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Nr. 80, 12.04.2014  voriger  Übersicht  weiter  REIHEN  SUCHE 

Harmonisches Forschen in Kiel

Alessio Martini verbrachte zwei Jahre als Humboldt-Stipendiat am Mathematischen Seminar. Er erforscht Probleme der Harmonischen Analysis und kann dank der Deutschen Forschungs­gemeinschaft noch ein weiteres Jahr in Kiel arbeiten.


Foto: acw

Wer Karriere als Wissenschaftler oder als Wissenschaftlerin machen will, muss flexibel sein. Pisa, Sydney, Kiel und bald Birmingham – hier befinden sich die Stecknadeln in Dr. Alessio Martinis akade­mischer Landkarte. Der gebürtige Italiener befasst sich mit »Harmo­nischer Analysis« und hat sich dabei auf die sogenannten Lie-Grup­pen spezialisiert. Diese mathematische Struktur, benannt nach dem Mathematiker Sophus Lie, dient zur Beschreibung kontinuierlicher Symmetrien und ist Werkzeug in fast allen Teilen der heutigen Mathematik sowie in der Physik.

Zwei Jahre lang forschte Martini als Humboldt-Stipendiat bei Professor Detlef Müller, der den Arbeitsbereich Harmonische Analysis am Mathematischen Seminar der CAU leitet – im Januar lief die Förderung aus. Martini erforschte Fragen zur Spektraltheorie von Operatoren, die auf Lie-Gruppen »leben«. Die Spektraltheorie kommt unter anderem in der Quantenmechanik zum Einsatz, um Messgrößen und die dazugehörigen Messergebnisse zu modellieren. »Die Probleme in meinem Forschungsbereich sind sehr abstrakt und komplex, denn Lie-Gruppen unterteilen sich in zahlreiche Klassen«, erläutert er. Gemeinsam mit Müller konnte Martini jetzt alle zwei-stufigen nilpotenten Lie-Gruppen bis zur Dimension 7 errechnen.

»Es gibt unendlich viele Lie-Gruppen, und erst für wenige ist das Problem vollständig gelöst«, er­klärt der 31-Jährige fast enthusiastisch. Seit 20 Jahren gebe es das Problem, dass viele Lie- Gruppen noch nicht berechnet sind. Bereits früh habe Detlef Müller angefangen, sich mit dem Thema zu beschäftigen und in internationaler Zusammenarbeit, vor allem mit Professor Elias Stein aus Princeton (USA), die ersten fundamentalen Resultate erzielt. Müller gilt als inter­national führender Experte für die Analysis auf Lie-Gruppen, deshalb wollte Martini nach Kiel. Nach der Promotion bewarb er sich als Post-Doc für ein Humboldt-Stipendium. Die Wartezeit bis zur Zusage verbrachte er an der University of New South Wales in Sydney.

»Es ist sehr schwer, Karriere zu machen als Wissenschaftler, weil man weit vorausschauend planen muss«, sagt er. So hat Martini bereits während seiner Zeit als Humboldt-Stipendiat einen Antrag auf Förderung bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gestellt. Die von Martini gefundenen Resultate haben wichtige Fortschritte in der Entschlüsselung der zahlreichen Lie-Gruppen erbracht. Doch es gibt noch viele offene Fragen. Um diese zu beantworten, hat er jetzt ein weiteres Jahr Zeit. Das freut ihn, denn er lebt gerne in Kiel. Er hat VHS-Kurse besucht und sehr gut Deutsch gelernt. »Es war eine interessante Gelegenheit, die Sprache zu lernen, weil man dadurch eine andere Sichtweise auf die Welt erlangt«, sagt der Italiener.

In Kiel hat er Wurzeln geschlagen – er singt in der Studentenkantorei mit. Das spiegelt sich auch in seiner sehr akzentuierten Sprechweise wider. Die »Stadt am Meer« will er in diesem Jahr ergründen und endlich einmal segeln gehen. »Ich liebe die Natur rund um die Stadt«, schwärmt der passionierte Fahrradfahrer. Große Städte mag er eigentlich nicht. Wie es in einem Jahr weitergeht, das weiß Martini auch schon. Vor kurzem hat er bereits eine weitere Auslands­bewerbung geschrieben. 2015 bekommt er eine unbefristete Stelle als Dozent im englischen Bir­mingham. Trotzdem hofft er, auch in Zukunft mit Professor Müller weiterarbeiten zu können. Es gibt noch viele Lie-Gruppen zu untersuchen.

Ann-Christin Wimber
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