewahren sind Strategien gegen die Endlichkeit. Nicht nur gegen die persönliche Endlichkeit, sondern auch gegen die der eigenen Kultur. Wie wichtig dieses Thema in der damaligen Zeit genommen wurde, zeigt das umstrittene, aber sehr erfolgreiche Buch »Untergang des Abendlandes« von Oswald Spengler. Und damit sind wir schon bei einer Alltags angelegenheit, die in philosophische Dimensionen führt.

Das Interview führte Martin Geist
Immer engagiert
Silke Göttsch-Elten ist 1952 in Ostholstein geboren und studierte von 1971 bis 1977 Volks­kunde, Mittelalterliche und Neuere Geschichte sowie Nordistik an der Universität Kiel. Nach Magisterabschluss und Promotion arbeitete sie unter anderem am Württembergischen Landesmuseum in Stuttgart, ehe sie 1991 einen Ruf als Professorin für Volkskunde an der Universität Freiburg erhielt.
1995 wechselte sie auf den entsprechenden Lehrstuhl in Kiel. Dekanin war sie in der Zeit von 1998 bis 2000, von 2002 bis 2005 übte sie als zweite Frau überhaupt im Rektorat der Univer­sität Kiel das Amt einer Prorektorin aus.
Darüber hinaus hat sich Göttsch-Elten in vielen anderen Bereichen engagiert. Unter anderem war sie 1999 bis 2003 Vorsitzende der Deutschen Gesell­schaft für Volkskunde, seit 2008 wirkt sie als Fachkollegiatin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. (mag)
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